Zur Geschichte der öffentlichen Schwimmbäder

Teil 1: Das erste Schwimmbad in den Isarauen (1863)

von Florian Notter, 06. März 2013

Schenkt man den Untersuchungen, die im Rahmen verschiedener Stadtentwicklungsprojekte der letzten Jahre auf der Basis von Bürgerbefragungen vorgenommen wurden, Glauben, so gehört der Wunsch nach einem gut ausgestatteten Freizeitbad zu den vorrangigsten Interessen der Freisingerinnen und Freisinger. Tatsächlich vergeht kaum eine Bürgerversammlung, in deren Verlauf dieses Thema nicht irgendwann einmal kritisch hinterfragt wird und es verstreicht kein Kommunalwahlkampf ohne eine ausgiebige Diskussion über den „richtigen“ Standort eines neuen Freizeitbades.
Historisch gesehen ist ein solcher Prozess nichts Neues für die Stadt, schon zweimal zuvor wurden hier öffentliche Badeanlagen gebaut. Dabei standen am Anfang stets Wunsch, Vision, Diskussion, Planung(en); und am Ende – und das berechtigt zu einigem Optimismus – stets die Realisierung. Die Geschichte der öffentlichen Schwimmbäder in Freising ist rund 170 Jahre alt: Von ersten Versuchen in den 1840er Jahren, die schließlich im Bau des ersten Schwimmbades in den Isarauen 1863 mündeten, bis hin zum Bau des zweiten – bis heute bestehenden – Bades im Stadtteil Lerchenfeld im Jahr 1902 (das Hallenbad im Josef-Hofmiller-Gymnasium wird in den folgenden Darstellungen ausgespart, da es sich in erster Linie um ein Schulschwimmbad handelt). Im Folgenden wird es um die Geschichte des ersten öffentlichen Schwimmbades in Freising gehen; in der nächsten Ausgabe steht dann das zweite Schwimmbad in Lerchenfeld im Mittelpunkt.

Schwimmen als freizeitmäßig-sportliche Betätigung kam für eine breite Bevölkerungsschicht erst im Lauf des 19. Jahrhunderts auf. Mit dem ganzen Körper ins Wasser zu steigen, das tat man lange Zeit ausschließlich aus hygienischen Gründen. Medizinische Erkenntnisse und das zunehmende Bewusstsein um die eigene körperliche Gesundheit ließen dem Schwimmsport, wie dem Sport ganz allgemein, jene breite gesellschaftliche Akzeptanz zukommen, die er bis heute unvermindert besitzt. Sportliche Betätigung, auch das Schwimmen, wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zudem ein fester Bestandteil der Lehrpläne vielerlei Schultypen. Das Bedürfnis der Öffentlichkeit, insbesondere auch der Schuljugend, nach nahen Schwimmmöglichkeiten veranlasste viele Kommunen zum Bau von Schwimmbädern und Schwimmschulen. Die Stadt München beispielsweise eröffnete ihr erstes Bad 1847, das bis heute bestehende Schyrenbad in Untergiesing.

