Den Kopf in der Schlinge

Über den KZ-Arzt Erwin von Schuler, der sich im August 1945 in Freising erhängte.

von Peter Becker, 03. Oktober 2013

„Täter im weißen Kittel“, lautet der Titel des Geschichtsmagazins „Damals“ in der April-Ausgabe 2013. Historiker schildern in ihren Beiträgen, wie Ärzte in der Zeit des Nationalsozialismus gegen ihr Berufs-ethos verstießen. Einer von ihnen war der Oberstabsarzt Freiherr Erwin von Schuler. Er gehörte zu den Medizinern, die im Auftrag des Regimes im Konzentrationslager Buchenwald Impfstoffe gegen Fleckfieber testeten. Erwin von Schuler war als Kriegsgefangener angeblich wegen einer Blinddarmentzündung ins Reservelazarett gekommen, das Ende des Zweiten Weltkriegs im Pallottiner-Kloster einquartiert war. Dort setzte er seinem Leben ein Ende. Knapp zwanzig Jahre später musste sich die Freisinger Kriminalpolizei auf Anfrage der Kölner Staatsanwaltschaft mit dem Fall „von Schuler“ beschäftigen. Diese bezweifelte den Tod des Mediziners. Krankenakten und Ermittlungsergebnisse der Polizei lagern im Stadtarchiv Freising. Die Dokumente erzählen die mysteriöse Geschichte des Oberstabsarzts.

„Tod durch Erhängen“, lautet die Diagnose, die Stabsarzt Walter Pape am Freitag, 14. August 1945, im „Hospital 1000“ stellte. Dies war die Bezeichnung für das Reservelazarett im Freisinger Pallottiner-Kloster. Bei dem Selbstmörder handelte es sich um den Oberstabsarzt Freiherr Erwin von Schuler. Dieser war seit Dezember 1941 Leiter der Fleckfieber-Versuchsabteilung des Hygiene-Instituts der Waffen-SS im Konzentrationslager Buchenwald. Dort testete er Impfstoffe gegen diese Krankheit an Häftlingen. Bis zum Januar 1945 starben hier knapp 1000 Menschen an den Folgen jener medizinischen Experimente.
Erwin von Schuler wurde am 19. September 1912 in Bitterfeld geboren. Er war seit 1932 Mitglied der NSDAP und später der SS. Seit 1938 war er Lagerarzt in Buchenwald. Seit 1941 war er damit beschäftigt, einen Impfstoff gegen das in Deutschland grassierende Fleckfieber zu entwickeln. Truppen der US-Amerikaner nahmen Schuler im April 1945 gefangen. Zunächst kam er ins Kriegsgefangenenlager nach Ratibor. Von dort führte sein Weg weiter in ein Lager in Erding. Angeblich wegen einer akuten Lungenentzündung wurde Schuler am 25. Juli ins Reservelazarett nach Freising verlegt. Aus der Krankheitsgeschichte des Patienten geht hervor, dass ihn Stabsarzt Pape noch am gleichen Tag operierte. Der Eingriff verlief komplikationslos. Wenige Tage später klagte Erwin von Schuler über Probleme beim Stuhlgang, verursacht durch Hämorrhoiden. Dazu kam eine Thrombose in der linken Wade. Noch am 13. August heißt es im Krankenbericht, dass sich der Befund nicht verschlechtert habe.

 

Am 14. August um sieben Uhr erhielt Stabsarzt Pape einen Brief, den Erwin von Schuler an ihn adressiert hatte. In dem Schreiben teilte er mit, „dass er Hand an sich gelegt hätte“. Außerdem tat er seinen letzten Willen kund. Ein weiterer Brief war an Oberleutnant Professor Blake in der Artillerie-Kaserne (General-von-Stein-Kaserne) gerichtet. Dessen Inhalt ist nicht bekannt. Pape ließ das Hospital durchsuchen. Er selbst fand den Oberstabsarzt erhängt „am Fensterkreuz des Zimmers 45“. Die Leichenstarre war schon eingetreten. Seine Zimmergenossen sagten aus, dass Erwin von Schuler gegen 3.30 Uhr das Krankenzimmer verlassen habe, um auf die Toilette zu gehen. „Sämtliche Herren betonen, daß er ganz geordnet gewesen sei, daß er nur zwei Briefe geschrieben hätte“. Mit diesem Satz endet die Krankheitsgeschichte von Erwin von Schuler. Er hatte sich wohl das Leben genommen, weil er wusste, dass er wegen seiner Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen werden würde.

