Bis hierher und nicht weiter!

Käseglocke über die Altstadt

von Peter B. Steiner, 03. März 2017

In Diskussionen über den Erhalt historischer Bausubstanz brauchen Architekten, zum Beispiel die im Stadtrat, das Schreckgespenst einer Käseglocke. Käseglocken sind hochgewölbte Glasdeckel, die Käse sichtbar präsentieren, vor Luft und Fliegen schützen, sein Aroma erhalten und hastigen Zugriff verhindern. Genau das braucht Freising. Denn Freising, die älteste Stadt an der Isa r, über 400 Jahre die einzige Stadt zwischen Donau und Etsch, sieht heute jünger aus als München, gegründet 1158, als Innsbruck 1188, Landshut 1204, Erding 1228, die alle ihr Stadtbild besser bewahrt haben. Im 19. Jahrhundert haben die Säkularisation, die Anlage der Eisenbahn zwischen Stadt und Fluss, die Zerstörung der Stadttore, im 20. Jahrhundert die Kahlschlagsanierungen der Wirtschaftswunderzeit der Stadt prägende Denkmale ihrer Geschichte genommen. Dieser Prozess der Verarmung und Verjüngung darf im 21. Jahrhundert nicht fortgesetzt werden. Der Denkmalschutz für das Ensemble Altstadt und Domberg könnte wie eine Käseglocke die Atmosphäre der alten Stadt bewahren, wenn er politisch gewollt und konsequent angewandt würde. Das Marcushaus in der Unteren Hauptstraße oder das Uthhaus in der Fischergasse sind jüngst entdeckte Beispiele für das erstaunliche Alter der Bausubstanz in der Altstadt. Trotz eines desolaten Zustands und Anblicks haben ihre Mauern und Balken Jahrhunderte überlebt, verborgene Schätze überliefert, Maßstäbe erhalten. Gegen die brutale Dummheit aller Abrissbagger müssen die historischen Häuser der Altstadt und des Dombergs erhalten werden, ohne Kompromiss. Aus dem Erhaltenen dann eine Architektur des 21. Jahrhunderts zu entwickeln, ist eine spannende Herausforderung für jeden Architekten und Bauherrn. Das Architekturbüro Deppisch hat sie beim sogenannten „Härtingerhaus“, dem Palais des Maximilian Eckher von Kapfing, beispielhaft gelöst. Abbrüche vertragen Domberg und Altstadt an keiner Stelle mehr, wenn Freising nicht auch noch hinter Mainburg, Neufahrn und Garching zurückfallen will. In der Oberen Hauptstraße wurde 1966 das barocke Palais des Grafen Königsfeld einem Sanitärwarengeschäft geopfert, das 1990 ausgezogen ist. Das Beispiel zeigt, wer wirtschaftliche Interessen auf Kosten der historischen Substanz fördert, handelt kurzsichtig, kurzfristig. 30 Jahre Nutzungsdauer sind für eine 1300 Jahre alte Stadt wenig, zu wenig. Im langfristigen, Generationen übergreifenden Interesse liegt es zu erhalten, was noch da ist, was Zeugnis ablegt von der geschichtlichen Würde der alten Stadt, die einmal als „hochfürstliche bischöfliche Haupt- und Residenzstadt“ etwas besonderes war, sich aber heute meistens in Wonnen der Gewöhnlichkeit suhlt. Unsere Stadt soll nicht noch jünger werden, zu einem der vielen Einkaufszentren im Münchner Speckgürtel, sondern älter.

Wer hier ein Grundstück besitzt oder erwirbt, hat soziale Verantwortung für künftige Generationen.

Dazu kann gelegentlich auch ein Rückbau dienen, für den man die Käseglocke im Interesse und Einverständnis aller einmal anhebt. Rückbauten ersetzen Verlorenes. Damit begann die Volksrepublik Polen gleich nach den Zerstörungen des Weltkriegs 1945. In der Bundesrepublik waren es zuerst Einzeldenkmale wie das Goethehaus in Frankfurt, das Cuvillièstheater in München, das Knochenhaueramtshaus in Hildesheim, in den 1970er Jahren dann ganze Straßen und Plätze. Frankfurt versucht seither, das völlig zerstörte Altstadtquartier zwischen Römer und Dom zurückzugewinnen. Seit der Wiedervereinigung 1990 wurden in Dresden und Berlin Einzeldenkmale wie die Frauenkirche und das Schloss zurückgebaut. Auch Freising hat sich mit dem Entschluss die Stadtmoosach in der Oberen Hauptstraße wieder zu öffnen, für einen Rückbau entschieden. Ihm müsste eine zumindest optisch angedeutete Wiederanlage des barocken Hofgartens an der Kammergasse folgen. Die Planung für einen Hirschgarten in der Isarau sollte parallel in Angriff genommen werden. Er würde nicht nur den fürstbischöflichen Tiergarten ersetzen, sondern mit Wildgehege, Spielplatz und Biergarten den Stadtteil Lerchenfeld zum Ausflugsziel machen. Nicht alle wünschenswerten Rückbauten müssen Millionenprojekte sein, manchmal genügt es schon den Putz eines alten Hauses nach Befund zu erneuern, zum Beispiel dem Kanzlerbogen wieder seine Gliederung mit rustiziertem Erdgeschoß und rahmenden Pilastern zurückzugeben, damit er wieder als fürstliches Torgebäude in Erscheinung treten kann. Im Domhof muss das Brunnenbecken um das Denkmal für Otto von Freising wieder angelegt werden, damit der Platz zwischen Residenz und Dom Johanneskirche und Marstall wieder eine Mitte bekommt. Der Hydrant dort ist kein städtebaulicher Ersatz für das Brunnenbecken. Am Rindermarkt muss eine Straßenzeile wieder angedeutet werden, in dem man dem Standesamt ein schlichtes Nebengebäude schenkt, dort wo früher das Mesnerhaus stand. Für solche Maßnahmen sollte man die Käseglocke Ensembleschutz heben, aber nicht für die kurzfristigen Interessen von Investoren. Auch für den Rückbau haben modernisierungswillige Architekten ein Schimpfwort: sie nennen ihn „Disneyland“. Aber der Boden der Altstadt ist keine kalifornische Wüste, kein menschenleeres Sumpfgebiet in Florida, sondern ein dichtbewohntes Terrain mit geschichtlicher Würde, die von vielen Einwohnern und Stadträten immer wieder vergessen wird. Wer hier ein Grundstück besitzt oder erwirbt, hat soziale Verantwortung für künftige Generationen. (Luftbild: Nürnberg Luftbild GmbH)