Vielfalt als Programm

50 Jahre Kulturverein Modern Studio Freising

von Elisabeth Hoffmann, 27. April 2021

Mit einer speziellen Ausstellung zum Auftakt seines Jubiläumsjahres kehrt der Kulturverein Modern Studio Freising zu seinen Wurzeln zurück. Als sich anno 1971 eine Hand voll ebenso kunstsinniger wie umtriebiger Freisinger unter dem Vorsitz von Friedrich Kohlsaat zusammengetan haben, um etwas auf die Beine zu stellen, weil in der Stadt „nichts los“ war, bereicherten diese das hiesige Kulturleben mit Ausstellungen lokaler Künstler-innen und populären Musikveranstaltungen, vorwiegend Jazz. Und das war keine Eintagsfliege, sondern mauserte sich zu einer stringenten Kontinuität, die bis heute einen wesentlichen Bestandteil des kulturellen Lebens in der Domstadt darstellt. Musik ist inzwischen kein Thema mehr, stattdessen findet seit 1982 alle Jahre wieder der ‚Literarische Herbst‘ mit anspruchsvollen Lesungen (u.a. von Günter Grass) und einer Ausstellung von Buchillustrationen sein Publikum. 1984 entstand die Ausstellungsreihe ‚Ortswechsel‘, in der Studierende der Akademie der Bildenden Künste München eine Plattform in Freising erhalten, um sich hier zu erproben und zu beweisen.

Seither hat der Verein den Schwerpunkt auf Künstler-innen von auswärts verlagert, weil die Organisatoren der Meinung sind, dass den heimischen Künstler-innen genügend Ausstellungsmöglichkeiten in anderweitigen Institutionen vor Ort geboten sind. Mit den importierten Positionen sollen die Bürger gezielt „mit zeitgenössischer Kunst von außen konfrontiert“ werden. Zudem finden auch immer wieder engagierte Kooperationen mit anderen Vereinen und Organisationen statt, wie etwa 2013 die Wanderausstellung über die Geschichte einer jüdischen Mädchenschule oder ein Rahmenprogramm mit Lesungen und Führungen zu den Stolpersteinen, und dank der Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung und der Internationalen Jugendbibliothek konnten 2014 eine Autorin und ein Illustrator aus Tschechien vorgestellt werden. Mit all diesen Veranstaltungen wollen die Macher ein ums andere Mal aufzeigen, wie vielfältig Kultur sein kann (s. www.fink-magazin.de, November 2016, S. 12 – 14).

In dem bunt gemischten Verein, der seit bald 30 Jahren von Irmgard Koch und Helma Dietz geleitet wird, finden sich neben Kulturvermittlern auch einige Kulturschaffende, und zu eben diesen zählen die fünf Mitglieder, die nun die Jubiläumsausstellung im Alten Gefängnis ausrichten. Diese geben sich in einer facettenreichen Werkschau als vollkommen unterschiedliche Temperamente zu erkennen, die zum einen in traditionellen Techniken zu Werke gehen, zum anderen beherzt ihrer Experimentierlust freien Lauf lassen. Lokalkolorit gibt es dabei allerdings weniger zu entdecken, dafür eine Vielzahl von transferierten Eindrücken aus aller Welt, die den Horizont gerade so erweitern wie all die engagierten Angebote des Vereins.

