Das Furtner-Anwesen in der Oberen Stadt

07. Juni 2013

Im Steuerbuch der Stadt Freising vom Jahr 1513 wird im Bereich zwischen dem Dechanthof von St. Veit (heute Obere Hauptstraße 44) und der Schluttergasse (heute Kochbäckergasse) ein Bierbrauer mit dem Namen „Linhart“ aufgeführt. Da es in diesem Bereich kein anderes Anwesen mit einer Brauereigerechtigkeit gab, liegt es nahe, die Erwähnung auf den späteren Furtnerbräu zu beziehen. Der Namen „Furtner“ geht auf einen Caspar Furtner, der die Brauerei im frühen 17. Jahrhundert besaß, zurück. Soweit es sich rekonstruieren lässt, ging der Brauerei- und Gastbetrieb bis Mitte des 19. Jahrhunderts durch beinahe unzählige Hände: Nur zwei Mal seit dem frühen 17. Jahrhundert konnte er direkt an einen Nachkommen weitervererbt werden, ansonsten kam es durch frühe Todesfälle der Bräuer und zwei-, teils auch dreifache Wiederverheiratung einzelner Witwen zu sehr häufigen Besitzerwechseln. Erst mit dem Erwerb des Furtner-Anwesens durch die Familie Braun aus Bernstorf (bei Kranzberg) im Jahr 1833 etablierte sich eine „Brauer-Dynastie“, die den Furtner über mehrere Generationen (letztlich bis 2007) führte. Zwar wurden die Brauerei 1967 und das Gasthaus 2007 aufgegeben, letztere seit 2012 aber in einer attraktiven Zwischennutzung wiederbelebt. Laut dem jetzigen Besitzer soll der Furtner nach einem Umbau auch künftig eine traditionsreiche Gaststätte bleiben.
Im Folgenden stehen nicht die Familien- und Besitzergeschichte des Furtnerbräus im Vordergrund, sondern das Furtner-Gebäude in der Oberen Stadt. Es gehört zu den größeren bürgerlichen Anwesen in der Freisinger Altstadt, ist vielleicht allein deshalb schon eine kurze Betrachtung wert.

Das Furtner-Anwesen liegt ungefähr in der Mitte der nordseitigen Bebauung der Oberen Stadt. Das vergleichsweise kleine, fast vollständig bebaute Grundstück öffnet sich mit dem repräsentativen Gasthaus nach Süden zur Hauptstraße. Im Norden grenzt es mit den Brauereigebäuden an das große, inzwischen dicht bebaute Grundstück des ehemaligen Dechanthofes des Kollegiatstiftes St. Veit. Der Dechanthof selbst hat seinen Standort nordwestlich des Furtner-Anwesens, einige Meter abseits der Hauptstraßenbebauung, und wird durch das „Furtner-Gässchen“, das entlang der Westseite von Gasthaus und Brauerei verläuft, erschlossen. An die Ostseite des Furtner-Anwesens grenzt ein Gebäude, das in der Vergangenheit ebenfalls eine Gaststätte beherbergte, spätestens seit Mitte des 18. Jahrhundert unter dem Namen „Zum Alten Geld“.

Das repräsentative Gasthaus Furtner wurde in den Jahren 1886/87 errichtet. Der Neubau war notwendig geworden, weil das bisherige Gasthaus in der Nacht vom 14. auf den 15. September 1886 durch einen schweren Brand zerstört wurde. Beim alten Furtner-Anwesen handelte es sich eigentlich um zwei Häuser: Zum einen um das ursprüngliche Gasthaus, das sich in etwa über die westliche Hälfte des heutigen Hauses erstreckte. Es dürfte im 15. Jahrhundert errichtet worden sein und besaß eine überaus aufwändige Fassadengestaltung: ein steil aufragender gotischer Giebel, der von fünf Fialen bekrönt war. Das zweite Haus des alten Furtner-Anwesens, das knapp die östliche Hälfte des jetzigen Gasthauses einnahm, konnte im Jahr 1670 vom damaligen Furtnerbräuer Balthasar Huber erworben werden. Es wurde dem Furtner-Anwesen wohl relativ zeitig angefügt, da es in der Folgezeit als eigenständiges Anwesen quellenmäßig nicht mehr fassbar ist. Anders als das alte Gasthaus war dieses Haus zur Hauptstraße hin traufständig. Es umfasste drei Geschosse, die Schaufassade war weit weniger aufwändig gestaltet als diejenige des westlichen Hauses. Zu einer Angleichung der beiden Fassaden – wie es beispielsweise ab 1838 im Fall der drei Sporrer-Anwesen, jetzt „Bayerischer Hof“, geschah – kam es im Fall der beiden Furtner-Häuser nicht. Bis zu ihrem Ende 1886 blieben beide Häuser des alten Furtner-Anwesens im Stadtbild als eigenständige Baukörper sichtbar.

Das Feuer, dem das alte Anwesen binnen Stunden zum Opfer fallen sollte, brach in der Nacht vom 14. auf den 15. September 1886 aus, wobei laut der beiden Berichte zum Brand im Freisinger Tagblatt (16. und 17. September 1886) ein konkreter Brandherd letztlich nicht ausgemacht werden konnte. Die Brauerei wurde stark beschädigt, jedoch nicht zerstört. Anders das Gasthaus an der Hauptstraße: Hier setzte sich das Feuer über viele Stunden fest, so dass es am Nachmittag des 15. September den markanten gotischen Giebel zum Einsturz brachte. Die Intensität des Brandes wird nicht nur durch dessen lange Dauer, sondern auch durch den Einsatz von fünf Feuerwehren (Freising, Neustift, Vötting, Hohenbachern, Werkfeuerwehr Steinecker) ganz offensichtlich.

