Märchen, Schwänke, Volkstheater

30 Jahre Laienbühne

von Andreas Beschorner, 03. Juli 2018

Für den geneigten Kulturliebhaber ist dieser Termin einmal im Jahr eine schöne Pflicht: Wenn sich der Vorhang zur spätsommerlichen Inszenierung der Laienbühne Freising hebt, hat das Publikum traditionell höchste Ansprüche mitgebracht. Es will nicht nur berieselt und gut unterhalten werden, nein! Es will Schauspieler sehen, die leidenschaftlich zur Höchstform auflaufen, es will lachen, es will staunen über ein Bühnenbild, das weit hinausgeht über die vielzitierte Liebe zum Detail. Das Zuschauerherz will nicht über Textschwächen ins Stolpern geraten, es will sich hingeben, sich von außergewöhnlichen Stücken entführen oder von Altbekanntem neu überraschen lassen. Das Publikum weiß um die außergewöhnlichen Leistungen des Laienensembles, das seinem bescheidenen Namen längst entwachsen ist, das damit seit vielen Jahren charmant kokettiert, wohlwissend, dass das, was es da Jahr für Jahr auf die Bühne bringt, einfach gut ist und auch alle, die hinter den Kulissen agieren, immer ihr Bestes geben – und das bei den Aufführungen in jeder Szene zu sehen ist: Dann, wenn sich die Schauspieler mal turbulent-lustig in Rage reden, mal auf den Spuren Ludwig Thomas wandelnd sich von ihrer urbayerischsten Seite zeigen, wenn auf der Bühne Monologe zum Niederknien stattfinden. Zu keiner Zeit hat man sich aber auf dem Wissen, sich von anderen Laienschauspielern abzuheben, je ausgeruht. Arroganz bei den Laienspielern Freising – Fehlanzeige! Nicht umsonst ist sie seit 2005 Kulturpreisträger, nicht umsonst füllt die örtliche Prominenz bei jeder Premiere weit mehr als nur die ersten Zuschauerreihen, nicht umsonst verwöhnen die Akteure die Fans mit Zusatzvorstellungen, damit auch Kurzentschlossene das, was von den bereits Dagewesenen so hochgelobt wird, noch sehen können.

Rückblick

Aus der Schule des Schneidermeisters Ludwig Schönauer, der mit der Kolpingsfamilie in Freising das Theaterleben bereicherte, ging der allen bekannte Simon Huber hervor, der von 1965 bis 1987 die „Freisinger Laienspielgemeinschaft“ leitete. Für die herausragenden Leistungen erhielten die „Laienspielgemeinschaft“ und der Huber Simmerl bereits 1983 den Kulturpreis des Landkreises Freising. Weil das Theaterspielen den Freisingern schon immer im Blut liegt, wurde nach der Ära Huber 1988 die „Laienbühne Freising“ aus der Taufe gehoben: Viele altgediente Spieler aus der Laienspielgemeinschaft Freising trafen sich nach dem Rückzug von Prinzipal Simon Huber im Jahr 1988 privat bei Richard Brückl. Dort wurde beschlossen, einen Verein zu gründen. Als ein neuer Name gefunden und die Gründung des Vereins am 29. Juni 1988 in der Schießstätte Freising über die Bühne gegangen war, gab‘s 1989 die erste Inszenierung von Horst Schürzinger: „Die Dachserin“ und „Die Medaille“, ein Thoma-Einakterabend.

30 Jahre Laienbuehne Freising

Bis zu seinem Tod war Adolf Schäfer stets Mentor und Förderer der Laienbühne Freising. Vor allem gab er wichtige Tipps bei der Gründung, und es gab eine Anschubfinanzierung der Stadt, um damit die erste Inszenierung auf die Bretter bringen zu können. Spielleiter war Horst Schürzinger. Später folgten Adi Gumberger, Margot Riegler, Walter Wöhrl und Wolfgang Schnetz. Ein einmaliges Gastspiel als Regisseur hatte Diethart Lehrmann mit seiner Inszenierung des „Jedermann“ in der Johanniskirche im Jahr 1991.

Von der Gründung an steuerte Rudi Schwaiger das Theaterschiff 20 Jahre lang als 1. Vorsitzender, ehe Adolf Gumberger für die nächsten acht Jahre übernahm. Seit 2016 ist Angela Flohr die Chefin der Freisinger Schauspieltruppe, die von Beginn an bis zum Jahr 2016 ihre Heimat im Asamsaal hatten.

