Karikatur zum Freisinger OB-Wahlkapf 1958

Archivstück des Monats Schätze aus dem Stadtarchiv Freising: März 2020

von Florian Notter, 29. Februar 2020

Am Sonntag, 23. März 1958, fand in Freising turnusgemäß eine Oberbürgermeisterwahl statt. Nach derjenigen vom 30. März 1952 war dies erst die zweite Wahl, bei der der Oberbürgermeister von der wahlberechtigten Stadtbevölkerung direkt gewählt werden konnte. Vor Inkrafttreten der (bis heute gültigen) Bayerischen Gemeindeordnung im Januar 1952 war das Gemeinde- bzw. Stadtoberhaupt in Bayern ausschließlich vom Gemeinde- bzw. Stadtrat bestimmt worden. Die Freisinger Oberbürgermeisterwahl von 1958 war darüber hinaus die erste Direktwahl, bei der es mehrere Kandidaten gab. Sechs Jahre zuvor war Amtsinhaber Max Lehner noch der einzige Kandidat gewesen und – wenig überraschend – mit großer Mehrheit wiedergewählt worden. Lehner, der als Rechtsanwalt während der NS-Zeit jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger verteidigt hatte und deshalb schwere persönliche Drangsale über sich ergehen lassen musste, war seit 1948 Oberbürgermeister. Die ersten zehn Jahre seiner Amtszeit waren vorwiegend von den spezifischen Problemen der Nachkriegszeit gekennzeichnet: von Wohnungs- und Versorgungsmangel, von Arbeitslosigkeit und von der Integration der aus den Ostgebieten geflohenen oder vertriebenen Deutschen. Nun, 1958, musste sich Max Lehner, der zeitlebens keiner politischen Partei angehörte, jedoch in aller Regel auf die Unterstützung der CSU und der Bayernpartei zählen konnte, zwei Herausforderern stellen. Der erste, der seinen Hut in den Ring warf, war Josef Maisch von der Freisinger SPD. Maisch, ein gebürtiger Münchner, unterrichtete Mathematik und Physik am Domgymnasium und an der Oberrealschule (nachmals Josef-Hofmiller- Gymnasium). Als Mitglied des Stadtrats verfügte er über mehrjährige kommunalpolitische Erfahrung. Ähnlich gut gerüstet gewesen sein dürfte auch der zweite Herausforderer Lehners: Hans Hofmann von der Freisinger FDP. Hofmann, gebürtig aus Niedermirsberg (Oberfranken), war mehrere Jahre lang 2. Bürgermeister und damit (ehrenamtlicher) Stellvertreter des Oberbürgermeisters. Zusammen mit seiner Frau betrieb Hans Hofmann, der in Weihenstephan Landwirtschaft studiert hatte, das seinerzeit sehr bekannte Café Fraunhofer in der Oberen Stadt. Wie aus der Presseberichterstattung der beiden damaligen Freisinger Lokalzeitungen, dem Freisinger Tagblatt und der (bis 1968 bestehenden) Freisinger Zeitung, hervorgeht, entwickelte sich der OB-Wahlkampf 1958 insgesamt recht lebhaft. Der Amtsinhaber war unerwartet deutlicher Kritik ausgesetzt und sah sich mehrmals gezwungen, zu reagieren. Zuletzt kam es verschiedentlich auch zu unfairen Aktionen, wie es etwa ein im ganzen Stadtgebiet verbreitetes Flugblatt bezeugt, das sich mit schweren persönlichen Anschuldigungen gegen einen der Kandidaten richtete. In der Wochenendausgabe vom 22./23. März 1958 veröffentlichte die Freisinger Zeitung zur unmittelbar bevorstehenden Wahl eine Karikatur aus der Feder des Karikaturisten Dieter Hanitzsch; ein partiell koloriertes Exemplar hat sich im Stadtarchiv Freising innerhalb einer Sammlung von Zeitungsausschnitten zur Amtszeit Lehners erhalten (vgl. Abb.). Das karikierte Ambiente steht unter dem Motto „Wahl des Mr. Freising“ und zeigt die drei Bewerber auf einer Bühne, wie sie sich vor ihren Wählern in Szene setzen. Unterschiedliche Attribute, die die Kandidaten in Händen halten oder die zu ihren Fü.en stehen, stellen in zugespitzter Art und Weise besondere persönlichen Eigenheiten heraus. Links ist Max Lehner als schmächtiger Mann mit übergro.em Kopf dargestellt, der – ausgestattet mit Schreibfedern, Tintenfass und Paragraphenzeichen auf dem Umhängeschild – den schöngeistigen, juristisch versierten, „feinen“ Bildungsbürger verkörpern soll. Bodenständiger ist Herausforderer Hans Hofmann karikiert: Er, der „eisenharte“ Geschäftsmann, sucht den direkten Kontakt zur Wählerschar, der er jovial zuwinkt; der Bierkrug zu seinen Fü.en trifft seine Profession als Cafetier jedoch nicht ganz. Scheinbar vergeblich lässt rechts der Kandidat der SPD, der „Rechner“ Josef Maisch, die (nicht vorhandenen) Muskeln spielen; der Abakus in seiner linken Hand karikiert seine Tätigkeit als Mathematiklehrer. Die Wahl am 23. März 1958 brachte schließlich folgendes Ergebnis: Max Lehner: 48,98 %; Hans Hofmann: 28,4 %; Josef Maisch: 22,6 %. Die Stichwahl am 30. März 1958 entschied Max Lehner mit 57 % für sich (gegen 43 % für Hans Hofmann).
QUELLEN: StadtAFS, Akten IV, Gr. 0250 (OB-Wahl 1958); ebd., Gr. 0251 (OB Lehner); ebd., Druckschriftensammlung, Parteien (Wahldruckschriften 1958); ebd., Zeitungssammlung, Freisinger Tagblatt, März 1952 u. 1958, sowie Freisinger Zeitung, März 1958. Besonderer Dank gilt Dieter Hanitzsch, München, der uns die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Karikatur gegeben hat, sowie Norbert Zanker, Freising, für Informationen rund um die OB-Wahl