Von der Waterkant an den Isarstrand

Wienke Eilers dirigiert seit drei Jahren die Isar-Shantys

von Elisabeth Hoffmann, 07. April 2019

Als Wienke Eilers vor drei Jahren die „Isar-Shantys“ gründete, sollte das nicht mehr als ein Projektchor für die Dauer von drei Monaten sein. Dass daraus nun schon drei Jahre geworden sind und ein Ende nicht mehr vorstellbar erscheint, ist eine lange Geschichte, die auf Langeoog vor der Ostfriesischen Küste begann. Dort wuchs das vielseitige Talent als einzige Musikerin in der Familie auf und probierte so ziemlich alles aus, was musikalisch auf dem Eiland möglich war. Den Anfang markierte, wie so oft, die obligatorische Blockflöte, was ihr jedoch bald, obwohl sie in einem Trio mitspielte, wegen der begrenzten Variationsmöglichkeiten zu langweilig wurde. Daraufhin suchte sie sich eine neue Lehrerin, die sie sehr gefördert hat. So lernte sie bereits als Elfjährige das Tenorhorn zu spielen und drei Jahre später die Posaune und die Bassposaune. Darauf intoniert sie noch heute leidenschaftlich gerne klassische Posaunenchöre, besonders solche aus dem Barock und der Romantik. Zudem stieg sie in den dortigen Gospelchor ein, was bis heute anhält, allerdings nur dann, wenn sie gerade auf Langeoog weilt, was aber regelmäßig der Fall ist.

Nach dem Abschluss der Realschule musste die plietsche Teenagerin zwangsläufig die heimatliche Idylle verlassen, da es dort kein Gymnasium gibt. So landete sie in Esens auf dem Festland, immerhin wenigstens direkt an der Küste, an einem Internatsgymnasium speziell für die ostfriesischen Insulaner. Rückblickend war das der Beginn ihres Weges von der Waterkant Richtung Süden. Auf der Suche nach einer geeigneten Stelle für ein freiwilliges soziales Jahr an musischen Einrichtungen sprach sie auch beim „3klang“ in Freising vor und wurde sofort angenommen, wenn nicht gar aufgenommen, denn mittlerweile ist sie ein wichtiger Baustein dieser Musikschule. Zu den Aufgaben des freiwilligen sozialen Jahres gehört die Konzipierung und Durchführung eines eigenständigen Projektes. Und eben dieses ist besagter Shanty-Chor. Dass dieser nach wie vor existiert, liegt an der Begeisterung der Mitwirkenden, die einfach nicht mehr aufhören wollen, die „Nordseewellen“ bis zum Isarstrand trecken zu lassen. Was vor drei Jahren mit zwölf Teilnehmern begann, hat sich mittlerweile zu einem 26-stimmigen Team entwickelt, das eine bunte Mischung aus Nationalitäten von Russland bis Peru mit Freisingern und Platt-sicheren Norddeutschen vereint. Darunter finden sich bemerkenswerterweise deutlich mehr Frauen als Männer, was für einen Shanty-Chor vollkommen untypisch ist, traditionell sind das reine Männer-Chöre. Doch Eilers ist es wichtiger, die Freude am Singen und die Stimmung des charakteristischen Liedgutes zu transportieren, als sich mit überbrachten Gewohnheiten aufzuhalten.

