Der Graubündner Maurermeister Johann Jakob Maffiol

von Isabella Hödl, 19. März 2015

Enrico Zuccalli (ca. 1642-1724), Antonio Riva (1650-1713/14), Giovanni Antonio Viscardi (1645-1713) – die Namen und Werke dieser berühmten Baumeister sind vielen bekannt und stehen für sich allein: so zum Beispiel Schloss Lustheim (Zuccalli) oder die Dreifaltigkeitskirche in München (Viscardi). Diese aus dem schweizerischen Kanton Graubünden stammenden Baumeister kamen jedoch nicht alleine nach Bayern, sondern brachten in Bautrupps viele weitere Bau- und Maurermeister mit – die immer noch im Schatten ihrer berühmten Protagonisten stehen, wie Johann Jakob Maffiol, Hofmaurermeister in Freising  von 1690 bis 1725.

Wer sind diese Graubündner, die Altbayern in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nicht nur bau- und kunstgeschichtlich, sondern auch als soziales Phänomen prägten? Grob gesagt, steht eine Generation im Fokus: um 1640 bis 1650 geboren, verstorben zwischen 1710 und 1725. Sie stammten aus dem südlichen Teil des Kantons Graubünden, aus den zwei kleinen Ortschaften Roveredo und San Vittore, im Misox-Tal gelegen. Die Nähe zu Italien ist unverkennbar. Daher spricht auch die ältere Forschungsliteratur oftmals von „italienischen“ Baumeistern, oder „Italienern“. Auch in zeitgenössischen Aufzeichnungen werden sie als „Welsche“ bezeichnet. In Bezug auf ihre technische und künstlerische Ausbildung ist der italienische Einfluss freilich unverkennbar. Doch politisch-rechtlich gehörte das Misox bereits seit 1493 zum Grauen Bund. Diese politische Nordorientierung brachte auch das Erlernen der deutschen Sprache mit sich, um sich in der Oberschicht behaupten zu können. Diese sprachliche Komponente schlug sich auch im Handwerk nieder. Es gibt, ausgehend vom Jahr 1690, drei überlieferte Lehrbriefe, welche den Gesellen der Maurerkorporation von Roveredo im Vorfeld ihres Auslandsaufenthaltes, auf Deutsch ausgefertigt wurden. Damit könnte auch eine Erklärung dafür geliefert sein, warum diese Baumeister sich so schnell im deutschsprachigen Raum beruflich etablieren konnten.

Verstärkt setzte nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) in Bayern eine neue Phase des internationalen Austausches ein, denn es herrschte ein Mangel an gut ausgebildeten heimischen Fachleuten. Zudem begann nach Kriegsende ein regelrechter „Bauboom“, der dabei nicht nur Klöster und Kirchen, sondern auch den profanen Bereich, zum Beispiel den Schlossbau, erfasste. Auch die fürstbischöfliche Residenzstadt Freising wurde von diesem „barocken Bauboom“ erfasst. Als Schlaglichter zu nennen sind an dieser Stelle das Marstallgebäude auf dem Domberg, der gegenüberliegende Fürstengang, der Turm der Stadtpfarrkirche St. Georg, die fürstbischöfliche Hochschule („Asamgebäude“), die Klosterkirche Neustift und viele weitere Gebäude.

Die Graubündner Baumeister gingen nicht ausnahmslos ins Kurfürstentum Bayern, dennoch ist hier eine Akkumulation erkennbar. Den altbayerischen Raum als Arbeitsort erschlossen sich die Baumeister ganz unterschiedlich. Während Giovanni Antonio Viscardi und Enrico Zuccalli als Hofbaumeister sich auf den Münchner Hof fokussierten und dauerhaft in Bayern blieben, baute sich Lorenzo Sciasca ein regionales Netzwerk mithilfe des Benediktinerordens im Voralpenland auf und kehrte zur Winterszeit nach Roveredo zurück.

Doch nun zu Freising, denn auch hier waren einige Graubündner Bau- und Maurermeister (dauerhaft) am Werk. Freising, als Residenzstadt des Fürstbischofs, hatte höfische, repräsentative Bauaufgaben zu vergeben.

Das erste Mal treffen wir im Jahr 1668 Graubündner Baumeister an. Es handelt sich dabei um Gaspare Zuccalli, der sich um den Bau des Marstalls auf dem Domberg bewarb. Doch sein Kostenvoranschlag war anscheinend sehr lückenhaft, wovon die zahlreichen Anmerkungen der Hofkammer zeugen. Der deutlich filigraner ausgearbeitete Voranschlag von Johann Moosprugger, einem Mitglied einer weit verzweigten Vorarlberger Baumeisterfamilie, bekam letztendlich den Zuschlag. So verging noch ein gutes Jahrzehnt, bis mit Antonio Riva und Peter Bologna die Graubündner in Freising Fuß fassen konnten, zu Anfangs mit den Aufträgen zum Bau des gewaltigen Kirchturms zu St. Georg (1681-1689) und des Fürstengangs (1682). Peter Bologna wurde Hofmaurermeister des Freisinger Fürstbischofs Albrecht Sigmund von Bayern, wohl im Jahr 1683. Nach dessen Tod (1690) wiederum übernahm Johann Jakob Maffiol, dem sich nun die weiteren Ausführungen widmen, bis 1715, das Amt des Hof- und Stadtmaurermeisters.

