Umgebaut: Die Knabenschule St. Georg

Aus der Freisinger Schulgeschichte

von Katrin Stockheim, 07. Mai 2013

Ruhe erfüllt den Raum, die Zeit scheint still zu stehen im Rückgebäude der ehemaligen Knabenschule St. Georg. Erinnerungen an Kinderflüstern, Papiergeraschel, die mahnende Stimme des Lehrers und den Schulgong, der die Schüler aus der Konzentration befreit und sie aus dem Klassenzimmer in den Schulgang treibt, ziehen vorbei. Jahrelang stand das Gebäude leer, bevor 2011 die Baumaschinen anrollten und mit der Sanierung des Hauses den Staub der Geschichte entfernten. Lange Zeit hatte die Stadt nach einer neuen Nutzungsmöglichkeit gesucht. Mit der Erweiterung des bereits seit 2008 im Frontgebäude heimischen Staatsinstituts für die Ausbildung von Förderlehrern konnte die Verwaltung einen zur Historie passenden Mieter gewinnen und das Gebäude im Herbst 2012 wiedereröffnen.

Die Geschichte der Knabenschule St. Georg zeigt, dass die Frage nach einem geeigneten Schulgebäude die Stadt Freisinger seit jeher beschäftigt. Nachdem es im Zuge der Säkularisation zur Auflösung der Domschule, der Stiftsschulen von St. Andreas und St. Veit wie auch der im ehemaligen Waisenhaus in der Luckengasse befindlichen Normalschule kam, wurden deren Schüler der neuen Stadtschule zugewiesen, die im Studiengebäude am Marienplatz, dem Asamgebäude, eingerichtet wurde. 1803/04 besuchten 356 Kinder aus Neustift, Tuching, Vötting, Hohenbachern, Pulling, Attaching und Haindlfing den Unterricht. 1839 zog das Königlich Bayerische Appellationsgericht von Landshut nach Freising und beanspruchte das Gebäude. Kurzfristig wurden die Klassen in Notquartieren untergebracht, die teils im Rathaus, im Kloster St. Klara, aber auch im Ochsenstall des Bürgermeisters Gößwein in der Fischergasse lagen. Vier Jahre dauerte dieser Zustand an, bis 1843 die für den Schulbetrieb umgebauten Räume im ehemaligen Franziskanerkloster, der heutigen Korbinianschule, Platz für alle Schulkinder bieten sollten. Doch die stark zunehmenden Schülerzahlen machten weiteren Raum notwendig. Vorerst konnte dieser Entwicklung mit der Ausgliederung von Ortsteilschulen entgegengetreten werden. Auf der Suche nach einem weiteren Schulgebäude in der Innenstadt fasste der Stadtmagistrat zunächst den Plan, das heutige Predigerhaus am Rindermarkt zu erwerben und zum Schulhaus umzubauen. Da das Gebäude bei näherer Untersuchung jedoch als zu schmal und unzugänglich beurteilt wurde, wurde die Idee wieder fallen gelassen. Die neue Lösung fand sich im Erwerb eines Baugrunds an der Heiliggeistgasse. Für insgesamt 18.700 Gulden erwarb die Stadt die darauf liegenden Anwesen von der Ledererstochter Helene Passauer, dem Metzger Arnold und den Taglöhnern Karl Biller und Wolfgang Thalhammer. Die Baukosten wurden mit Genehmigung des Staatsministeriums durch den staatlichen Lokalmalzaufschlag für das exportierte Bier finanziert. 1861 konnte die Knabenschule mit fünf Schulräumen und einer Hausmeis-terwohnung feierlich eröffnet werden. Die bisherige Schule im ehemaligen Franziskanerkloster wurde zur Mädchenschule unter der Leitung der Armen Schulschwestern. In den folgenden Jahrzehnten kam es zum Bau der Neustifter Schule und einer Aufstockung der Mädchenschule. Ende des 19. Jahrhunderts litt auch die Knabenschule wieder unter Platznot. Nach dem Muster eines Münchner Schulhauses wurde bis 1902 im Hinterhof ein Neubau mit modernster Einrichtung inklusive Zentralheizung, Schülerbrausebad und Turnhalle errichtet. Die Kosten für Bau und Einrichtung lagen bei 158.000 Mark. Eine Investition, die sich gelohnt hat, so war doch zumindest die Turnhalle wie auch die damals eingebauten Heizkörper bis 1987, der Auflösung der Volksschule St. Georg, in Betrieb. Auf vier Ebenen entstanden 15 Lehrsäle, das Rektorat, eine Registratur, ein Werkraum, Toilettenräume und ein Bücher- und Lehrmittelraum.

