Sommerfestival der Bayerischen Philharmonie auf Schloss Hohenkammer

von Wolfgang M. Seemann, 02. Juli 2013

So hat wohl noch kaum jemand das Vibraphon gehört: Konzentriert und voller Emphase streicht Christian Felix Benning mit dem Geigenbogen über die Metallplatten und entlockt dem Instrument ungeahnt sphärische Klänge. Der erst 17 Jahre junge Schlagzeuger musizierte gemeinsam mit dem Münchner Jugendorchester der Bayerischen Philharmonie das Konzert für Vibraphon und Streichorchester des französischen Komponisten Emanuel Séjourné. Das teils von moderner, neoromantischer Harmonik, teils von swingender Jazzrhythmik geprägte Stück gilt unter Schlagzeugern längst nicht mehr als ein Geheimtipp, aber dennoch ist es bislang erst sehr selten auf deutschen Konzertbühnen zu hören.  Die Bayerische Philharmonie hatte das Werk zusammen mit Johann Sebastian Bachs C-Dur-Orchestersuite und Felix Mendellson-Bartholdys „Schottischer“ Sinfonie ins Programm ihrer Festkonzerte zum 30jährigen Bestehen des Münchner Jugendorchester (im März im Kloster Benediktbeuren, in Herrsching sowie im Gasteig in München) gehoben und damit dem jungen Ausnahmetalent Christian Felix Benning, Bundespreisträger bei „Jugend musiziert“, ein ideales Podium gegeben.

Für die jungen Musiker im Orchester, die meist schon während ihrer Schulzeit an Konservatorien und Musikhochschulen studieren, ist es wichtig, schon in jungen Jahren im Orchesterverbund zu musizieren. Ihren künstlerischen Schliff erhalten sie bei Akademien und Meisterkursen der Bayerischen Philharmonie – so wie heuer zum zweiten Mal bereits bei der  Sommerakademie auf Schloss Hohenkammer. „Diese Erfahrung ist elementar und für viele die Motivation, auch immer wieder an ihrem Instrument weiterzukommen“ weiß Mark Mast, Intendant und Chefdirigent der Bayerischen Philharmonie. Das gemeinsame Musizieren schaffe Erlebensräume, die für die Persönlichkeit und die Orientierung jedes Einzelnen von prägender Bedeutung sein können. Mast: „Vielfach sprechen wir von Musikalischen Schlüsselerlebnissen. In Gemeinschaft können all die Werte erlebt werden, die unsere Gesellschaft auszeichnen und zukunftsfähig machen“.
Die Förderung und musikalische Breitenbildung ist Mark Mast, einst Schüler des großen Maestros Sergiu Celibidache, eine Herzensangelegenheit. Denn aus den sieben Klangkörpern der Bayerischen Philharmonie – vier Orchester und drei Chöre – gehen meist diejenigen Musiker hervor, die später in den großen und bedeutenden  philharmonischen Orchestern aller Welt musizieren. In der pädagogischen Arbeit pflegt Mark Mast das Top-Down-Coaching, durch das die Jugendlichen die Möglichkeit haben, Schulter an Schulter am gleichen Pult mit Studenten und Profis zu musizieren. Mast: „Für sie wird das dann ebenfalls zu einer Selbstverständlichkeit,  später Kinder an die Hand zu nehmen und in das symphonische Musizieren einzuführen. So erleben alle ein generationsübergreifendes und Nationen-übergreifendes gemeinsames Musizieren“.

Als das Münchner Jugendorchester 1983 gegründet wurde, war es in München und Bayern und der Bundesrepublik Deutschland eines der ersten seiner Art. In den 30 Jahren haben sich in München mehrere Initiativen nach seinem Vorbild gegründet, auch kam es zu diversen Ausgründungen. Das Münchner Jugendorchester hat sich dabei immer wieder als Impulsgeber und Innovator verstanden und widmet sich jedes Jahr erneut einem neuen Jahrgang jugendlicher Musiker, die es mit den Grundlagen symphonischen Musizierens vertraut macht.
Ein wichtiges Element der Bayerischen Philharmonie ist ihr soziales Engagement. Immer wieder gastieren die Orchester beispielsweise auch in Altenheimen und Seniorenresidenzen. Oder aber man lädt Senioren ebenso wie musikintereressierte Kinder aus sozialen Brennpunkten zu Konzerten ein und organisiert dazu zuweilen sogar einen Bus, der die Menschen, die sich selbst solche wunderbaren Musikerlebnisse niemals leisten könnten, in die Konzerte bringt.