19 Jahre später ging ein Schreiben bei der Freisinger Kriminalpolizei ein. Absender war der Leitende Oberstaatsanwalt in Köln, zugleich Leiter der Zentralstelle in Nordrhein-Westfalen für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen in Konzentrationslagern. Die Behörde beschäftigte sich mit Sammelermittlungsverfahren wegen im Buchenwalder Konzentrationslager begangener Verbrechen. Die Kölner Zentralstelle bezweifelte, dass es sich bei jenem Toten, der  im Neustifter Friedhof bestattet worden war, um Erwin von Schuler gehandelt habe. „Es ist nach dem Kriege immer wieder behauptet worden, daß der Obengenannte in Wahrheit noch am Leben sei“, lautet der im Schreiben geäußerte Verdacht. Die Zentralstelle bat daher die Freisinger Polizei um intensive Nachforschungen über die Todesumstände des Beschuldigten mit dem dringenden Vermerk: „Die Sache sollte weniger eilig als vielmehr gründlich behandelt werden.“

Mit wie viel Eifer sich die Freisinger Polizisten damals ans Werk machten, kann nur vermutet werden. Am 14. Oktober 1964 schickte Kommissar Wührmann von der Freisinger Kriminalpolizei (die es bis zu den Polizeireformen der 1970er Jahren noch gab) den Schlussbericht zu den Ermittlungen an die Kölner Staatsanwaltschaft. Aufgeführt sind darin alle Zeugen samt ihren Aussagen, die sie zum Tod Erwin von Schulers gemacht haben. Diese liefern auch interessante Details zum Krankenlager.
Willy W. war von Dezember 1943 an Intendant des Reservelazaretts Ratibor in Oberschlesien. Dieses wurde im Januar 1945 nach Freising ins Pallottiner-Kloster verlegt. Nach dem Einmarsch der Amerikaner erhielt es den Namen „Reservelazarett 1000“. W. war bis zu dessen Auflösung im Mai 1946 dort beschäftigt. Nach Angaben des Intendanten war es mit etwa 1000 Kranken belegt. Eine von W.’s Aufgaben bestand darin, die Todesanzeigen an das Standesamt zu unterzeichnen. „Die Toten habe ich in keinem Falle gesehen“, sagte er bei seiner Vernehmung durch die Polizei. W. sagte weiter, er könne sich an einen Stabsarzt Erwin von Schuler nicht erinnern. Auch von einem Selbstmord wisse er nichts. „Ich halte es doch für ausgeschlossen, daß eine Person, über die damals eine Todesanzeige erstattet worden ist, nicht verstorben sein soll“, gab er zu Protokoll.
Die Ermittlungen führten die Kriminalpolizei weiter zu Alois U., der Chefarzt des Reservelazaretts gewesen war und dies im Auftrag der Amerikaner als Kriegsgefangener weiterhin leitete. Er betonte, dass er das Reservelazarett bereits geführt hatte, als es noch in Ratibor stationiert war. In seiner Aussage klingt Missmut durch. „Unter Bewachung amerikanischer Soldaten habe ich in den Teillazaretten Visite abgehalten, aber nicht täglich. Das hing von der Laune der Amerikaner ab.“ Zum Fall Erwin von Schuler sagte er: Pape habe ihm mitgeteilt, dass ein Arzt von den Amerikanern in seine Abteilung eingeliefert worden sei. Ein paar Tage später habe ihm Pape mitgeteilt, dass dieser Patient Selbstmord begangen habe. Gerüchteweise soll sich dieser eine Schlinge um den Hals gelegt und dann Äther „genommen“ haben. „Ich selber habe den Toten überhaupt nicht gesehen, weder tot noch lebendig“, sagte U. aus. Er wusste allerdings, dass der Mann unter besonderer Bewachung der Amerikaner stand. U. konnte sich weder an Erwin von Schuler erinnern noch an dessen Krankheiten. „Auch ein Krankenblatt habe ich nicht gesehen“, behauptete er. Dagegen spricht, dass er das Blatt mit der Krankheitsgeschichte des Selbstmörders selbst unterzeichnet hat. U. verwies darauf, dass nur Pape nähere Angaben machen könne.

