Wolken über Traunstein, Bomben auf Freising

Erinnerungen an den Luftangriff vom 18. April 1945

von Ernst Keller, 23. Mai 2015

Es ist Mittwoch, der 18. April 1945, ein angenehmer Frühlingstag. Wegen des Wochenmarktes sind viele Bauern aus dem Umland in der Stadt. Einige Gruppen junger Männer halten sich gerade zur Musterung in Freising auf. Als ein riesiger Rauchzylinder die Zielmarkierung Bahnhof anzeigt, ahnen die meisten wohl, was auf sie zukommt.
Exakt um 14.53 Uhr und 30 Sekunden gibt „Lead Bombardier“ Kapitän Harry Meadville das Kommando an alle Maschinen der sogenannten Gruppe A zum Abwurf der Bomben. Die Flugaufzeichnung im „Report of Operational Day Mission No. 252“ vermerkt „BOMBS AWAY – Freising“. Die Aktion dauert nur eine Minute. Pilot der Führungsmaschine ist Kapitän Edward W. Coleman. Als Copilot und Flugkommandeur sitzt neben ihm Oberst Eugene Romig. Die Führungsstaffel („Lead Squadron“) gehört zur 401. Bombergruppe eines im Laufe des Krieges zur 94. Gruppe A („94th Bombardment Wing“) zusammengeschlossenen effektiveren Verbandes mit ursprünglich 30 B 17-Bombern. Eine Maschine, die „Plane 43-38646“ des Piloten 1st Lt. Viehman, wird nach einem Flakbeschuss am nördlichen Alpenrand als verloren gemeldet. Die beiden anderen Staffeln der Gruppe A, die „High Squadron“ und die „Low Squadron“, werden angeführt von 1st Lt. John Gerber und 1st Lt. Jerald Hart.
Diese drei Staffeln der U.S.-Luftwaffe flogen in drei Wellen in der bekannten V-Formation mit je einem Führungsflugzeug. Sie waren sowohl in der Höhe gestaffelt als auch seitlich versetzt. Der Abstand der Bomber in einer Staffel betrug 50 feet (15,24 m). Beim Abwurf der Bomben auf Freising befand sich die Führungsstaffel in einer Höhe von 18.300 feet (ca. 6.000 m), die tiefe Staffel („Low Squadron“) auf 17.500 feet (ca. 5.800 m), also 200 m tiefer. Die „High Squadron“ vervollständigte die Formation, hatte aber keine Bomben mehr an Bord.

Wie aus dem Flugplan hervorgeht, startete die 401. Bombergruppe (BG) der 8. USAAF um 8.50 Uhr auf ihrem Basisflughafen Deenethorpe/Northamptonshire, rund 160 km nördlich von London, und landete dort wieder um 18.53 Uhr. Der Anflug von England aus erfolgte über Belgien und Frankreich. Um 12.36 Uhr wurde das Deutsche Reichsgebiet erreicht. Von Trier ging es über Stuttgart und das Allgäu bis zum nördlichen Alpenrand. Vom Inntal aus, nördlich des Wilden-Kaiser-Gebirges, flog der Verband schließlich zum ersten Ziel, der Stadt Traunstein.
Dort sollten der Rangierbahnhof und vor allem das Elektro-Umspannwerk Wegscheid angegriffen werden, von dem vermutet wurde, dass es Hitlers „Adlerhorst“ in Berchtesgaden mit Strom zu versorgen hatte. Nachdem eine Wolkendecke aufzog, konnte nur die „High Squadron“ eine Bombardierung – visuell – durchführen. Neun Maschinen luden auf Kommando des Bombardiers 1st Lt. Armond Biasella 161 Bomben ab. Weitere folgten später.

Nach dieser Aktion gab Flugkommandeur Oberst („Colonel“) Romig aus Ohio um 14.34 Uhr den Befehl, nunmehr das zweite oder Alternativziel („secondary target“), den Rangierbahnhof in Freising und wohl auch in dessen Umfeld die teilweise auf Rüstungsprodukte zwangsumgestellten Fabriken Schlüter und Steinecker anzugreifen.
Der Missionsreport vermerkt einen Abwurf von 356 Bomben des Typs GP 250 M57 durch 20 B 17, der so genannten „Fliegenden Festungen“ („Flying Fortress“). Der Bombentyp mit „Kopfaufschlagzünder“ gilt als Standard der Amerikaner bei Luftangriffen. „250“ steht für das Gewicht. 250 Engl. Pfund entsprechen 113,4 Kilogramm. Vier Bomben blieben im Auswurfschacht hängen. Alle Bomben waren Sprengbomben. Es wurde kein Flakbeschuss registriert. Die gesamte Mission 252 der 401. Bombergruppe war nach zehn Stunden beendet.

