Die große Herausforderung

Flüchtlinge in Freising

von Andreas Beschorner, 28. August 2015

Seit Monaten ist es das Thema schlechthin: der Zustrom an Asylbewerbern. 1200 Flüchtlinge hat man inzwischen im Landkreis aufgenommen. Mindestens 1600 werden es bis zum Jahresende sein. Man rechnet sogar mit 2000. Mit der dezentralen Unterbringung in Häusern und Wohnungen geht das nicht mehr. Die Lösung: Turnhallen werden umfunktioniert, an vielen Stellen entstehen Containerdörfer oder zentrale Unterkünfte in Holzständerbauweise.

Ein „Flüchtlingswelle“ wie diese habe es bisher noch nie gegeben, weiß Thomas Fritz. Der Abteilungsleiter Soziales im Landratsamt muss zusammen mit seinem Team derzeit dafür sorgen, dass 48 Asylbewerber, die man pro Woche von der Regierung zugewiesen bekommt, eine Bleibe finden. Hinzukommen wöchentlich zehn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Lange Zeit schaffte man es, die Flüchtlinge – die meisten kommen aus Afrika, viele aus Afghanistan, Syrien und dem Irak, sehr wenige aus den Balkanstaaten – in dezentralen Unterkünften zu versorgen. Frei stehende Wohnhäuser oder Wohnungen wurden angeboten und vom Landratsamt angemietet. 62 solcher Unterkünfte mit einer Kapazität zwischen sechs und 66 Personen gibt es inzwischen im Landkreis, in 19 von 24 Gemeinden sind Asylbewerber untergekommen. Doch Mitte Juni war in der Region, in der eh schon Wohnraumknappheit herrscht, Schluss: Landrat Josef Hauner musste verkünden, dass die Turnhalle der Wirtschaftsschule zur Notunterkunft umfunktioniert werden muss. Über 100 Asylbewerber und zahlreiche unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind inzwischen dort eingezogen, müssen mit einem Bett und einem Stuhl als Mobiliar auskommen und auf jegliche Privatsphäre verzichten. Und damit nicht genug: Anfang Juli hat die Regierung von Oberbayern für den Landkreis Freising den Notfallplan ausgerufen. Die Folge: Innerhalb weniger Tage musste die Moosburger Realschulturnhalle zur vorübergehenden Unterkunft für rund 200 Asylbewerber umfunktioniert werden.
Doch das alles reicht immer noch nicht: Deshalb bringt der Landkreis im ehemaligen Stabsgebäude der General-von-Stein-Kaserne, dem heutigen Steinpark, weitere 170 Asylbewerber unter. Die Stadt Freising hilft auch, hat dem Landratsamt den Bau von zwei Gemeinschaftsunterkünften (an der Katharina-Mair-Straße und an der Gartenstraße) genehmigt. 350 Flüchtlinge sollen hier – entweder in Containersiedlungen oder in Gebäuden in Holzständerbauweise – untergebracht werden. Der Landkreis selbst hat seine Grundstücke ebenfalls schon ins Visier genommen: Um die Turnhalle der Wirtschaftsschule schnellstmöglich wieder für den Schulunterricht freizugeben, entsteht derzeit auf dem Sportplatz neben dem Camerloher-Gymnasium eine Containersiedlung für fast 400 Asylbewerber (siehe Foto). Drei Jahre soll sie längsten Bestand haben, weil dann auf dem Areal mit dem Neubau der Berufsschule begonnen werden soll.

