Das Freisinger Residenzschloss

Teil III: Der „Große Saal“

von Florian Notter, 01. März 2012

„Im Jahre 1844 verlor Freising eines der schönsten und merkwürdigsten Denkmäler alter Baukunst, nämlich den sogenannten Steinernen Saal im hiesigen k. Residenzgebäude, der an Größe und Schönheit wenige seines Gleichen gehabt haben dürfte, und zu Aufwartungen und musikalischen Produktionen herrlich geeigenschaftet war.“ Mit diesen Worten brachte der Geschichtsschreiber Anton Baumgärtner (1815-1871) in seiner Stadtgeschichte von 1854 sein Bedauern über die zehn Jahre zuvor getroffene Entscheidung, den repräsentativsten Raum der Freisinger Residenz aufzugeben, zum Ausdruck. Das erzbischöfliche Klerikalseminar, das seit 1826 einen Teil der seit 1802/03 verwaisten Residenz belegte, benötigte den Platz für weitere Unterrichtsräume. Der großzügige, knapp 180 Jahre alte Saal, der sich über das erste und zweite Obergeschoss im westlichen Teil des Residenzsüdflügels erstreckte, wurde durch Einzug einer Zwischendecke in zwei Geschosse geteilt; in jedem Geschoss richtete man schließlich mehrere kleinere Zimmer ein, die von einem schmalen Gang erschlossen werden. Diese Situation ist bis heute unverändert geblieben.
Im Folgenden sehen wir uns näher an, was es mit dem „Großen Saal“ – so wird der Raum im 17. und 18. Jahrhundert bezeichnet, der Name „Steinerner Saal“ wird erst in der Säkularisationszeit gebräuchlich – auf sich hatte: Durch wen der Saal errichtet wurde, welche Funktion er hatte, wie er ausgestattet war und nicht zuletzt auch, welche Bedeutung seine Wiederherstellung für Freising heute haben kann.

Der Bau des „Großen Saales“ 1668/69
Der „Große Saal“ wurde in den Jahren 1668/69 vom Freisinger Fürstbischof Albrecht Sigmund von Bayern (reg. 1651-1685) errichtet. Ein entsprechender Hinweis hat sich in einer Aufstellung der Freisinger Hofkammer, der zentralen Finanzbehörde des Fürstentums, erhalten. Aus dieser Aufstellung geht zudem hervor, dass der Bau des Saales zeitgleich mit zwei anderen wichtigen Repräsentationsbauten in direktem Zusammenhang steht, nämlich mit dem Hofgartenschloss („Neue[r] Pau im Lust Garten vor dem Ziegl Thor“) und dem Marstall am Domplatz („Neue Stallung vor der Residenz“). Die für alle drei Bauprojekte aufgebrachte Summe von 10.973 fl. 51 x. (fl. = Gulden; x. = Kreuzer) setzte sich aus mehreren Geldtranchen zusammen, die sich zu einem großen Teil aus denjenigen Einkünften Albrecht Sigmunds ergaben, die ihm als Dompropst von Konstanz und als Stiftspropst von Altötting zustanden. Möglicherweise müssen die drei Bauprojekte im Zusammenhang mit der Wahl Albrecht Sigmunds zum Fürstbischof von Regensburg gesehen werden; immerhin war er nunmehr Reichsfürst über zwei – wenn auch sehr kleine – Territorien, eine Tatsache, die durchaus einen Niederschlag im Bereich der fürstlichen Repräsentation gefunden haben könnte. Die Regensburger Wahl fand am 30. Juli 1668 statt, der erste Geldeingang für die drei Projekte ist auf den 20. August 1668 datiert. Über Details zum Bau des Saals, wie zum Beispiel über den (oder die) Baumeister, über die Künstler, ja überhaupt über das Erscheinungsbild wissen wir nichts. Die einzigen bekannten Namen von Baumeistern, die zu dieser Zeit am Freisinger Hof tätig waren, lauteten Johann und Jodok Moosprugger; die beiden Vorarlberger stellten 1671 den neuen Marstall am Domplatz fertig. Eine Verbindung der beiden zum Bau des „Großen Saales“ muss mangels Belegen Spekulation bleiben. Die Anlage des Saales erfolgte nicht innerhalb eines Neubaus, in dessen Architektur er von vorneherein hätte miteinbezogen werden können, sondern nachträglich innerhalb eines bestehenden Bautraktes, des bereits ab 1608 errichteten Residenzsüdflügels. Da er über zwei Geschosse reichen sollte, waren wohl größere Entkernungsmaßnahmen notwendig gewesen. Der Einbau des „Großen Saales“ hatte zudem auch entscheidende Auswirkungen auf das Erscheinungsbild der durchaus monumentalen Südfassade der Residenz: Die ausgewogene frühbarocke Untergliederung in 16 Fensterachsen (4-1-6-1-4) wurde durch den Saalbau verwischt. Nach Süden, mit einem wohl unvergleichlich schönen Blick über die Schotterebene, öffnete sich der Saal über acht Fenster; nach Westen, zum Weihenstephaner Berg hin, über 3 Fenster. Die Nordseite besaß 5 Fenster, der Bereich der der Südseite entsprechenden drei Fensterachsen im Nordwesteck stieß an den Residenzwestflügel; hier lag das – bis heute teils erhaltene – Marmorportal des Saales. Auf der Ostseite lagen die Zugänge zum dahinter befindlichen Tafelzimmer, dem heutigen „Roten Saal“, zwischen diesen Zugängen lag ein offener Kamin.

