Das Geheimnis der Krypta

Carl Amery: Szenische Lesung im Furtnerbräu

10. Oktober 2015

Im Oktober 2015 findet eine szenische Lesung des Romans „Das Geheimnis der Krypta“ von Carl Amery statt. Zugleich wird eine Ausstellung zu diesem Roman im Landratsamt Freising gezeigt. Fink hat sich mit dem Regisseur Thomas Goerge und dem Kreisheimatpfleger Rudolf Goerge, die diese Veranstaltungen durchführen, unterhalten.

 

Warum macht Ihr ausgerechnet in diesem Herbst eine Carl Amery-Ausstellung und eine szenische Lesung? 

Rudolf Goerge: Das ist ganz einfach: Der Schriftsteller Carl Amery starb vor zehn Jahren am 24. Mai 2005 in München. Deshalb wollen wir mit unseren Aktionen an ihn erinnern. Er hat seine Kindheit und Jugend in Freising verbracht, weil sein Vater Professor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule hier in Freising war. Carl Amery, der eigentlich Christian Anton Mayer hieß, war Schüler am Dom-Gymnasium und in der katholischen Jugend Freising engagiert. In seinem letzten Roman verarbeitete er autobiografische Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend. Außerdem kommen viele Personen vor, die wirklich gelebt haben. Allerdings gibt Amery ihnen fiktive Namen. Meine Ausstellung im Kreuzgang des Landratsamtes schildert vor allem Amerys Zeit in Freising und versucht, einige Geheimnise des Krypta-Romans zu entschlüsseln, scheitern inbegriffen.

Thomas Goerge: Carl Amery war ein hervorragender Schriftsteller und ein scharfer Kritiker der Gesellschaft und der Kirche. Er war zum Beispiel Mitglied der Gruppe 47 und Präsident des deutschen PEN-Zentrums. Er schrieb viele Essays, Hörspiele und Rundfunkbeiträge. Seine Romane bewegen sich zwischen Wirklichkeit und Fiktion und gehören zur besten Science-Fiction Literatur überhaupt.  Dafür hat er eine ganze Menge Preise und Auszeichnungen erhalten. Carl Amery war auch politisch sehr engagiert und Gründungsmitglied der Partei „Die Grünen“, was heut kaum noch einer weiß.

 

Worum geht es in dem Roman?

Rudolf Goerge: Wie der Titel schon sagt, spielt der Roman in Freising. Dieser Roman ist für Freising ganz besonders wichtig, weil in seinem Mittelpunkt das bedeutendste Kunstwerk der Domstadt, die Krypta mit der Bestiensäule, steht. Sie stellt das Leitmotiv des Romans dar.

Thomas Goerge: Ich möchte zuerst Carl Amery zitieren: „Das Feld des Romans ist das des Zukunftsschocks angesichts des Endes des „Fortschritts“-Paradigmas – in den weiten Grenzen zwischen reaktionärer Katatonie, technokratischer Brutalität und gieriger Schlauheit der Zukurzgekommenen – mit einem Wort, das weite Feld der VERLIERER.“
Wie schon gesagt ist die Krypta das Leitmotiv. In dieser Krypta erforscht der Geisteswissenschaftler Dr. Korbinian Irlböck, ein aus Amerika heimgekehrter, ein wenig verklemmter Priestersohn, die „Sphagistik“, die Wissenschaft von den Verlierern. Eine Geheimorganisation interessiert sich plötzlich für Irlböcks Arbeit und engagiert ihn, ein Überlebensmodell für die Erde zu entwickeln, die wegen Überbevölkerung, Umweltzerstörung und Kollaps des Wirtschaftssytems am Verlieren ist. Korbinian Irlböck schlägt vor, die Menschheit durch ein künstlich hergestelltes Epidemie-Virus um 95 % zu reduzieren. Dieser Plan wird vom Freisinger Domberg aus durchgeführt. Die Apokalypse nimmt ihren Lauf. Sinngemäß hat ein Kritiker darüber geschrieben, „Das Geheimnis der Krypta“ sei ein äußerst komplexes Werk, mit subtilen Bezügen etwa zur aktuellen Chaosforschung  und der Geschichte Freisings. „Der Roman vom Ende des Fortschritts ist großes, phantastisches Welttheater.“

Rudolf Goerge: Der Roman hat 375 Seiten, und wir haben ihn für unsere Performance auf eineinhalb Stunden gekürzt und erzählen nur die spannende Haupthandlung. Doch am Samstag werden wir ab 10 Uhr in einem Lesen-Marathon den kompletten Roman vorlesen. Das wird etwa 14 Stunden dauern.

In ihm finden sich unter anderem wunderbar erzählte Freisinger Verlierergeschichten, die ganz aktuell sind und die man unbedingt hören soll.

 

Warum macht Ihr die szenische Lesung ausgerechnet im Furtnerbräu?

Thomas Goerge: In einem Gespräch erzählte uns der Freisinger Kulturreferent Dr. Hubert Hierl, dass Carl Amery 1990 den Roman im Furtnerbräu vorgestellt hat.

Ich finde auch, dass das Jagdzimmer der ideale Ort für diesen genialen, bayrischen Science-Fiction Roman ist.

 

Wie kann man sich das alles im Jagdzimmer vorstellen?

Thomas Goerge: Im Grunde besteht die Arbeit aus zwei Teilen. Eine Videoinstallation setzt sich in assoziativen Bildern mit dem Roman auseinander. In einer szenischen Aufführung wird die Handlung von einem Sprecher gelesen und von zwölf Akteuren gespielt. Der Sprecher wird der bekannte Schauspieler Michael Grimm sein, der schon im Furtnerbräu Erzählungen von Reinfried Keilich gelesen hat, die im FINK-Verlag erschienen sind. Die meisten kennen ihn aber aus dem Fernsehen, der Serie „Rosenheim Cops“ oder Filmen wie etwa „Schwere Jungs“. Ich habe mich für genau zwölf Akteure entschieden, weil auf der Bestiensäule in der Krypta ebenfalls zwölf mythische Gestalten dargestellt sind: vier Ritter, vier Monster, zwei Adler, ein Hund und eine Seherin. Zu Performern aus Freising kommen zwei Schauspieler aus Burkina Faso, mit denen ich schon zweimal an der Staatsoper in Berlin gearbeitet habe. Ein Cellist wird Stücke spielen, die der südafrikanische Komponist Richard van Schoor eigens für diesen Abend komponiert hat.

 

Wann können unsere Leser die Ausstellung sehen und die szenische Lesung erleben?

Rudolf Goerge: Die Ausstellung wird am Freitag den 16. Oktober um 17 Uhr im Kreuzgang des Landratsamtes eröffnet. Am 20. November wird sie zu Ende sein.

Thomas Goerge: Es wird drei Aufführungen der szenische Lesung geben: Die Premiere ist am Freitag, 16. Oktober, um 20 Uhr im Jagdzimmer des Furtnerbräus. Weitere Aufführungen sind am Samstag, 17. Oktober, und am Sonntag, 18. Oktober, jeweils um 20 Uhr.

 

Vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns schon auf diese spannenden und außergewöhnlichen Kulturveranstaltungen im Oktober.