Das Problem, vor dem der Landkreis und damit auch die Gemeinden stehen: Höchstwahrscheinlich müssen die Prognosen, wie viele Asylbewerber man aufnehmen muss, noch weiter nach oben korrigiert werden. Fritz rechnet inzwischen damit, dass man bis Jahresende 2000 Asylbewerber unterbringen muss. Und: Nur weil Jahresende ist, endet der Zustrom an Asylbewerbern ja nicht. Und deshalb sind auch die Gemeinden um Freising herum in der Pflicht – vor allem die, die bis jetzt noch keine Flüchtlinge aufgenommen haben: In Kranzberg hat man schon ein passendes Grundstück ins Auge gefasst, in Langenbach hat man den Bau einer Unterkunft im Westen für 78 Asylbewerber beschlossen, in Marzling soll eine Unterbringung in der Nähe der Stoibermühle entstehen. Und überall heißt es und weiß man: Es pressiert!
Doch nicht nur baulich ist die Situation eine Herausforderung für den Landkreis und die Gemeinde: Irmgard Eichelmann, Sozialpädagogin im Landratsamt und Ansprechpartnerin in Asylfragen, tourt seit Wochen und Monaten durch den Landkreis und klärt auf. Und während sie davon erzählt, dass Asylbewerber 330 Euro im Monat bekommen, Fernseher selbst kaufen müssen und dass sie auch ihr Handy (meist ein Smartphone) – die einzige Verbindung nach Hause und zu Verwandten – selbst bezahlen müssen, trifft sie auf immer mehr Skepsis, Widerstand, Ängste und Befürchtungen in der Bevölkerung. Die Reaktionen reichen von ganz diffusen Ängsten, was die Sicherheit „junger deutscher Mädchen“ angeht, über Befürchtung, dass Asylbewerber aus Afrika Krankheiten einschleppen könnten, bis hin zur Frage, wie man möglicher Ruhestörungen in der Nacht Herr werden könnte. Und Eichelmann muss immer öfter die Frage beantworten, wieso denn so viele alleinstehende Männer im Alter zwischen 18 und 30 unter den Asylbewerbern seien. Antwort: Weil Familien oft nur das Geld hätten, um einem Familienmitglied die Flucht zu ermöglichen. Und angesichts der Gefahren und Strapazen, die eine mehrmonatige, manchmal sogar Jahre dauernde Flucht mit sich bringe, hätten da junge Männer eben die größten Chancen. Trotzdem: Die Ängste und Bedenken in Teilen der Bevölkerung sind groß. Vielleicht auch, weil man meist nicht weiß, welche Schicksale sich hinter den Asylbewerbern verstecken – wie zum Beispiel das des zehnjährigen Hasibullah Amani. Der hat zusammen mit seinem Vater Fahim und seiner Tante Weeda eine mehrmonatige Odyssee aus Afghanistan hinter sich. Dabei ist der kleine Hasibullah schwer mehrfach geistig und körperlich behindert, sein Vater hat ihn oft auf der Flucht von Kabul über den Iran, die Türkei, Griechenland, Makedonien, Serbien, Ungarn und Österreich auf dem Rücken getragen. Denn meist war das Trio zu Fuß unterwegs, nur selten hatten die drei die Chance, in Autos oder Bussen mitzufahren. Hasibullahs Vater und dessen Familie – Hasibullahs Mutter ist vor acht Jahren an Krebs gestorben – sind vor Schlägen und den Bedrohungen der Taliban geflohen. Fahim Amani hatte für die Amerikaner gearbeitet. Jetzt sind die drei im Landkreis Freising angekommen und untergekommen. Und wie sagt Fahim Amani so schön? „I’m very happy.“
Wenn Eichelmann mit Aussagen konfrontiert wird, man fühle sich in der Nachbarschaft von Asylbewerbern nicht mehr sicher, dann verweist sie stets auf eine ganz objektive und nachweisbare Zahl: Seit vier Jahren kämen Asylbewerber in den Landkreis Freising. In vier Jahren habe es noch nie einen An- oder Übergriff eines Asylbewerbers auf einen Anwohner gegeben. Noch nie. Und auch mutwillige Sachbeschädigungen in den Unterkünften – Fehlanzeige! Und das, obwohl Asylbewerber oft eng aufeinander sitzen müssen und nichts zu tun haben. Denn einer Arbeit dürfen Flüchtlinge zunächst nicht nachgehen. Lediglich karitative Ein-Euro-Jobs dürfen sie ausüben. Doch die sind rar gesät. Und die wenigen, die es davon gibt im Landkreis, sind bei den Flüchtlingen alle begehrt und schnell besetzt.
Was in all diesen Wochen und Monaten immer wieder betont und gelobt und hervorgehoben wird, ist der unermüdliche Einsatz der Ehrenamtlichen. Ohne sie, so wissen Eichelmann, Fritz und der Landrat, sei eine Betreuung der Asylbewerber gar nicht möglich. Wie man helfen kann (und wie eher nicht), hat Eichelmann im Gespräch mit dem FINK erläutert (siehe Interview). Und doch hat nun einer der ehrenamtlichen Helfer der ersten Stunde, sein Engagement für die Asylbewerber aus Ärger über das Verhalten der hauptamtlichen Asyl-Sozialberater und des Landratsamtes praktisch eingestellt: Reinhard Kastorff. Ihm fehle die echte Einbindung und der wahre Austausch zwischen Verwaltung und professionellen Kräften auf der einen, ehrenamtlichen Helfern auf der anderen Seite, hat er seinen Schritt begründet.
Noch, so betont auch Landrat Josef Hauner immer wieder, sei die Lage im Landkreis ruhig. Es sei „bewundernswert, mit welcher Offenheit und Toleranz die Landkreisbevölkerung des Flüchtlingen bisher begegnet und ihnen zeigt, dass wir ein starker Landkreis sind mit vielen Menschen, die zupacken, wo es notwendig ist“, hat Hauner jüngst schriftlich erklärt. Genauso regelmäßig erfolgen aber die Appelle der Landkreisspitze an die Bundesregierung, dass eine etwas gerechtere Regelung bei der Verteilung der Asylbewerber in Europa stattfinden müsse, dass die Verfahren beschleunigt werden müssten, „um ein Entgleisen der Situation zu verhindern“, wie es Hauner ausdrückt.