Genauso handhabt sie das schon immer mit ihrer eigenen Weiterentwicklung. Bereits als Kind hat sie an der Ganztagsschule auf Langeoog mit wachsender Begeisterung vielerlei Nachmittagsangebote wahrgenommen und war als Turnerin so versiert, dass sie sogar an Wettkämpfen teilgenommen hat. Mittlerweile hat sie jedoch kaum mehr für etwas anderes als die Musik, in der sie voll und ganz aufgeht, Zeit. Kein Wunder, angesichts der Tatsache, welch breites Spektrum sie abdeckt. Inzwischen hat sie das Klavier-Spielen erlernt, beherrscht es über die Viola zu streichen oder das Fagott ertönen zu lassen und hat ihre Stimme perfektioniert. Mit diesem umfassenden Können ist es ihr natürlich ein leichtes in verschiedensten Ensembles aufzutreten, mit denen sie die Zuhörer auf ganz unterschiedliche Arten berühren möchte. So wirkte sie etwa im Deutsch-Türkischen Chor „Gülnihal“ oder in der Jazzformation „The Original Triad Bigband“ mit. Aktuell gehört sie dem „Posaunenquartett“, dem Orchester „Unisono“ und dem Holzbläserensemble des 3klang an. Neben zahlreichen Auftritten in der hiesigen Region gastierte sie nicht nur in so mancher deutschen Stadt, sondern auch in so fernen Orten wie in Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens. Mindestens ebenso wichtig wie das eigene Musizieren ist Eilers aber das Unterrichten, besonders die musikalische Früherziehung liegt ihr sehr am Herzen, weil damit bereits im Kindesalter das Sozialverhalten und das Selbstbewusstsein gestärkt werden. Darüber hinaus will sie Älteren wie Jüngeren, Einheimischen wie Ausländern vermitteln, wieviel Kraft sich aus der Musik und dem eigenen Musizieren schöpfen lässt. Um sich die dafür notwendigen Grundlagen anzueignen, besuchte sie verschiedene Musikmentoren-Ausbildungen in den Fachbereichen Vokal, Instrumental und Tontechnik, vertiefte sich in die elementare Musikpädagogik mit Flüchtlingskindern und nahm an einer Fortbildung zur Lehrkraft in der elementaren Musikpädagogik teil. All diese Kenntnisse setzt sie seit dem Herbst 2016 als Lehrerin für Blockflöte, Posaune und Klavier im 3klang in die Tat um. Unter dem Titel „Abenteuerland Musik“ eröffnet sie den Kleinsten erste Zugangsmöglichkeiten zur Musik und in Fortsetzung dazu hat sie mit einigen Kollegen den „Instrumenten Kaufladen“ gegründet, ein Projekt, das Kindern eine preiswerte Alternative bietet, verschiedene Instrumente kennen zu lernen. Zudem leitet sie seit zwei Jahren ein spezielles Projekt für Flüchtlingskinder und gibt derzeit einer gesamten Flüchtlingsfamilie Klavierunterricht. Auch solch engagierte Programme helfen der Integration und warum nicht dafür die internationale Sprache der Musik nutzen. All das ist aber noch lange nicht das Ende der Vorstellungen von Wienke Eilers. Parallel zu diesem ohnehin schon vollen Programm studiert die angehende Musikpädagogin im 4. Semester an der Ludwig-Maximilians-Universität und der Hochschule für Musik und Theater in München, um später als Grundschullehrerin, natürlich mit Schwerpunkt Musik, tätig zu sein. Mit ihren gerade mal 23 Jahren hat sie bereits jetzt schon so viel Erfahrung im Rücken, dass ihr ein Leben voller Musik offen steht. Für viel mehr wird wegen ihrer ambitionierten Pläne wohl kaum Platz sein. Wenn es die Zeit aber dann doch mal erlaubt, streift sie gerne durch die Natur und atmet am Strand kräftig durch.

Wer gerne mal miterleben möchte, mit wieviel Elan die junge Chorleiterin ihre Shantys dirigiert, um den Seemannsliedern die charkteristische Koloratur zu verleihen, hat in nächster Zeit dazu mehrere Gelegenheiten. Am 6. April nehmen die Isar-Shantys am 2. Benefizkonzert verschiedener Freisinger Chöre zu Gunsten der Bürgerstiftung im CamerloherGymnasium teil, Beginn ist um 19 Uhr. Am 4. Mai gibt es ab 19 Uhr im Haus der Vereine im Raum der Begegnung einen Norddeutschen Abend mit typischem Speis und Trank (den gibt es bereits seit der Gründung des Shanty-Chores). Neben Seemannsliedern kommt dabei auch plattdeutsches Theater von „De Diek Kieker“ unter der Regie von Tanja Maria Froidl auf die Bühne. Am 2. Juni bereichert der Chor das UferlosFestival irgendwann zwischen 13 und 21 Uhr im Rahmen des 3klang-Programms und am 22. Juli gibt es ab 19 Uhr einen Open Air Auftritt an der Stoibermühle in authentischer Umgebung, quasi am Freisinger Meer.