Johann Jakob Maffiol war einer jener Graubündner Maurermeister der „zweiten Reihe“. Dennoch ist es spannend zu betrachten, wie sich der „Fremde“ Johann Jakob Maffiol in das Sozialgefüge der fürstbischöflichen Residenzstadt Freising integrierte. Inwieweit hielt er den Kontakt zu seinen Landsleuten aufrecht? Schaffte er es, sich in Freising zu integrieren? Diese Fragen sollen in familiär-sozialer und beruflich-ökonomischer Hinsicht betrachtet werden.

1689 erhielt Maffiol bereits das Bürgerrecht in Freising. Ein Jahr darauf heiratete er in der Stadtpfarrkirche St. Georg die Witwe Barbara Lindtner, geb. Pals. Das Ehepaar wohnte am Rindermarkt (vgl. Abb.). Barbara Maffiol gebar zwischen 1692 und 1705 vier Mädchen und sieben Jungen, von denen allerdings zum Todeszeitpunkt des Vaters im Jahre 1721 nur noch vier am Leben waren. An der Auswahl der Taufpaten kann festgestellt werden, dass Johann Jakob Maffiol bei den ersten zwei Taufen noch den Kontakt zu seinen Landsmännern, im speziellen zur Familie Viscardi hielt, jedoch erkennt man bereits ab dem dritten Kind die ausschließliche Hinwendung zum Freisinger Raum. Die Wahl des Taufpaten fiel fortan auf die Familie Schäffler. Johann Schäffler, fürstbischöflicher Hofbauschreiber und Hofeinkäufer, war als  Leiter des Hofbauamtes direkter Vorgesetzter von Maffiol. 1705 tritt Anna Maria Feller als Taufpatin auf, die Ehefrau des Hofkammerkanzlisten Johann Feller. Maffiol verortete sich klar in der höfischen Sphäre und orientierte sich dabei sozial nach oben. Auch Maffiols Kinder integrierten sich mit ihren Heiraten in das städtische Sozialgefüge. Anton Maffiol beispielsweise trat auch beruflich in die Fußstapfen seines Vaters, als er als Stukkateur bei der Domrenovierung 1724 mitarbeitete, freilich in zweiter Reihe.

Wie bereits mit der Wahl der Taufpaten deutlich wurde, konzentrierte sich Maffiols Blick auf den Freisinger Hof. Er fühlte sich nicht nur in seinem familiären Rahmen, sondern auch in beruflicher Hinsicht stark der höfischen Sphäre zugehörig. Dies ist wiederum ein Indiz dafür, dass in der Gesellschaft der Frühen Neuzeit zwischen der privaten und öffentlichen Sphäre nicht in dem Ausmaß unterschieden wurde, wie dies heute der Fall ist. Dass die Hinwendung zum Hof mit seinem zweiten Amt, dem des Stadtmaurermeisters, zwangsläufig in einen Dissens münden musste, war absehbar. Für die Jahre 1692 und 1693 liegen uns Archivalien vor, die einen Streit des Hof- und Stadtmaurermeisters Maffiol mit der städtischen Maurerzunft belegen. Der Vorwurf der Zunft an ihn lautete, dass er sich zu wenig um die Akquise von städtischen Bauaufträgen kümmern würde und diese dadurch an „fremde“, beispielsweise an Münchner Bautrupps, abgingen. Letztendlich leugneten sie Maffiols fachliche Kompetenz. Zu diesen Anschuldigungen soll Maffiol der Zunft entgegnet haben, dass er sein Brot vom Hof bekomme, daher den städtischen Maurern keine Rechenschaft schuldig sei. Die Auseinandersetzung endete damit, dass der Freisinger Hofrat Maffiol aufforderte, zu den städtischen Zunfttreffen zu gehen, in die Zunftkasse einzuzahlen und einiges mehr.

Maffiols Arbeitsfeld als Hofmaurermeister waren nicht die großen prestigeprächtigen Aufgaben wie das fürstbischöfliche Lyzeum oder die Maximilianskapelle; diese Projekte gingen an renommiertere und bekanntere Baumeister, beispielsweise Giovanni Antonio Viscardi. Maffiol arbeitete dabei in zweiter Reihe mit, oft als Palier. Sein Haupttätigkeitsfeld bestand im Bau von Alltags- und Zweckbauten, wie dem 1706 errichteten Krankenhaus (heute Musikschule) oder dem 1714 aufgeführten Gefängnisturm; ferner erstreckte sich sein Aufgabenbereich auf die Überprüfung von renovierungsbedürftigen Häusern oder auch die Ausmauerung von Gräbern.

Der Maurermeister Johann Jakob Maffiol, wie auch viele seiner Landsassen, die weniger Bekanntheit erlangten, warten noch darauf in der Geschichtswissenschaft eine entsprechende Würdigung zu erfahren.