 

Während der Weltkriege diente das Gebäude zeitweise als Lazarett. 1937 wurde die katholische Knabenschule St. Georg aufgelöst und zur Gemeinschaftsschule umgewandelt, bis sie 1945 wieder als Knabenvolksschule St. Georg zur Konfessionsschule wurde. Mit 1.000 Schülern verzeichnete St. Georg zwei Jahre später die höchste Schülerzahl. Unterrichtet wurde von der 1. bis zur 8. Klasse. Bereits in den 1960er Jahren lagen die Schülerzahlen bei 500, neben den traditionellen Fächern wie Deutsch, Mathematik und Religion gab es auch – zunächst noch freiwillig – Kurse in Englisch, Maschinenscheiben und Kurzschrift. Mit der Neuordnung des Schulwesens 1969 wurde die Konfessionsschule als Regelschule aufgehoben, St. Georg wurde zur Teilschule mit den Klassen 1 bis 4 in der Grundschule und den Klassen 5 und 6 in der Teilhauptschule I. Zu Beginn des Schuljahrs 1969/70 erhielten erstmals 35 Schüler evangelischen Religionsunterricht. Nach Weihnachten desselben Jahres wurde zum Unmut der Eltern das Fach Geschlechtliche Aufklärung eingeführt. Doch die Richtlinien der Regierung besagten „Geschlechtliche Aufklärung ist in erster Linie Aufgabe der Eltern. Die Schule ist aufgrund ihres Bildungs- und Erziehungsauftrags verpflichtet, bei dieser Aufgabe mitzuwirken.“ Die ersten zwei Gemeinschaftsklassen wurden 1973/74 gegründet. Aufgrund der fehlenden Mädchentoiletten war die Fortführung jedoch zunächst gefährdet. Ein Jahr später wurde die erste Modell-Klasse für türkische Schüler eingerichtet.

Die Schulsprengel-Änderung 1977 läutete schließlich das Ende des Schulbetriebs in St. Georg ein. Sie führte nicht nur zur Auflösung der Knabenschule. Die Anforderungen an den modernen Unterricht in der Hauptschule machten auch nicht vorhandene Fachräume für Physik, Chemie und ein Sprachlabor notwendig. Die alte Turnhalle und der nur unzureichend vorhandene Außensportbereich bereiteten zusätzliche Probleme. Im Juni 1977 lehnte die Regierung von Oberbayern jedoch den Antrag auf Neubau der Turnhalle und Aufstockung des Schulhauses ab. In diesem Schuljahr besuchten 617 Schülerinnen und Schüler St. Georg. Die Klassenstärke lag in insgesamt 18 Klassen bei durchschnittlich 31 Kindern. Zehn Jahre später besuchten lediglich 256 Kinder die St. Georg Schule. Die Stadt hatte auf Drängen der Regierung von Oberbayern bereits die Auflösung der Schule beschlossen. Mit einer erneuten Schulsprengel-Änderung wurden die Kinder der 1. bis 4. Klasse der Schule St. Korbinian zugeteilt, die Kinder der 5. und 6. Klasse durften nun den Neubau der Paul-Gerhard-Schule an der Düwellstraße besuchen, die von der Teilhauptschule II zur Vollschule wurde. Am 31. Juli 1987 schrieb Otto Zoth, letzter Rektor der St. Georg Schule, in die Chronik: „Mit dem heutigen Tag endet die Geschichte der Volksschule St. Georg, über die in den letzten Tagen so viel in den Freisinger Zeitungen zu lesen stand. Mit ihr schließt auch diese Chronik, die über viele Jahrzehnte Lehrer- und Schülerdasein berichtet, den Leser über Angenehmes und Erfreuliches, aber auch über Notzeiten und Schwierigkeiten informiert.“ Was Zoth nicht wusste, bis heute ist das Gebäude seiner Bestimmung treu geblieben. Denn in der Urkunde zur Grundsteinlegung hieß es bereits „Möge dieses Haus eine reine und reichliche Quelle für Bildung und Sittlichkeit werden! Gott gebe es!“. Bis 2002 wurde das Gebäude von der Pestalozzischule genutzt. Anschließend zog die 7. Jahrgangsstufe der Realschule für zwölf Monate als Zwischennutzer ein. Weitere Nutzungsmöglichkeiten etwa als Kino, Betreutes Wohnen oder Volkshochschule beschäftigten in den Folgejahren den Stadtrat. 2008 zog dann wie von den Erbauern vorgesehen mit dem Staatsinstituts für die Ausbildung von Förderlehrern wieder eine Lehranstalt in die alten Mauern ein.