So transferiert Gabriele Abs ihre Ideen in abstrahierte, expressive und farbintensive Kompositionen, in denen sie intuitiv, spontan und kraftvoll gesetzte Farbflächen mit zarten Linien kontrastiert. Ein Vorbild dafür lieferten ihr die imposanten Palmen auf der Seychellen-Insel Praslin, die sie zu einer orange-blau-komplementären Komposition inspirierten. Mit sich überlagernden Farbschichten generiert sie Tiefenwirkung und mit einer Hängung side by side zielt sie auf eine Steigerung des Ausdrucks ihrer Bildsprache. Wie sie beschäftigt sich Ingrid Künne in ihrem Wirken mit reell existierenden Dingen, jedoch mit solchen, die die Vergänglichkeit symbolisieren, wie beispielsweise Schiffwracks oder liegengebliebene Autos. Die allerdings wollen in den mit viel Verve gestisch gemalten Farbverläufen erst einmal entdeckt sein, liegen sie doch eingebettet wie kleine Pretiosen in einem vitalen Meer von Farben. Ihr Faible für die Schönheit des Verfalls spiegelt sich darüber hinaus in den Portraits von Menschen, in denen sich gelebtes Leben ablesen lässt. Genauso gerne aber fixiert sie absurde Entdeckungen, die ihr bei Streifzügen durch die Natur vor Augen gekommen sind.

Auch Markéta Lübben ist viel unterwegs, in bildnerischer Sicht allerdings eher im Geiste. Seit 15 Jahren ist das Labyrinth, im Sinne einer Metapher für den Weg zum individuellen Selbst, ihr elementares Motiv. Sie erweitert den Begriff, betrachtet das Labyrinth auch als Sinnbild für den Weg der Menschheit zu sich selbst, als Wegweiser zu unserer wahren Natur. Denn eines unserer wichtigsten Themen sei die Verbindung zu unserer Umwelt, unserer natürlichen Umgebung, sagt Lübben. Dementsprechend platziert sie die tiefe Verbundenheit mit der Natur in die Mitte des Labyrinths, oder eben im Innersten eines jeden Menschen. Um die Dreidimensionalität eines Labyrinthes nachvollziehbar transportieren zu können, entwickelte sie die mittlerweile für sie typische Technik der EPeaks, hochgezogene Spitzen pastoser Ölfarben, die die Malerei zum Relief mutieren lassen.

Fragil und zart dagegen wirken die brüchigen Zeichnungen von Hetti Schubert-Schwall. Mit ihren Verbindungen zwischen Mensch und Natur spürt sie Lebendigem nach, indem sie die äußeren Formen von Bäumen in zufällige, gestische Impulse auflöst. Auf diesem Weg hinterfragt sie den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen, von der Umwandlung von Materie in Energie, die wiederum die Basis für neues Leben in sich birgt. Wie sie sucht auch Elisabeth Seitzl, die sich selbst als leidenschaftliche Aquarellistin benennt, nach dem Unspektakulären, Unscheinbaren, Nebensächlichem, um diesen Phänomenen mit künstlerischen Mitteln mehr Bedeutung zu verschaffen. Von ihr sind monochrome, impressionistisch anmutende Veduten von London und Venedig zu sehen, deren Stimmung maßgeblich vom Farbton definiert wird, kühles Graublau kontra heiteres Rosarot.

Die rosarote Feierlaune ist zwar wegen Corona leider eingetrübt, doch diesen Unbilden zum Trotz hält der Verein auch und gerade in diesem in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Jahr voller Tatendrang an seinem spartenübergreifenden Programm fest und hat so allerhand in Planung, wie etwa eine Lesung mit Christian Grimm, der aus seiner Erzählung ‚Triftern oder der Garten Eden‘ am 5. Juni im Lindenkeller rezitieren möchte. Neben weiteren Lesungen ist eine Vorstellung eines Figurentheaters anvisiert und freilich auch die längst zur guten Tradition gewordenen Veranstaltungen wie die Herbstausstellung und der Literarische Herbst, die wenn irgend möglich ebenfalls mit besonderen Angeboten bereichert werden sollen. Aktuelle Informationen in der Tagespresse und unter www.modern-studio.de

 

Altes Gefängnis Freising, Obere Domberggasse 16
Eröffnung am 27. Mai um 19 Uhr
28. Mai bis 13. Juni 2021, Fr 15 – 19 Uhr, Sa + So 11 – 19 Uhr
u.n.V. unter 08161 / 63619 oder 08165 / 8533
Fotos: Künne, Schubert-Schwall