Christopher Paudiß

Über Freisings bedeutendsten Maler

von Prof. Dr. Peter B. Steiner, 01. April 2012

Freising hat einen neuen Platz, mit Bushaltestelle, mitten in der Stadt an der Heiliggeistgasse; eigentlich handelt es sich nur um eine bepflanzte Baulücke zwischen dem Heiliggeistspital und dem Gebäude der ehemaligen Knabenschule St. Georg. Genau hier stand einst das Haus, in dem 1664 bis 1666 der bedeutendste Maler dieser Stadt wohnte: Christopher Paudiß (um 1630-1666).

Wer war dieser Christopher Paudiß? Sein Name klingt nicht bairisch, zumal wenn er, wie auf seinen signierten Gemälden üblich, „Pauditz“ geschrieben wird. Das reimt sich auf Lausitz und von dort kommt der Name auch, aus der Stadt Bautzen oder vom dortigen Adelsgeschlecht der Baudissin. Christopher Paudiß ist vermutlich in Hamburg geboren, um 1630. Vielleicht war er der Sohn eines Offiziers in dänischen Diensten. Er hat in Amsterdam bei Rembrandt um 1645 gelernt. Danach versuchte er von seiner Kunst zu leben. Das ist heute nicht leicht und war es im vom Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) verwüsteten Deutschland noch weniger. Er malte Stillleben, Portraits, Tierbilder, Historienbilder und vor allem große Bilder von armen Leuten auf dem Lande. Damit machte er sich nur wenig Freunde. Denn die Zeit, Menschen der Unterschicht, ungebildete, unterdrückte, hart arbeitende Männer und Frauen ernst zu nehmen, kam erst zwei Jahrhunderte später. Der Soldat Woyzeck im gleichnamigen Drama von Georg Büchner von 1836 ist ein frühes Beispiel. Im 17. Jahrhundert dagegen waren Bauern für die adelige Gesellschaft und das reiche Bürgertum, die allein sich Gemälde leisten konnten, nichts anderes als Witzfiguren, über deren armselige Kleidung und schlechte Manieren man sich amüsierte, wie dies zum Beispiel auch Shakespeare im Possenspiel des Sommernachtstraums tat. Vielleicht deshalb, aber wohl auch wegen seines schwierigen Charakters hielt es der junge Maler Christopher Paudiß an keinem Fürstenhof lange aus, weder in Preßburg, noch in Stuttgart, Dresden, Wien und Salzburg. Nur in Freising fand er 1662 in Fürstbischof Albrecht Sigmund von Bayern (reg. 1651-1685) einen Mäzen, der ihn aushielt, ja der ihn schätzte, wie man aus der Zahl seiner Werke in der fürstbischöflichen Residenz schließen kann.
Hier entstand das Selbstbildnis mit Gamsbart (vgl. Abb.), in dem sich der junge Maler als bayerischer Rembrandt stilisierte (als Leihgabe der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen jetzt im Freisinger Dommuseum). Paudiß übernahm Position, Haartracht, Bart und Kleidung von einem berühmten Selbstbildnis von 1639, in dem Rembrandt mit Raffael und Tizian wetteiferte. Wie dieser fixiert er den Spiegel und damit den Betrachter über die Schulter hinweg in einem bohrenden Blick. Aber er trägt kein elegantes Barett sondern einen zerknitterten Bettlerhut mit Gamsbart. Der Gamsbart kennzeichnet auch heute noch das bayerische Oberland; kann man hier als Künstler nur betteln?
1979 wurde dem noch jungen Diözesanmuseum auf dem Freisinger Domberg ein Gemälde von Christopher Paudiß angeboten. Eine Kunsthistorikerin aus Freiburg, Marianne Baumann-Engels, hatte uns darauf angesprochen, nachdem die staatlichen Museen und Sammlungen den Erwerb abgelehnt hatten. Es war sehr groß (227×154 cm), sollte 20.000 US-Dollar kosten und war bei einem Londoner Kunsthändler zu besichtigen. Dieser äußerte sich enttäuscht über die große, deutlich sichtbare Signatur: „Cristofher Paudiß/ Ano 1662“. Wenn es nicht signiert wäre, könnte man es einem holländischen Maler zuschreiben und viel teurer verkaufen, meinte er. Aber wer sammelt schon deutsche Barockmalerei und diesen unbekannten Paudiß noch dazu? Dies hat sich geändert.