Dieses besondere soziale Engagement der Bayerischen Philharmonie gilt gerade auch den  jungen und begabten Talenten selbst, die ihre musikalische Reife ungeachtet ihrer sozialen Herkunft in den Klangkörpern der Bayerischen Philharmonie entwickeln können. „Es bedeutet uns sehr viel, allen Menschen stets frei und frohen Mutes den Zugang zur erneuernden Kraft der Musik ermöglichen zu können. Dieser Mission widmen wir unser Tun“, betont Mark Mast. Seit 1983 habe noch kein Kind, Jugendlicher, Amateur, Student, Profi oder Senior auf ein Projekt, ein Probenwochenende oder eine Reise verzichten müssen. Immer habe die Solidargemeinschaft der Bayerischen Philharmonie hier das Mitwirken oder Mitkommen ermöglicht. Mast: „Jedes einzelne Beispiel dieser Qualität der Gemeinschaft ist hier bewegend und ich freue mich, dass dies so unbürokratisch und engagiert gelebt wird“.
So sind dann auch sie Konzerte im Rahmen der zweiten Orchesterakademie auf Schloss Hohenkammer (siehe Programm) zu sehr erschwinglichen Preisen und teils sogar gratis zu genießen. Das bayerische Renaissance-Schloss, das von der Munich Re achtungsvoll restauriert und durch moderne Bauten zum Tagungszentrum ergänzt wurde, mit seinem Schlosshof, seinem intimen Innenhof und seinem repräsentativen Schlosssaal verlangt geradezu danach, mit Musik gefüllt zu werden.

Auch die Kulinarik kommt bei dem Orches-terfestival nicht zu kurz. Denn heute  lenkt der renommierte Spitzenkoch Fritz Schillings, der an früheren Wirkungsstätten bereits mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet wurde,  die Geschicke von Camers Schlossrestaurant auf Schloss Hohenkammer. Dort kommen vom Biergarten bis zum Gourmetrestaurant hundert Prozent Bioprodukte auf den Teller, zumeist aus eigener Erzeugung vom Gut Eichethof, das ausschließlich nach den strengen Naturland-Richtlinien produziert. Für die großen Orchesterevents im August hat Fritz Schillings nun eigens ein Festival-Menü komponiert,  das die hochkarätigen Konzertabende umrahmen soll.
Das 1. Sommerfestival der Bayerischen Philharmonie (2. – 11. August 2013) wird das romantische Schloss gewiss zum Klingen bringen. Vom Groß-Event „Carmina Burana meets Klazz Brothers“ über romantische Streichquartett-Abende (u. a. mit dem Henschel Quartett) und symphonische Orches-terkonzerte bis hin zu lockeren Picknickkonzerten in der Biergarten-Remise sind vielfältigste Musikerlebnisse voller Atmosphäre garantiert.

 

Christian Felix Benning

Er ist ein absolutes Ausnahmetalent und ein „Zögling“ der Bayerischen Philharmonie: Christian Felix Benning ist gerade einmal 17 Jahre alt, macht sein Abitur und hat bereits ein vollwertiges Musikstudium absolviert. Und beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ erhielt er gerade erst als einziger Schlagzeuger seiner Klasse den Sonderpreis für die höchstmögliche Punktzahl!
Wie ist so etwas möglich? Benning: „Mit drei Jahren besuchte ich die Musikalische Früherziehung. Allerdings war die “übliche” Blockflöte nichts für mich. Ich hatte mich in einer Stunde des Musik-Unterrichts dann fest entschlossen, einmal Schlagzeuger zu werden. Darauf schickte mich die Lehrerin, Ingrid Wüllenweber, zu einem Schlagzeug-Lehrer. Ich habe bei ihm dann das Drumset kennen lernen können und sofort großen Gefallen daran gefunden! Zum vierten  Geburtstag erhielt ich eine Snare Drum, ein Becken und ein HiHat; zum fünften Geburtstag dann mein erstes richtiges eigenes Drumset. Dann ging’s so richtig los – wir mussten umziehen…“.