In Freising plante man konkret seit 1861 den Bau eines öffentlichen Schwimmbades mit angeschlossener Turnhalle. Die – letztlich erfolgreiche – Initiative ging von den Vertretern der Stadtpolitik aus: Bürgermeister Franz Krumbach (amt. 1853-1869), Stadtmagistrat und Gemeindebevollmächtigte. Ein bereits rund zwei Jahrzehnte zuvor durch den Freisinger Bauunternehmer Max Heigl gestartetes Projekt war gescheitert. In einem ausführlichen Schreiben des Stadtmagistrates vom Juli 1861 an das Landgericht Freising, einer der Kommune übergeordneten und mit weitreichenden Kompetenzen auf die Stadtpolitik ausgestatteten Behörde, wird das Vorhaben begründet: „Im Allgemeinen ist die Nützlichkeit der körperlichen Leibes-Uebungen endlich einmal ohne alle Nebenrücksichten anerkannt und gerade am hiesigen Orte, dem Sitz sovieler Bildungsanstalten, muß die Angelegenheit in reifliche Ueberlegung genommen werden u. bei allseitig guten Willen, u. thatkräftigen Handeln wird es nicht fehlen, die allerdings großen Hindernisse zubeseitigen.“
Den idealen Platz, auf dem das Schwimmbad mit Turnhalle errichtet werden sollte, hatte man nach intensiver Standortsuche innerhalb eines einigermaßen hochwassergeschützten Areals unterhalb der (heutigen alten) Isarbrücke ausgemacht, genau dort wo sich gegenwärtig der Festplatz befindet. Bei dieser gut 11 Tagwerk (also knapp 4 ha) großen, als „Schießstättenwasen“ bezeichneten Fläche handelte es sich vorwiegend um einen Auwald-Bereich, von Altwässern und Gräben durchzogen, in einem Teilstück jedoch schon kultiviert und als Versuchsfeld der Freisinger Gewerbe- und Landwirtschaftsschule genutzt. Ein großer Teil der Fläche gehörte dem bayerischen Staat, ein kleinerer Teil dem Freisinger Bürger Thomas Ostermann. Mit beiden kam man relativ zügig überein, so dass der Grunderwerb schon 1862 weitgehend abgeschlossen war (mit dem damaligen Grundstückserwerb legte die Stadt den Grund für ihren heute überaus großen Flächenbesitz in diesem Bereich).
Vor dem Baubeginn der Anlage musste die Finanzierung geklärt werden. Da die Kosten nicht über die regulären Einnahmen der Stadt gedeckt werden konnten, musste man einen Kredit in Höhe von 12.000 Gulden aufnehmen. Die Summe sollte über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg wiederum getilgt werden. In die Kalkulation flossen schließlich auch die Jahresbeiträge einzelner Freisinger Bildungseinrichtungen, die das Schwimmbad für ihre Schüler nutzen wollten, mit ein, wie etwa der Studienanstalt (Gymnasium und Lyzeum) (120 Gulden pro Jahr) oder der Gewerbe- und Landwirtschaftsschule (50 Gulden pro Jahr). Einnahmen – freilich in nicht beträchtlicher Höhe – erwartete man zudem über die Eintrittsgelder. Die im November 1866 erfolgte definitive Abrechnung über alle Maßnahmen, einschließlich der großzügigen Grünanlagen um Schwimmbad und Turnhalle, ergab eine Gesamtausgabe-Summe von 15.721 Gulden.
Als erster Bauabschnitt wurde in der ersten Jahreshälfte 1863 das längliche Schwimmbecken ausgehoben (Länge: 350 Fuß = ca. 102m; Breite: 36 Fuß = ca. 10,5m; Tiefe 4 Fuß = ca. 1,20m); mit dem Aushub wurde das Gelände ringsherum aufgefüllt und somit weiter gegen etwaige Isar-Hochwasser geschützt. Die Grube selbst hatte man mit Holz beschlächtet. Zu- und Ablauf des Schwimmbeckens funktionierten über einen kanalisierten Verbindungsarm von der Isar zur Moosach (Schleifermoosach), der im Bereich der Schmalseiten jeweils einige Meter unterirdisch geführt wurde (vgl. Abb.). Anfang Juli 1863 konnte das Becken bereits benutzt werden, vorläufig noch umsonst. Im Sommer 1864 schrieb der Stadtmagistrat die Stelle des ersten Freisinger Bademeisters (eigentlich Schwimmlehrer und Turnhallen-Aufseher) aus; man entschied sich für