Als der hohe schmale englische Möbelwagen mit dem Bild im Februar 1980 am Dombergtor stehen bleiben musste, haben die zwei Möbelpacker, der Hausmeister und der Direktor des Museums den schweren Goldrahmen mit dem Bild herausgezogen und ihn auf ein kleines vierrädriges Wägelchen gestellt und das Ganze dann mit Gurten und Seilen über das Kopfsteinpflaster bis zum Museum geschleift. Das Bild (vgl. Abb.) war frisch gefirnisst und in einem guten Zustand. Es wurde sofort ausgestellt als Höhepunkt einer im Mai neu eröffneten Barockgalerie. Vor dunklem Grund erscheint die Gestalt eines armen alten Mannes, der seine Hand über ein Kälbchen hält. Ein reich gekleideter Mann schiebt ihm Geld zu, ein großer Hund schnüffelt am Kalb, das erschreckt aufschreit. Das Kälbchen ist mit seinem warmen kurzen Fell, den feuchten dunklen Lippen und Augen, Zunge und Zähnen gemalt wie nie zuvor ein Tier, genau und liebevoll. Der alte Mann, der es, selber fast hinfällig, führt und beschützt, gehört zu den eindrucksvollsten Bildern des Alters, in seiner Größe nur Rembrandt vergleichbar. Seine arthritische(?) rechte Hand (die linke ist verbunden) wehrt das Geldstück ab und schützt das Tier. Das Kalb ist, wie in anderen Zusammenhängen das Lamm, Symbol für das Wehrlose, Unschuldige, auch für Kinder, Mädchen, Frauen. Geld oder Leben? Der Grundkonflikt, geschürt durch einen ins Feuer blasenden Jungen im Hintergrund, hat seit 1662 nichts von seiner Schärfe verloren.
1984 gab das Diözesanmuseum seinen ersten Katalog heraus, auf dem Titelbild, das große Paudiß-Gemälde „Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel“, das aus St. Benedikt am Domkreuzgang ins Museum gekommen war. Paudiß wurde allmählich bekannt, ebenso wie das Museum, das seine Bilder sammelte. Dank einer Stiftung, der Dr.-Eberhard-Kuchtner-Stiftung, konnte das Museum 1992 ein anderes Gemälde aus Privatbesitz erwerben (vgl. Abb.): „Der Winter, von Paudix gemahlt“ wird es in einem Inventar der Kunstkammer Herzog Maximilian Philipps von Bayern 1701 genannt. Es zeigt einen frierenden Jungen in zerrissener Kleidung, der einem reich gekleideten Mädchen einen Buchenholzprügel bringt. Das Mädchen hat einen Feuertopf unter dem Rock, den es eben umgeworfen hat, so dass glühende Holzkohle auf den Boden fällt. Die Gegensätze Bub und Mädchen, Holz und Feuer, Armut und Reichtum, Kälte und Hitze sind in einer braungrauen Farbkomposition mit wenigen roten und weißen Lichtern angedeutet. Im Hintergrund liegt auf einem Mauervorsprung eine Tonpfeife. Sie erinnert daran, dass unser Leben wie Rauch vergeht.
Im Frühjahr 2007 konnte das Dommuseum endlich die seit Jahren geplante erste Ausstellung des Malers zeigen unter dem Titel „Christopher Paudiß. Der bayerische Rembrandt?“. Dafür kamen Bilder des Freisinger Malers aus den Galerien und Museen von Budapest, Dresden, München, Prag, Rotterdam und Wien zusammen, beinahe alle erhaltenen Werke. In einem stattlichen Katalog wurden Leben und Werk des Künstlers dargestellt. Die Ausstellung wurde für den Maler zum internationalen Durchbruch. Wer 1980 in einer öffentlichen Sammlung Bilder von Paudiß sehen wollte, musste um Erlaubnis bitten, einen Termin vereinbaren und durfte dann ins Depot. Seit der Freisinger Ausstellung von 2007 hat sich das geändert. In der Alten Pinakothek in München hängen jetzt zwei große Bauernbilder von Paudiß im Rembrandt-Saal und das Kunsthistorische Museum in Wien hat alle seine Bilder in die Primärgalerie gehängt, darunter das höchst erstaunliche Altarbild aus dem Salzburger Dom mit der Marter des hl. Thiemo. In den Galerien von Prag, Rotterdam und St. Petersburg war Paudiß immer ausgestellt, wenn auch nur mit je einem Bild. Und überall halten seine Bilder den Vergleich mit seinem Lehrer Rembrandt aus.
Die Namensgebung des Plätzchens neben dem Heiliggeistspital erinnert also an keinen Unwürdigen, sondern an den größten Künstler, der je in dieser Stadt lebte.