Die Brunnhausgasse

Zur Geschichte eines kurzen, aber interessanten Freisinger Strassenzugs

von Florian Notter, 03. Juli 2011

Innerhalb Freisings gibt es bedeutendere, historisch besser erhaltene und auch wesentlich längere Straßenzüge als die Brunnhausgasse. Dennoch ist sie es wert, sich mit ihr zu beschäftigen, nicht nur wegen der bis heute reizvollen Lage am Südfuß des Dombergs, sondern vor allem wegen einigen kulturgeschichtlich interessanten Einrichtungen, die dort ihren Standort hatten.

Verlauf und Funktion der Brunnhausgasse
Was ihren Verlauf betrifft, so nimmt die Gasse ihren Anfang an jener Stelle, an der die Bahnhofstraße (früher: Münchner Straße) auf den Domberg trifft; zwischen Dombergfuß und dem Altenwohnheim „Vinzentinum“ zweigt sie in Richtung Osten ab. Nach rund 60m endet die Brunnhausgasse als Sackgasse, ursprünglich an einem Tor, das in den Residenzgarten und späteren Hofküchengarten führte, heute dagegen an einer großen, 1980 errichteten Wohnanlage („Stadlerhof“). Historisch gesehen handelt es sich bei der Brunnhausgasse um einen vorstädtischen Straßenzug, der außerhalb der Stadtgrenze, nur wenige Meter vom Münchner Tor entfernt, lag. Anders als in der jetzigen Zeit, in der die Gasse im Wesentlichen von den Gebäudegruppen des Vinzentinums und der besagten Wohnanlage dominiert wird, war sie bis ins späte 19. Jahrhundert hinein von mehreren kleinteiligen Bauten geprägt. Diese Gebäude wurden entweder sozial (Bruderhaus, später „Vinzentinum“, mit dem Bruderhausstadel) oder – bis 1802/03 – als Einrichtungen des fürstbischöflichen Hofes (Hofküchengärtnerhaus, Hofwäscherhaus, Hofbrunnhaus) genutzt.

Zur historischen Bebauung der Brunnhausgasse
Das Bruderhaus bzw. Vinzentinum (Brunnhausgasse 2-4) Das Bruderhaus gehörte zum Kreis jener bedeutenden sozialen Institutionen (wie etwa das Heiliggeistspital, das Waisenhaus, das Krankenhaus, das Seelnonnenhaus oder das Leprosenhaus), die das Leben im alten Freising über Jahrhunderte hinweg entscheidend mitgeprägt haben. Laut dem Historiker Rudolf Goerge muss es bereits im frühen 14. Jahrhundert als Leprosenhaus bestanden haben. Ins Bruderhaus wurden alte und kranke Menschen aufgenommen, dort versorgt und betreut – eine Funktion, die sich bis heute erhalten hat. Das Gebäude hatte man im Lauf der Zeit mehrmals neu aufgeführt, zuletzt in den Jahren 1949 bis 1954, nachdem der Vorgängerbau aus dem 19. Jahrhundert beim Bombardement auf Freising am 18. April 1945 weitgehend zerstört worden war; auch der schöne, barock anmutende Turm ist eine Schöpfung dieser Zeit. Lediglich im Bereich der in das Gebäude integrierten Altöttinger Kapelle hat sich ältere Bausubstanz erhalten. Sie wurde in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts, der Hochphase der barocken Marienverehrung, erbaut und darin eine Kopie des Altöttinger Mariengnadenbildes aufgestellt. Städtebaulich erfüllt das Vinzentinum eine wichtige Aufgabe: Es schließt die (innere) Bahnhofstraße nach Südosten ab und markiert darüber hinaus den Beginn der Brunnhausgasse.

Der Bruderhausstadel
Dem Vinzentinum nördlich gegenüber steht – weit in den Hang hineingebaut – das älteste Gebäude der Brunnhausgasse: der Bruderhausstadel. Das Haus diente als Wirtschaftsgebäude des alten Bruderhauses bzw. des späteren Vinzentinums. Es hat nicht nur die Abbruchwelle, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts sämtliche Häuser auf der Nordseite der Gasse zum Opfer gefallen sind, überdauert, sondern trotzte auch dem Bombenhagel im April 1945. Der Bruderhausstadel stellt das einzige Gebäude dar, das sich von der historischen Bebauung der Brunnhausgasse erhalten hat. Daher kommt ihm eine hohe Bedeutung zu, die sich in einer Instandsetzung niederschlagen sollte.