Die Brandbomben blieben der 457. BG vorbehalten. Diese bestand aus der 748. bis 751. Bomberstaffel mit insgesamt 29 Maschinen vom Typ B 17. Ihr Basisflughafen befand sich in Glatton, einer ehemaligen RAF-Station nördlich von London. Gruppenführer war Captain Franklin C. Rollins. Eine Maschine der 751. Bomberstaffel, die „A/C 44-8557“ des Piloten William I. Thistle, wurde bei ihrem Flug zu den Zielen Traunstein und Freising, ihrer letzten Mission, wie auch die eingangs erwähnte Viehman-Maschine im Bereich des „Wilden Kaisers“ durch die dort noch intakten Flakstellungen abgeschossen.
Flugzeugingenieur John T. Miller kam dabei ums Leben, neun Mann der Crew konnten sich mit dem Fallschirm retten, gingen aber in deutsche Kriegsgefangenschaft. Hinsichtlich des Begleitschutzes in Freising vermerkt der Bericht lediglich, dass er „angemessen“ gewesen sei. Feindberührung habe es keine gegeben.
In welchem konkreten Zeitrahmen sich der Angriff dieser zweiten Bombergruppe bewegt hat, ist mangels vorliegender Flugaufzeichnungen nicht bekannt. Laut anderer Quellen soll die Bombardierung um 15.15 Uhr geendet haben.

Fazit: Am 18. April 1945 startete die 8. U.S.-Luftflotte mit 767 schweren Bombern und 705 Jagdbombern von ihren Stützpunkten im Norden Londons die Mission „8. AF 959“, um strategische Ziele im Süden des Deutschen Reiches und der Tschechoslowakei anzugreifen. Ihre 1. Air Division bestand aus 276 Bombern Typ B-17 und 139 Begleitjägern Typ Mustang P 51.
Zu dieser Division gehörten auch die Freisinger Angreifer der eben erwähnten „94th A Group“ mit 29 Bombern, darunter 9 Maschinen ohne Bomben sowie 29 beladene Bomber der „457th Bomb Group“, also insgesamt 58 Maschinen.

Die Bilanz war verheerend. Nach Erhebungen des Bayerischen Statistischen Landesamtes, die bereits im Juli 1945 durchgeführt wurden, waren 19 Wohnhäuser, 80 Wohnungen, 13 landwirtschaftliche Betriebsgebäude, 22 Industrie- und Handelsgebäude sowie die 1862 bis 1864 erbaute Protestantische Kirche (bis auf den Turm) total zerstört. Schäden von 5 bis 100 Prozent hatte man an insgesamt 189 Gebäuden oder Bauwerken festgestellt, darunter der Bahnhof mit Gleisanlagen, die Stellwerke, die Dienstgebäude der Reichsbahn und Reichspost, die Eisengießerei Schlüter, die Maschinenfabrik Steinecker, das Elektrizitätswerk, das Heeresverpflegungsamt, das Vinzentinum, die Lagerhäuser Ottmann, Hirschböck und Huss, die Buchdruckerei Datterer u.v.m.
Es gab drei wesentliche Schadenszonen: das Bahnhofsviertel, der Wörth sowie der Obere Graben mit Kochbäcker- und Stieglbräugasse. In den vom Angriff betroffenen Bereichen kam es zu ausgedehnten Bränden.