den Münchner Franz Paul Rosner, der, wie er schriftlich ausgab, das Schwimmen in der „Central Militairschwimmschule in Regensburg“ gelernt hatte. Im selben Jahr, 1864, kam es dann zum zweiten Bauabschnitt, nämlich zum Bau der Turnhalle, oder „Winterturnhalle“ wie sie in Abgrenzung zu einzelnen in der Stadt vorhandenen Turnplätzen unter freiem Himmel genannt wurde. Den auf längsrechteckigem Grundriss ganz aus Holz konstruierten eingeschossigen Bau führte man auf einer Erhebung, deutlich über dem Bodenniveau des Schwimmbades, auf. Im Inneren der Turnhalle befand sich ein größerer beheizbarer Raum sowie ein Turngeräte-Raum, dazwischen ein Vorraum, in dem sich der Eingang befand. Die Pläne für beide Anlagen, das Schwimmbad wie die Turnhalle, hatte ein staatlicher Baubeamter namens Krepl entworfen, zu dem nichts Näheres bekannt ist. Die Bauleitung oblag dem Bauassistenten Johann Lang. Viele Mühe verwandte man in den Folgejahren (bis 1866) auf die Anbindung der neuen Anlage in ein funktionierendes Wegesystem sowie auf die Gestaltung der Grünflächen. Schwimmbad und Turnhalle wurden über mehrere Wege erschlossen, die, parallel zu Isar und Bahngleis, von Südwesten her auf das Gelände führten. Vom Weg unterhalb des Bahndamms hatte man zur besseren Anbindung des neuen Bades einen Verbindungsweg über die Moosach hinweg angelegt; für diesen Weg schuf man einige Jahrzehnte später die – noch immer bestehende – Fußgänger-Bahnunterführung zur B 11. Bis heute hat sich der Weg als Kastanienallee erhalten und bezeichnet in seiner Fortführung in Richtung Isardamm (entlang der heutigen Mehrzweckhalle) die südwestliche Grenze des alten Schwimmbad-Areals. Auf dem Kataster (vgl. Abb.) sind ferner um das Schwimmbecken herum mehrere Wegbahnen zu erkennen, wobei jedoch nur eine ganz geschlossen ist; möglicherweise wurde diese auch zu sportlichen Zecken (Lauf) benutzt. Nordöstlich der Anlage löst sich das Wegesystem in eine Landschaftsgarten-ähnliche Struktur auf; mittig ist dort ein Kreisel auszumachen, möglicherweise als point de vue mit einer besonderen Baumpflanzung versehen. Wie aus der Schlussrechnung des Schwimmbad- und Turnhallenbaus von 1866 hervorgeht, wurden um die beiden Anlagen herum insgesamt 100 Kastanien, 60 Platanen, 70 Vogelbeerbäume und verschiedene weitere, nicht näher bezeichnete Bäume und Sträucher, teils aus dem Schleißheimer Hofgarten stammend, gepflanzt (ob es sich bei den Kastanien der heutigen „Festplatz-Allee“ noch um Exemplare aus dieser Zeit handelt, müsste untersucht werden; in jedem Fall sind diese Bäume besonders zu schützen). Angekauft wurden außerdem Heublumensamen zur Aussaat auf den umliegenden Wiesen. Abgesehen davon, dass der Stadtmagistrat einige Jahre nach der Fertigstellung einen ehemaligen Isar-Altwasserarm südöstlich des Schwimmbeckens zu weiteren Becken umfunktionieren hatte lassen (vgl. Abb.), blieb die Anlage über viele Jahre hinweg unverändert bestehen.

Das Ende des ersten Freisinger Schwimmbades wurde bereits nach nicht ganz 40 Jahren eingeleitet: Ab 1902 baute die Stadt ein neues, deutlich größeres Schwimmbad auf der anderen Seite der Isar, das heutige Freibad. Dieses wurde nach damals modernsten Gesichtspunkten ausgestattet, unter anderem verfügte es über mehrere Becken, eigene Kabinenhäuschen und Liegeplätze. Durch den Neubau in Lerchenfeld verkam das alte Schwimmbad nach und nach. Teilweise wurde es in den Stadtpark „Luitpoldanlagen“ integriert. Teile der ursprünglichen Anlage haben sich bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten, wurden dann aber endgültig beseitigt. An der Stelle befindet sich heute der Freisinger Festplatz. Nur mehr die alte Kastanienallee mag vage an Freisings erstes Schwimmbad erinnern.