Das Hofküchengärtnerhaus (abgebr.)
Das Hofküchengärtnerhaus schloss direkt an die Ostseite des Bruderhausstadels an, was dort bis heute an der fensterlosen Wand nachvollziehbar ist. Es ist sowohl auf dem Kupferstich, als auch auf der historischen Fotografie (vgl. Abb.) als traufständiges Haus mit einem hohen Dach zu erkennen. Wie es für das 18. Jahrhundert nachzuweisen ist, hatte hier der Hofküchengärtner seine Dienstwohnung. Dieser stand dem fürstbischöflichen Hofküchengarten, der am östlichen Ende der Brunnhausgasse anschloss, vor. Er und seine Gärtnergesellen waren für die tagtägliche Versorgung der Hoftafel mit Obst, Gemüse und Kräutern verantwortlich. Das Haus musste Ende des 19. Jahrhunderts dem Neubau der Arbeiterheimat weichen.

Das Hofwäscherhaus (abgebr.)
Um ein besonders schönes Gebäude handelte es sich beim Hofwäscherhaus. Es stand zwischen dem Hofküchengärtner- und dem Hofbrunnhaus und fiel durch seine Giebelständigkeit wie auch durch seine barocke Fassadengliederung auf. Der Hofwäscher war für die permanente Wäsche der Kleider des Fürstbischofs zuständig. In den Quellen ist immer wieder auch von einer großen „Wasch Aufhäng“ die Rede, die wohl auf der Wiese vor dem Gebäude lag. Auch das Hofwäscherhaus fiel dem Bau der Arbeiterheimat zum Opfer.

Das Hofbrunnhaus (abgebr.)
Das Haus, das der Gasse – nachweislich allerdings erst im 19. Jahrhundert – seinen Namen gab, war das Hofbrunnhaus. Auf dem Kupferstich wie auch auf der Fotografie präsentiert es sich als vergleichsweise unscheinbares Gebäude, nichts am Erscheinungsbild verrät etwas von seiner eigentlichen Funktion. Hier lag die zentrale Wasserversorgung des fürstbischöflichen Hofes. Das Hofbrunnhaus dürfte an dieser Stelle gegen Ende des 16. Jahrhunderts gebaut worden sein, jedenfalls wird es seit dieser Zeit immer wieder erwähnt. Für das 18. Jahrhundert liegen detaillierte Beschreibungen der Anlage vor: Demnach befand sich im 1. Obergeschoß die Dienstwohnung des Hofbrunnmeisters und seiner Familie, im Erdgeschoß dagegen die Brunnstube mit dem Wasserwerk. Über einen von der rund 100m westlich gelegenen Wörthmoosach abgezweigten Kanal konnte ein in der Brunnstube befindliches großes Wasserrad angetrieben werden, an dessen nach einer Seite hin verlängerten Achse, dem sog. Wellbaum, mehrere Pumpen angebracht waren. Diese pumpten aus einem darunter gelegenen Tiefbrunnen Wasser in bleierne Leitungen, die über den Südhang des Dombergs und unter dem Residenzhof hindurch bis in den großen Residenzturm, in dem sich ein großer Kupferbehälter befand, geführt wurden. Durch das Gefälle des Turms konnte ein ausreichender Druck erzeugt werden, um ein weitverzweigtes Leitungsnetz, das sich über den Domberg und die Bürgerstadt erstreckte, mit Wasser zu speisen. Nach dem Ende der fürstbischöflichen Herrschaft 1802/03 wurde das Hofbrunnhaus weiter betrieben und diente schließlich vor allem dem 1826 im Residenzgebäude eingerichteten Priesterseminar als Wasserwerk. Mit der Errichtung der zentralen städtischen Wasserversorgung am Veitshof 1888 verlor das Hofbrunnhaus seine eigentliche Funktion. Zehn Jahre später, 1898, wurde es – wie das Hofküchengärtnerhaus und das Hofwäscherhaus – abgerissen und dort das große Gebäude der Arbeiterheimat mit dem bekannten „Leosaal“ errichtet, welches im Jahr 1980 wiederum der heutigen Wohnanlage weichen musste.