Wie hoch die Zahl der Opfer ist, kann bis heute nicht zweifelsfrei festgestellt werden. Man spricht von 224 Toten und 38 Schwerverletzten, von denen viele in der Folgezeit starben. Wie Zeitzeugen berichten, waren manche Leichen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Ein paar zerfetzte Ochsenfuhrwerke zeugten noch vom Wochenmarkt. Im Stadtfriedhof Freising, Eingang Kammergasse, wurden in Papier gehüllte Tote, das Papier vom Blut durchtränkt, zunächst an der Friedhofsmauer „aufgestapelt“. Andere lagen am Weg, notdürftig zugedeckt, und mussten erst identifiziert werden. Es sollen rund 100 Zivilisten gewesen sein.
Hier fand der Gebirgsjäger Leonhard Kranz seine 16-jährige Freundin Justine Brandmeier aus Eching, die ihn gerade im Pallottiner-Hilfslazarett besuchen wollte. Der aus Russland heimgekehrte Schwerverwundete erfuhr am Spätnachmittag von ihrem Bruder, dass sie nicht mehr nach Hause gekommen war. Daraufhin schleppte er sich zum Bahnhofsplatz und schließlich zum Stadtfriedhof, wo er seine tote Freundin nur noch an ihrem Sonntagsdirndl erkannte, das sie bei besonderen Anlässen gerne getragen hatte. Zum tödlichen Verhängnis wurde ihr – so der heute 92-Jährige – dass sie bei ihrer Zugfahrt nach Freising noch zum Friseur und zum Bahnhofskiosk gegangen sei und sich ausgerechnet in dem Moment bei der Evangelischen Kirche befunden habe, als die Bomben einschlugen. Die herbeigerufene Mutter habe dann ihre tote Tochter in ein „Heuwagerl gepackt“ und nach Hause gefahren, auch er sei heimgegangen, trotz Verwundung, und nie mehr in das Lazarett zurückgekehrt.

Zur Leichenbergung in Freising wurde unter anderen ein gehbehindeter Mintrachinger von seinem Ortsbauernführer befohlen. Er erhielt den Auftrag, einen Militäranhänger, auf den Soldaten rund zwanzig eingesammelte Leichen geschichtet hatten, mit seinem Schlüter-Bulldog zum Friedhof Neustift zu ziehen. Dort legte man die Toten in ungehobelte Särge und stapelte sie – immer drei übereinander – in eigens ausgehobene zimmerhohe Massengräber.
Der Bruder des Fahrers ist der Schmied Anton Hofmann aus Mintraching. Dieser besorgte sich am Bahnhof einige verbogene Eisenbahnschienen, um daraus Tür- und Fensterstürze für seine Kundschaft herauszuschneiden. Die verbogenen Teile wurden unter anderem in seiner Kellerdecke einbetoniert, wo sie sich noch heute befinden.

Es gibt viele Geschichten und unglaubliche Schicksale, wie zum Beispiel das der Familie Schwaiger aus der Ungerer Straße in München. Nachdem der Familienvater eineinhalb Jahre zuvor gefallen war und die Luftangriffe zunahmen, wurden die beiden minderjährigen Kinder Karl (8 Jahre alt) und Eva (5 Jahre alt) zu ihrer Großmutter in das vermeintlich sichere Freising evakuiert. Als die Oma mit ihren Enkeln am Fürstendamm spazieren ging, schlug eine Bombe ein. Alle drei waren auf der Stelle tot. Was aus der Mutter geworden ist, ist nicht überliefert.

Nur wenige Spuren jener unheilvollen Viertelstunde der Freisinger Stadtgeschichte sind heute noch zu finden: Das von Bombensplittern teilweise zerbeulte und durchlöcherte Brückengeländer an der Schleifermoosach bei der Altöttinger Kapelle, ein zerfetzter Reisepass, den sein Besitzer, der Obermonteur Johann Ernst, bei sich hatte, als ihn die Bombe im Steinecker-Betriebsgelände traf oder eine nur leicht beschädigte Taschenuhr, die beim Bombeneinschlag stehengeblieben war, während ihr Inhaber, der Steinecker-Arbeiter Josef Stampfl, getötet wurde.
Auf rund 15 Grabsteinen in Stadt und Land findet man noch Inschriften mit Hinweisen auf die Bombenopfer. Kein Denkmal und keine Gedenktafel erinnert an dieses historische Ereignis. Lediglich vor der evangelischen Christihimmelfahrts-Kirche ist ein kurzer Schriftzug angebracht. Vielleicht reift eines Tages in Freising die Erkenntnis, eine sichtbare Form des Gedenkens, verbunden mit einer Mahnung zum Frieden, für den 18. April 1945 zu finden.