Aktuell blickt die Laienbühne Freising auf 35 erfolgreiche Inszenierungen mit weit über 140.000 Besuchern in mehr als 400 Vorstellungen zurück. Die Kosten pro Inszenierung belaufen sich im Schnitt auf 40.000 bis 50.000 Euro. Eine Inspiration für anderen Theatergruppen sind die Freisinger nicht nur wegen ihrer schauspielerischen Leistungen sondern auch für die Kulissen: Es gab schon mehrfach Inszenierungen, in denen vor bis zu zehn verschiedenen Bühnenbildern gespielt wurde. Die Planung und Ausführung liegt in den Händen des technischen Leiters Bernhard Nadler. Die große Herausforderung freilich: Die Bühnenbilder müssen in kürzester Zeit und durch unterschiedlichste Techniken wie Drehbühne, Kulissenzüge etc. gewechselt werden – die große Herausforderung hinter dem Bühnenvorhang. Die Laienspieler Freising verfügen über einen großen eigenen Fundus an Kostümen. Jedes Jahr werden wieder viele neu genäht oder geändert, wofür Schneiderin Christa Stoeber verantwortlich zeichnet. Den Überblick über alle Kostüme haben seit Jahren Elisabeth Reisch und Barbara Ziegltrum.

Jahrelang hing über der Laienbühne Freising die bevorstehende Asamsanierung wie eine dunkle Wolke. Wohin mit dem Fundus an Kostümen und Requisiten? Würden die Freisinger eine neue Spielstätte annehmen? Was passiert, wenn man den alten Charme des Asamsaals nicht mehr wie eine schützende Hand über sich hat? Hier zeigte sich nach 28 Jahren Vereinsgeschichte, dass sich ein gesunder Baum sehr wohl ohne Probleme verpflanzen lässt. 2017 feierten die Laienspieler in der Luitpoldhalle Premiere mit dem Königlich Bayerischen Amtsgericht – und knüpfte damit nahtlos an vorhergehende Bühnenerfolge an. In der Stadtgärtnerei hat man zwischenzeitlich bis zur Fertigstellung der Asamsanierung neue Lagerräume gefunden, hier findet sich neben der Werkstatt auch das Archiv.

Schlaglichter der 30-jährigen Vereinsgeschichte gibt es viele: Mit Jim Knopf und die Wilde 13 nach Michael Ende wagte sich das Regisseurduo Margot Riegler und Adolf Gumberger zum ersten Mal an ein Märchen. An den Erfolg von damals möchte Riegler heuer mit „Peterchens Mondfahrt“ anknüpfen. Unvergessen auch „Der Holledauer Schimmel“ von Alois Johannes Lippl, das zum zehnjährigen Bestehen der Gruppe im Jahr 1998 unter der Regie Gumbergers aufgeführt wurde. Walter Wöhrl führte Regie, als 2001 Der Brandner Kaspar und das ewig‘ Leben von Kurt Wilhelm einen Riesenerfolg feierte. Und denkt man an die Laienbühne Freising, denkt man unvermeidlich sofort an Magdalena, jenes Stück von Ludwig Thoma, mit dem die Freisinger Laienakteure 2005 und 2011 auf der Oberberghausener Waldbühne die Herzen der Zuschauer tief berührten. Die Inszenierung aus dem Jahr 2011 wurde am Karfreitag 2014 in voller Länge ausgestrahlt, dazu gab es Kurzberichte im BR-Magazin Stationen sowie auf münchen.tv.

30 Jahre Laienbuehne Freising

Um den Menschen noch mehr Lust auf ihre Inszenierungen zu machen, engagiert der Verein seit 2013 jährlich eine Filmproduktionsfirma, um einen professionellen Trailer zu erstellen. Um das Konzept kümmert sich Stephan Leitmeier, so dass es aus eigenen Reihen stammt.

Und weil der Ruf der Laienbühne nicht jenseits der Stadtgrenzen ungehört verhallt, konnte man bis heute schon eine Reihe von prominenten Schauspielkollegen zu den Inszenierungen begrüßen: von Toni Berger, Rolf Castell und Bettina Redlich über Werner Asam bis hin zu Dieter Fischer haben schon einige Profiakteure die Leistungen der Freisinger Schauspieler frenetisch beklatscht.

Aber auch in den eigenen Reihen hat man schon immer Profis sitzen: So ist es seit 1989 stets ein professioneller Chefmaskenbildner, der sich um das Erscheinungsbild der Darsteller kümmert: Jürgen Fischer, Christian S. Kurtenbach und seit 2009 Elke Gassner sind und waren alle Chefmaskenbildner in namhaften Häusern. Ebenso die Kulissenmaler: Gerard Baum bis 1994 und Bernd Flassak seit 1995 sind die Schöpfer der wunderbaren Laienbühne-Kulissen.

Nach 28 Jahren fiel der Vorhang im Asamsaal zum vorerst letzten Mal. Mit den Einaktern „Gelähmte Schwingen“ und „Erster Klasse“ unter der Regie von Wolfgang Schnetz endete das beinahe drei Jahrzehnte andauernde Gastspiel im Asamsaal so, wie es begann: Mit Ludwig Thoma, unter tosendem Applaus.

Alle Ängste, der Charme des Asamsaals würde fehlen und man würde die treue Fangemeinde beim Umzug in die Luitpoldhalle für die Zeit der Renovierungsarbeiten verlieren, waren unbegründet. Georg Lohmeiers Königlich Bayerisches Amtsgericht, wieder unter der Regie von Wolfgang Schnetz, überzeugte im vergangenen Jahr und bewies, dass Erfolg nicht an einen Ort gebunden ist. Sicher auch nicht im Jubiläumsjahr 2018.