Kein Frieden am Meditativen Isarweg

Wachdienst statt Kunst von Alexis Dworsky und Nico Kiese

von Elisabeth Hofmann, 05. Oktober 2015

Derzeit laden neun leere Metallrahmen am Isarufer zwischen Korbiniansbrücke und dem geplanten Isarsteg südwestlich davon zum Verweilen ein. Dies hat zwar durchaus seinen Reiz, stellt aber erst den Anfang des Meditativen Isarweges dar. Der Weg und die modernen Bildstöcke wurden von Landschaftsarchitektur-Studenten der Technischen Universität München (TUM) konzipiert. Gegenüber eines jeden Landschaftsrahmens wurde eine Bank installiert, die zum Niederlassen auffordert. Initiiert wurde dieses interreligiöse Projekt von der Katholischen Pfarrgemeinde St. Georg, der Evangelischen-Lutherischen Kirchengemeinde und der Islamischen Gemeinde Freising. Als Träger fungieren neben der Stadt Freising der Mittlere Isarregion e.V., die TUM und der Schafhof -  Europäisches Künstlerhaus Oberbayern.

Die Rahmen in einer Größe von 100 cm Breite und 162 cm Höhe, die als Träger für Kunstwerke konzipiert wurden, wurden im Mai dieses Jahres installiert. Am Ende sollen dort Werke zu Themen wie Frieden, Erlösung, Geborgenheit, Lebendigkeit, Versuchung, Freiheit, Zuflucht, Gemeinschaft und Freiheit zu sehen sein. Bis dahin könnte es aber noch ein weiter Weg sein. Denn die Rahmen wurden innerhalb einer Woche auf brutale Art zerstört und sogar aus ihrer Verankerung gerissen und abgebrochen. Daraufhin wurden diese stabiler gebaut und tiefer verankert.

Dieser Vandalismus beeinflusste die Planungen von Alexis Dworsky (Freising) und Nico Kiese (München), den ersten beiden Künstlern, maßgeblich. „Ursprünglich hatte ich schon ein Konzept für die Station Kreislauf“ sagt Dworsky. „Ich dachte an eine Performance im olympischen Sinne, im Rahmen derer unzählige farbenfroh gekleidete Menschen nicht nur an der Station im Kreis tanzen, sondern auch den gesamten Rundweg ablaufen.“ Nach den Übergriffen aber sah er sich veranlasst, sich grundsätzliche Gedanken über die Freiheit zu machen und entwickelte ein vollkommen neues Konzept. Er formte eine simple Überwachungskamera mit Gips ab und transformierte selbige mittels eines Bronzeguss in etwas Edles, das golden glänzt. Vielleicht war genau das ein Grund dafür, weshalb das gute Stück Ende Juli bereits am Tag nach seiner Installation nicht mehr an seinem Platz war. Dies ist umso erstaunlicher, als das Sinnbild für die Freiheit, die erst durch Überwachung, die Sicherheit suggeriert, entsteht, durch Verschraubung und Verklebung doppelt gesichert war. Nach dem gewaltsamen Abbrechen blieb nur noch ein Teil der Verankerung übrig, der aber in sich selbst so gut zusammenhält, dass seine Bestandteile nicht trennbar sind. Selbst ausgiebiges Absuchen der Umgebung und tiefe Blicke in die Isar brachten das Werk nicht zum Vorschein. Und dabei hatten sich manche Passanten schon gefreut, dass hier endlich eine Überwachungskamera installiert wurde, die nun hoffentlich den Vandalismus im Zaum hält. So lösten die Ereignisse eine Debatte um das Thema Überwachung aus. Fehlt nur noch, dass Georg Danzer, der österreichische Liedermacher, dazu singt: „Die Freiheit ist ein wundersames Tier, man sperrt sie ein und augenblicklich ist sie weg.“

Auch Nico Kiese, der für die Station Frieden unter Mitwirkung eines Schlossers eine sehr aufwändige Arbeit generierte, erging es nicht viel besser. Seine Sphäre, die in einer Kugelform von 1 m Durchmesser, auf sehr poetische Art Begriffe wie Finden, Schließen, Halten und Leben vereinte und damit zum weltweiten Frieden gemahnte, überlebte nur wenige Tage. Nun sind die beiden ersten auserwählten Künstler, die aus einem öffentlich ausgeschriebenen Wettbewerb hervorgingen, erst mal am Überlegen und Abwarten, wie sich die Stadt zur Lage positioniert. Dworsky will darüber hinaus den Tatort beobachten und sich von den daraus gewonnenen Erkenntnissen zu etwas Neuem inspirieren lassen. Für beide steht fest, dass sie eine neue Arbeit in die Rahmen einpassen wollen, nur eben nicht unbedingt eine Replik der zerstörten, sondern etwas Anderes, Neues, das auf die Ereignisse reagiert. So bleiben vorerst leider nur die Bänke gegenüber der Rahmen, die mit ihren eingravierten Themen zur Meditation ermuntern. Und dies funktioniert offensichtlich ganz prima. Die zahlreichen Besucher der Isarau freuen sich nicht nur über die Rastplätze, sondern nutzen die Bänke auch für Picknicks und kleine Feiern. Ob sich diesen aber der Sinn der Sache erschließt, ist fraglich, denn leider gibt es noch keinerlei übergeordnete Beschriftung für den gesamten Weg. Dafür aber gibt es jetzt einen Wachdienst.

Einen solchen wird Alexis Dworsky, der bei Bazon Brock über Dinosaurier promoviert hat und an der Akademie der Bildenden Künste in München als Künstlerischer Mitarbeiter tätig ist, für sein aktuelles Projekt (hoffentlich) nicht brauchen. Unter dem Titel „Graffiti für Blinde“ generiert er zusammen mit dem weithin bekannten Sprayer Loomit im Rahmen des Pilotprojektes des Kulturreferates der Landeshauptstadt München zum Thema „Kunst und Inklusion“ tastbare Graffiti-Umformungen im Import-Export im Kreativquartier an der Dachauer Straße 114. Dafür transformiert er die gesprühte Schrift dort befindlicher Graffitis in überdimensionale Braille-Punkte in Form von Beton-Halbkugeln mit einem Durchmesser von 15 cm und bringt diese an der entsprechenden Wand an. Dies ist insofern doppelt spannend, da Blinde nun einmal gar nicht wissen können, was Graffitis sind, durch diese Umformung aber wird das Phänomen für sie erkennbar. Dworsky unterstreicht mit diesem Projekt, das am Samstag, den 10. Oktober 2015 um 16 Uhr mit einem Workshop eröffnet wird, einmal mehr, dass er weniger am künstlerischen Gestalten per se, als vielmehr an der Sichtbarmachung sozialer Prozesse mittels künstlerischer Übersetzungen interessiert ist. Wie dies in diesem speziellen Fall aussieht, ist dauerhaft sichtbar. Ähnliches soll in Kürze unter der Reichenbachbrücke entstehen und wenn möglich auch in Freising.