Der Dom im Wandel

Eindrücke eines Rückkehrers

09. Mai 2016

Ein gebürtiger Freisinger kommt nach längerer Zeit wieder in seine alte Heimatstadt, er möchte ein wenig in alten Zeiten stöbern. War ihm diese Stadt doch so lange Heimat.
Von großen Planungen hatte er erfahren: Moosachöffnung, Restaurierung des Asamgebäudes, Neugestaltung des Kardinal-Döpfner-Hauses und Diözesanmuseums und einiges mehr.

Der Domberg, ein ihm aus früheren Tagen besonders vertrauter Ort, ist das erste Ziel seines Spaziergangs. Der Weg führt ihn, von der Heilig-Geist-Gasse kommend, auf der Unteren Dombergasse durch den mittelalterlichen Wehrturm, den einzigen, der noch steht in Freising. Ein paar Mal muss er sich an die Wand drücken, um die Autos vorbeizulassen. Dann nimmt er links die Abkürzung über die steile Treppe und steht vor dem geschmückten Nordportal. „Heilige Pforte“ ist der Eingang in dem von Papst Franziskus ausgerufenem „Jahr der Barmherzigkeit“; Barmherzigkeit als neuer Aufbruch für eine manchmal doch erstarrt wirkende Kirche?
Dann taucht er ein in die barocke Pracht des Domes und lässt sich überwältigen von der Vielfalt der Eindrücke. Sein Rundgang führt ihn weiter in die meditative Stille des Kreuzgangs. Vorbei an Jahrhunderte alten Grabsteinen, hinter jedem Epitaph ein Menschenschicksal, das dem alten Bistum und dem Hochstift Freising verbunden war, ein Museum in Lebensbildern. Über manche dieser Verstorbenen weiß er etwas mehr, war es doch vor einigen Jahren noch möglich den überwiegenden Teil der Inschriften zu entziffern.

Da fällt sein Blick auf ein Grabmal, von dem ein großes Stück fehlt. Mit dem Stein ist auch ein Teil der Inschrift herausgebrochen. Im ersten Moment muss er schmunzeln, unwillkürlich denkt er an Loriots Steinlaus, aber dann vergeht ihm das Lachen. An einem anderen Stein befindet sich eine besonders schöne Inschrift, leider nur noch teilweise lesbar. Der Stein zerbröselt zunehmend. Marcus Tatius Alpinus heißt der Verstorbene, Kanzler des Fürstbischofs und ein bedeutender Gelehrter war er, der hier mit seiner Frau und sieben Söhnen sowie sieben Töchtern abgebildet ist.
Der Gast geht verwundert weiter, stolpert, stürzt fast, vom Bodenpflaster fehlt ein beachtliches Stück.
An einen meditativen Rundgang ist nun nicht mehr zu denken, er schaut sich genau um. Er betrachtet das Gewölbe, Risse sind zu sehen, der Stuck stellenweise schadhaft und das Loch im Boden ist nicht die einzige Stolperstelle.
Die vielen kunstvollen Grabsteine, die nicht nur von der Vergänglichkeit des Menschen künden, sondern auch Zeugnisse der 1300-jährigen Freisinger Geschichte sind, sie bröckeln vor sich hin. Selbst wenn man vorsichtig dagegen klopft, hört es sich an vielen Stellen hohl an, bald wird die nächste Inschrift herausbrechen.
Er trifft auf den Dommesner und schildert ihm seine Betroffenheit. Dieser meint nur: „Wenn ein Teil aus einem Epitaph herausbricht, dann stecke ich es in eine Plastiktüte, beschrifte sie und hebe sie auf, weitere Möglichkeiten habe ich leider nicht“. Der Gast kann es nicht recht glauben: Die Grabsteine des berühmten Kreuzgangs des Freisinger Doms werden sukzessive in Plastiktüten verpackt. „Ja, kümmert sich denn da sonst niemand darum?“. „Doch, doch der Rektor der Domkirche lässt nichts unversucht, doch meist scheitert er an den unterschiedlichen Zuständigkeiten von Staat und Kirche“, meint der Mesner und setzt seinen Rundgang fort. Auch der Gast geht weiter, vorbei am Aufgang in den wunderschönen Barocksaal der Dombibliothek. „Noch immer zu“, denkt er resigniert. Wie viele Jahre schon? Sind es sechs oder sieben? Mittlerweile hat jemand das Schild „vorübergehend geschlossen“ entfernt.

Da steigt Ärger in ihm auf: „Die Freisinger und die vielen Menschen, die nicht nur an hohen Festtagen (immer noch) den Dom besuchen, welche die Urkirche ihres Erzbistum, die Keimzelle Altbayerns erleben wollen, auch so verborgene Bereiche, wie den Kreuzgang oder den Saal der Bibliothek, die fragt man nicht. Im weit entfernten München wird geplant, in der Meinung, dass es für Freising passt. Eine Unternehmensberatung soll nun zuständig sein, stand neulich in der Zeitung. Ob diese Leute einen emotionalen Bezug zu Freising, zum mons doctus haben? So eine Institution wie die Kirche kann doch nicht nur Objekt für die Planung rein rationaler Betriebsabläufe sein.“

Betroffen, nachdenklich, auch etwas traurig verlässt der Gast den Dom. „Vielleicht sollte ich doch mehr innere Distanz gewinnen“, denkt er. „Ich glaub`, ich fahre jetzt mal für längere Zeit nicht mehr nach Freising“. Am Kanzlerbogen wirft er noch einmal einen längeren Blick zurück.
„…Vielleicht komme ich doch mal wieder, es ist doch auch meine Kirche, mein Domberg“, brummt er und geht die Treppe in die Stadt hinunter.