Irmgard Eichelmann im Interview mit dem FINK:

1. An wen wendet man sich, wenn man aktiv als Ehrenamtlicher helfen will? Muss man bestimmte Voraussetzungen mitbringen?
Wir haben im ganzen Landkreis Helferkreise, die sich in den dezentralen Unterkünften um die Asylbewerber kümmern. Wer sich selbst einbringen möchte, kann sich an mich wenden, ich vermittle dann an den jeweiligen Helferkreis. Man braucht keine speziellen Voraussetzungen. Das Wichtigste ist, sich darüber im Klaren zu sein, wie viel Zeit man investieren will und was man gerne machen will – zum Beispiel Alltagsbegleitung, Deutschunterricht oder wie benutze ich ein Fahrrad, um nur ein paar Themen zu nennen. Wer mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, benötigt ein erweitertes Führungszeugnis.

2. Wie viele ehrenamtliche Helfer gibt es derzeit im Landkreis? Haben Sie einen Überblick? Und wie viele braucht es noch?
Die genaue Zahl kann ich nicht benennen – geschätzte 500, die sich aktiv und regelmäßig einbringen. Ich habe einen Überblick über die Helferkreise, mir sind aber nicht alle Helfer bekannt. Die Vertreter der jeweiligen Helferkreise kommen regelmäßig zum Runden Tisch. Bei dem anhaltenden Zustrom an Asylbewerbern benötigen wir freilich weitere Helfer.

3. Wo kann man am besten helfen? Was sind die Bereiche, in denen Hilfe besonders angefragt ist?
Asylbewerber haben keinen Anspruch auf Deutschunterricht und hier ist die ehrenamtliche Hilfe dringend gefragt. Man benötigt keine Vorkenntnisse, um die Grundlagen Deutsch zu vermitteln. Genauso dringend ist es, den Menschen zu vermitteln, wie Deutschland funktioniert – Grundregeln des Zusammenlebens: was geht, was geht nicht, warum ist es so. Nur wenn es gelingt, soziale Grundregeln zu beachten, können das Verständnis und die Akzeptanz der Bevölkerung dauerhaft erhalten bleiben. Ehrenamtliche sind unverzichtbare Vermittler in diesem Bereich.

4. Ist es nützlich Geld zu spenden?
Geld an einzelne Asylbewerber zu spenden, ist nicht sinnvoll, da sehr schnell Neid entsteht. Außerdem gehört zur Integration das Wissen, dass auch im reichen Deutschland das Geld nicht auf der Straße liegt, sondern sehr wohl eingeteilt werden muss. Geld an Helferkreise für Materialien für Deutschunterricht zu spenden, ist eine nachhaltige Hilfe, die auch bei allen ankommt.

5. Ist es sinnvoll wenn man Kleider in Asylunterkünften abgibt?
Asylbewerber erhalten Geld, um Kleidung zu kaufen. Kleider, die direkt in der Unterkunft abgegeben werden, entsprechen oft nicht dem, was sich die Personen vorstellen oder passen einfach nicht. Außerdem kommt es hier leicht wieder zu gefühlten Benachteiligungen. Sinnvoll ist, die Kleidung bei Rentabel oder Nowaswert-Gebrauchtwarenkaufhäuser der Caritas in Freising und Moosburg oder den örtlichen Nachbarschaftshilfen, soweit sie eine Kleiderkammer haben, abzugeben. Dort können sich die Leute gegen geringes Geld die Sachen kaufen, die sie wirklich brauchen. Gekaufte Sachen haben auch eine andere Wertigkeit, hier wird überlegt und mehr geschätzt – das trifft auf alle Spenden zu.