Im Alter von zehn Jahren gab Christian Felix Benning in Dachau ein Solokonzert und wurde von der Mutter einer Cellistin der „Kinderphilharmonie“ gesehen und von ihr an die Bayerische Philharmonie vermittelt. Dort musizierte er sogleich die Pauken  bei der Ouvertüre zur Oper „La Clemenza Di Tito” von Wolfgang Amadeus Mozart. Im September 2009, also im Alter von 13 Jahren, absolvierte er die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik und Theater in München und wurde immatrikulierter Jungstudent.
Am Schlagzeug gefällt Benning die immense Vielseitigkeit und Abwechsung: Denn im Orchester gibt es die großen und kleinen Trommeln, Becken und Percussion, dazu die sogenannten „Mallet”-Instrumente (Marimbaphon, Vibraphon, Xylophon, Glockenspiel), die auch Schlagzeugern die Möglichkeit geben, sich durch Harmonie und komplexere Melodien auszudrücken. Nicht zuletzt ist da auch noch das aus Pop, Rock und Jazz bekannte klassische Drumset. Und wie jeder studierte Musiker ist Benning ganz nebenbei ein begnadet guter Pianist.
Benning: „Die Bayerische Philharmonie ist für mich wie eine riesen große Familie! Unter den vielen verschiedenen Dirigenten Mark Mast, Daniela Wabnitz, Alexandros Diamantis, Henry Bonami, habe ich viel Konzert-Erfahrungen sammeln können und von ihnen laufend sowohl musikalisch als auch persönlich viel profitiert und gelernt. Aber vor allem das Wachsen mit und in dem Orchesterverband von Kinderphilharmonie über Jugendorchester und Junge Münchner Philharmonie bis schließlich hin zum Solokonzert  war ein wichtiger Prozess für meine musikalischen Ausbildung und Erfahrungen“.
Neben seinen klassischen Orchestersachen ist Benning längst auch in der sogenannten U-Musk unterwegs. Aktuell spielt er in einer Reggaeband und beschäftigt sich mit Jazz. Unterricht am „Set“ hatte er bei keinem geringeren als Wolfgang Haffner. Benning: „Wolfgang Haffner kenne ich schon recht lange und ich halte ihn für einen überragenden Drummer. Er ist im Jazz-Bereich sicherlich eine tragende Säule im Bereich Schlagzeug und ich hatte die große Ehre und Freude, bei ihm schon mehrfach Meisterkurse und Workshops zu besuchen, aber auch persönliche Gespräche mit ihm führen zu dürfen. 2009 sind wir gemeinsam mit einer Drumbattle  auf der Frankfurter Musikmesse aufgetreten“.

Am Drumset erarbeitete sich Benning seine Kunst u. a. bei Lehrmeistern wie Jost Nickel, Claus Heßler,  Stefan Emig, Dave Weckl und JoJo Mayer, und im klassischen Schlagzeug natürlich bei Martin Grubinger und Peter Sadlo. Benning konzertiert längst in aller Welt: Anfang September wurde er wie im Vorjahr als Solist für das Musikfestival „Musicales De Orient“ in der Champagne in Frankreich engagiert. Am 11. September tritt er als Solist auf der Geburtstagsfeier der „Herzogs von Bayern” im Dachauer Schloss auf und am 17. Oktober wird er als Solist für die musikalische Umrahmung bei einer Preisverleihung für Yoko Ono am Brandenburger Tor in Berlin zu sehen sein (weltweit übertragen von vier TV-Stationen!).