Um den ehemaligen Stabsarzt ausfindig machen zu können, musste die Freisinger Kriminalpolizei die Hilfe der Kollegen im westfälischen Höxter in Anspruch nehmen. Pape war leitender Sanitätsoffizier des Reservelazaretts Ratibor/Freising gewesen. Seine Aussage überrascht in zweierlei Hinsicht. Entgegen den vorliegenden Dokumenten behauptete Pape, dass sich Erwin von Schuler bereits im Juni oder Juli 1945 umgebracht habe. „Um sieben Uhr kam mein Putzer und überbrachte mir einen Brief des Oberstabsarztes Dr. Erwin Schuler aus Leipzig, den er in dem mir unterstellten Lazarett verfasst hatte.“ Darin teilte er mit, dass er sich auf dem Dachboden des Lazaretts im Pallottiner-Kloster erhängt habe. „Sofort nach dem Erhalt des Briefes bin ich im Schlafanzug mit meinem Putzer auf den Dachboden geklettert und fand dort den Oberstabsarzt Dr. Schuler aus Leipzig erhängt am Dachfirst vor“, berichtete Pape weiter. Er habe sich mit einem roten Rundfunkkabel erhängt. Pape ließ den Toten aus der Schlinge nehmen und erstattete Meldung. „Ich habe meines Wissens den Totenschein ausgefüllt mit der Diagnose: Selbstmord durch Erhängen“, sagte Pape aus. Er habe Schuler gut gekannt und wisse, dass dieser von einem Freiherrn von Ding adoptiert worden sei. Mag sich Pape auch in seiner Erinnerung im Monat täuschen: Das eigentlich Überraschende ist seine Aussage: „An einer Blinddarmentzündung oder Thrombophlebitis war er nicht erkrankt.“ Pape versicherte, dass es sich bei dem von ihm bezeichneten Mann um den Oberstabsarzt der Waffen-SS Erwin von Schuler gehandelt habe. Seines Wissens sei dieser in Freising begraben worden. Dies bestätigen Nachforschungen der Freisinger Polizei. Kommissar Wührmann schreibt in seinem Abschlussbericht, dass in den in der Stadtverwaltung vorhandenen und erstellten Kriegsgräberlisten vom 12. Oktober 1953 im Neustifter Friedhof insgesamt „127 Angehörige der ehemaligen Wehrmacht in vier Reihengräbern in Doppellage bestattet gewesen sind. Darunter in der Sektion VI Reihe I Grab Nummer 10 Freiherr von Schuler“. Diese Kriegstoten wurden nach Angaben des Kommissars am 14. April 1959 exhumiert und in die Kriegsgräberstätte nach Treuchtlingen in Mittelfranken zur Umbettung überführt.
Der Bericht der Freisinger Kriminalpolizei schließt nach den Untersuchungen mit dem Satz: „Nach dem Ermittlungsergebnis und insbesondere durch die Aussage von Dr. med. Pape dürfte somit mit Sicherheit festgestellt sein, dass der ehemalige SS-Sturmführer und Oberstabsarzt Dr. med. Erwin von Schuler am 14. August 1945 in Freising verstorben ist.“