Ausstattung und Funktion
Die Ausstattung des „Großen Saales“ blieb über 130 Jahre lang, von seiner Errichtung bis zum Ende des Fürstentums 1802/03, weitgehend unverändert; nur Fürstbischof Clemens Wenzeslaus von Sachsen (reg. 1763-1768) ließ einige Abänderungen vornehmen. Die Wände, die selbst möglicherweise mit einer barocken Architekturmalerei versehen waren, waren mit einigen großformatigen Gemälden behangen: „2 grosse ablange Tafeln auf einer die Enthaubtung S: Joanni, auf der anderen die Christ Catholische Kürchen gemahlen“; desweiteren: „1 Grosses Contrafee Bischouen Albrecht Sigmundts“, ein Ölgemälde von Benjamin Block, das den Bauherrn des Saales zeigt und sich heute im Freisinger Diözesanmuseum befindet. Ferner werden stets „15 Kay: Haidnische Bruststuckh“ genannt, also 15 Portraits von Kaisern des antiken Römischen Reiches. Letztere Bilder geben möglicherweise einen Hinweis auf die Funktion des Saales als Kaisersaal. In der Barockzeit war es an vielen deutschen Höfen üblich, den größten und repräsentativsten Raum dem Kaiser zu widmen. In der Regel waren (oder sind) derartige Anlagen mit den Bildnissen römischer Kaiser geschmückt; da die Reichsidee im Mittelalter wiederbelebt wurde und man das antike Imperium Romanum bis in die Neuzeit als fortbestehend betrachtete, spielte es konkret für die Ausstattung von Kaisersälen keine Rolle, ob antike, mittelalterliche oder frühneuzeitliche Kaisergestalten wiedergegeben wurden. Häufig waren diese Kaiserdarstellungen zwischen den einzelnen Saalfenstern angebracht, gleichsam als Pfeiler, die symbolhaft das große Ganze – das Reich – tragen.
Nur wenige Hinweise haben sich zur Nutzung des Saales erhalten. Aufgrund der Größe und der vermutlich sehr ansprechenden Ausstattung dürfte er aber häufig als Festsaal für die Abhaltung von großen Tafelmahlzeiten, aber auch für Konzerte oder Bälle genutzt worden sein. Einen Eindruck von der Nutzung des „Großen Saales“ soll ein Zitat aus der Festbeschreibung zum tausendjährigen Bistumsjubiläum von 1724 vermitteln: „Die Haupt-Tafel ware angerichtet in hiesigem Hochfürstl. Grossen Saal/ und ware gestellet in Form zwey gegen einander stehenden Huf-Eisen/ also/ daß man in der Mitte könnte durchgehen. An solcher Tafel waren 103. Theils Durchleuchtigiste und Hochwürdigiste/ Theils Hochwürdige und andere hoche Gäst beedes Geschlechts unter einer Hochfürstl. Music, wie auch wieder- holter Loßbrennung des klein und groben Geschütz auf das Herrlichste/ und zum grösten Contento tractiret.“

Wiederherstellung des „Großen Saals“?
Ein Gewinn für Freising
Im Zuge der geplanten Sanierung des Bildungszentrums „Kardinal-Döpfner-Haus“, das heute im Residenzgebäude untergebracht ist, wäre ein Rückbau des „Großen Saales“ in einfacher Form zu überlegen. Nicht nur das Bildungszentrum hat einen dringenden Bedarf nach einem großen und ästhetisch ansprechenden Saal; es ist im Interesse der ganzen Stadt, auf dem Domberg in zentraler Lage mit dem unvergleichlichen Blick über das Land einen profan nutzbaren Raum zu haben. Es gibt viele Beispiele für die Wiederherstellung von Sälen, die zwischenzeitlich umfunktioniert und durch Einbauten verstellt waren: Der „Weiße Saal“ der Burg Trausnitz wurde 1975 wiederhergestellt; der bekannte „Kaisersaal“ der Münchner Residenz – dem wohl wichtigsten Vorbild des „Großen Saales“ in Freising – im Jahr 1985; den „Kurfürstensaal“ im Kloster Fürstenfeld hat man erst in jüngster Zeit, im Jahr 2010, zurückgebaut.