Am Ende der ersten Berichterstattung des Freisinger Tagblatts über den Furtner-Brand äußerte der Autor den beinahe verheißungsvollen Wunsch, „…auf daß an der Stelle, wo das anheimelnde und gut besuchte alte Anwesen gestanden, eine neue nicht minder beliebte und um so praktischere Heimstätte des Bierbrauers sich erhebe.“ Tatsächlich beauftragte der damalige Furtner-Bräu Johann Braun sehr rasch den renommierten Freisinger Architekten Heinrich Lang mit der Ausarbeitung von Plänen für einen Gasthaus-Neubau. Die auf den 30. September 1886 datierten und darauffolgend beim Stadtmagistrat eingereichten Baupläne wurden am 7. Oktober genehmigt. Der von Braun vorgelegte Bauplan zur Instandsetzung der durch den Brand beschädigten Brauerei im hinteren Teil des Anwesens fand eine Woche später, am 14. Oktober, ebenfalls die Zustimmung des Stadtmagistrates. Den Betrieb der Gastwirtschaft – genauer: die Ausübung des „realen Gast- und Schankwirthschaftsrechtes“ – hatte man nicht unterbrochen, sondern in nahe gelegene Häuser verlegt: Bereits am Tag nach dem Brand (16. September) wurde dem mündlichen Antrag Johann Brauns entsprochen, seine Gast- und Schankwirtschaft im Erdgeschoss des Hauses Obere Hauptstraße 45 („Zirnbauer-Haus“) ausüben zu dürfen. Dieser provisorische Betrieb konnte auf ein erneutes Ansuchen hin am 23. September auf das Haus Obere Hauptstraße 41 („Entleutner-Haus“) ausgedehnt werden. Beide Anwesen lagen für den provisorischen Betrieb insofern günstig, als das dazwischen liegende Haus Obere Hauptstraße 43 im Besitz des Furtnerbräuers war; es diente ihm – und auch noch seinen Nachfahren – als Ökonomiegebäude.

Die vorübergehende Nutzung der beiden genannten Häuser durch den Gastbetrieb hatte bereits nach gut drei Monaten ein Ende. Am 23. Dezember 1886 erhielt Johann Braun die Genehmigung, seinen Betrieb im Erdgeschoss des offenbar bereits weitgehend fertiggestellten Neubaus wieder eröffnen zu dürfen. Am Weihnachtstag 1886 fand eine Eröffnungsfeier statt, unter anderem mit dem Ausschank von Bockbier. Der Innenausbau – die Ausstattung der Gasträume mit Holzvertäfelung, die Einrichtung der Gästezimmer, etc. – dürfte sich sicherlich noch längere Zeit hingezogen haben; hierauf bezieht sich möglicherweise eine weitere Eröffnungsfeier, die am 30. Oktober 1887 begangen wurde.

Bemerkenswert sind im Zusammenhang mit dem Furtner-Neubau nicht nur die Betriebsamkeit des Johann Braun und das rasche Tempo des Wiederaufbaus, bemerkenswert ist auch das Ergebnis: Architekt Heinrich Lang hat die Chance genutzt, auf der mäßigen Flächengröße zweier mittelalterlicher Stadtparzellen einen repräsentativen Bau zu errichten, der im Stadtbild der Oberen Stadt eine Dominante darstellt. Lang bediente sich bei der Gestaltung der Schaufassade Elementen der Renaissance und des Barock und dabei – wie es für historistische Bauten des neuen Bürgertums der Zeit ganz gewöhnlich war – bewusst Stilmitteln der Schloss- und Palaisarchitektur. Augenfällig ist die Bezugnahme auf ein lokales Beispiel eines hochbarocken Stadtpalais, dem ebenfalls in der Oberen Stadt, nur acht Häuser unterhalb vom Furtner-Anwesen gelegenen Stadthaus der Familie Eckher von Kapfing und Liechteneck (heute „Härtingerhaus“ genannt). Durch sein Bauvolumen und die plastische Fassadengestaltung dominierte dieses Haus seit seiner Errichtung im späten 17. Jahrhundert die Obere Stadt. Dies dürfte Heinrich Lang, vielleicht auch dem Bauherrn Johann Braun bewusst gewesen sein und man sah darin möglicherweise ein für den Furtner-Neubau geeignetes Vorbild.

Mit dem Neubau hat es zuletzt auch der Furtnerbräu – zumindest in der Außendarstellung – in den Kreis der ortsansässigen „Edelbrauer“, die Freising-typische Variante des aufstrebenden Bürgertums des 19. Jahrhunderts, geschafft. So reiht sich der Furtner-Neubau von 1886/87 in die Serie der großen Gasthaus- und Brauerei-Bauten des 19. Jahrhundert in Freising – Sporrer (Bayerischer Hof), Hackl (Hacklbräu), Duschl (Laubenbräu) – ein.

Im Lauf des 20. Jahrhunderts erfuhr das Furtner-Anwesen nur mehr zwei wesentlichere Veränderungen: 1962/63 wurde das Gasthaus nach den Plänen des Freisinger Architekten Hans Hofmann umgebaut. Dabei hatte man die breite Durchfahrt aufgelassen und den neuen Eingang in die Mittelachse des Gebäudes verlegt. Der frühere große Gastraum wurde auf den Bereich der Durchfahrt verschoben. Außerdem kam es zu Veränderungen an der Fassade im Erdgeschossbereich: Die Rustizierung wurde stark abgeschwächt, zudem die alten Fenster durch Einscheibenfenster ersetzt. 1967 gab die letzte Furtnerbräuin, Sofie Braun, die Brauerei auf. Die Brauereigebäude, die in Teilen noch auf das 18. Jahrhundert zurückgehen dürften, blieben bis zum heutigen Tag fast unverändert erhalten.