Männer drehen krumme Dinger

von Elisabeth Melzer, 02. Dezember 2018

Das Hobby hat die fünf Drechsler aus Freising und Umgebung zusammengeführt. Eine jährlich im Dezember stattfindende Ausstellung im Alten Gefängnis macht ihre Kunstfertigkeit bekannt. „Drechselmeister“ steht auf der gusseisernen Drechselbank, die als Erstes ins Auge sticht, wenn man die Werkstatt im Keller von Martin Bauer betritt. Darum herum: Verschiedene Hölzer bis zur Decke, Schubladenschränke voller Zubehör, ein Schleifgerät und an der Wand, sauber aufgereiht und an einer Holzplatte befestigt: Drechseleisen. Es sind die Handwerkzeuge jedes Drechslers, mit denen er sein Werkstück ausformt. Meißel, Ausstecher, Schaber, Haken und Röhren – Schalenröhren mit geradem Anschliff oder mit Fingernagelanschliff. Rund 30 Drechselmesser sind es an der Zahl. „Davon kann man nie genug haben“, sagt Martin Bauer und lacht.

Der ehemalige Berufsschullehrer hat ein Stück Vierkantholz in ein Metall gespannt, das in der Fachsprache Drechselfutter genannt wird, und beides wiederum in den Spindelstock der Drehbank. Er will aus dem kleinen Ahorn-Zylinder einen Kreisel fertigen. Damit kann er auf die Schnelle eine erste Lektion im Drechseln erteilen. Martin Bauer zieht seinen Arbeitskittel über, schiebt sich die Handauflage an der Drehbank zurecht und setzt mit beiden Händen die ausgewählte Röhre am Werkstück an. „Je kleiner das Stück Holz, das ich verarbeite, desto höher muss die Drehzahl sein“, erklärt er und schaltet den Motor an. Schon fliegen uns die Späne um die Ohren, und ein feiner Holzduft breitet sich im Raum aus.

Bereits als Schuljunge im Internat hat sich Bauer vom Holz angezogen gefühlt und Schnitzen gelernt. Später ist er Berufsschullehrer für Schreiner geworden und hat seine Leidenschaft zum Beruf ge macht. Die erste Drechselbank erstand er vor 30 Jahren, und mittlerweile ist er dem Drechseln schöner Objekte aus vielerlei Hölzern verfallen. Über das Drechsler Forum und den Münchner Drechsler Stammtisch hat Bauer andere Hobbydrechsler aus Freising und der Umgebung kennengelernt. Mit ihnen tauscht er sich aus, und miteinander hat man 2010 eine Ausstellung initiiert, die einmal jährlich im Alten Gefängnis stattfindet.

Gemeinsame Leidenschaft

Joachim Hackel, Johann Kirmair, Martin Kellerhals und Bernhard Lange haben Arbeiten aus ihren Werkstätten mitgebracht. Ein Mini-Weinfass für den Tisch aus Eiche, eine Schale aus Kirsche, eine Pfeffermühle aus Ahorn, eine in sich gemusterte Dose aus drei verschiedenen Hölzern und eine Dose aus Eiche, gekalkt. „Jeder Drechsler macht erst einmal das übliche Programm durch“, erklärt Manfred Kellerhals. „Teelichter, Kugeln, Kerzenständer und einfache Schalen. Mit der Zeit bleibt man irgendwo hängen und spezialisiert sich.“ So unterschiedlich wie ihre Objekte, sind auch die Wege der Männer zu ihrem Hobby, aber alle sind sie gleichermaßen fasziniert vom Holz und seinen Eigenschaften. „Manchmal hast du ein Stück Holz und weißt nicht, was du damit machen sollst, du kannst ja nicht reinschauen. Du nimmst einen Span weg und noch einen, und plötzlich ist die Maserung weg oder das Holz bricht. Ein anderes Mal läuft es, und wenn das Holz geschliffen und geölt ist und es strahlt, das ist ein großartiges Gefühl.“

Einig ist man sich auch darüber: Wer mit dem Drechseln anfängt, muss Geld in die Hand nehmen. Billiges Werkzeug kauft man immer zweimal. „Vor 50 Jahren habe ich ein halbes Jahr lang mit schlechtem Werkzeug geschabt und frustriert wieder aufgehört“, erinnert sich Manfred Kellerhals. 30 Jahre später nahm er einen zweiten Anlauf, erst mit einer einfachen Drehbank, aber dann hat er sich „seine Zweitmaschine“ gebaut. „Massives Gusseisengestell“, betont er. Manfred Kellerhals ist Werkzeugmacher. „Er ist zuständig, wenn wir Sonderwerkzeuge brauchen“, sagen die anderen. „In der Drechsler-Szene hat er als Metaller einen exzellenten Ruf.“

Auch Johann Kirmair hatte sich als erstes eine „Blechmaschine“ ins Haus geholt und ist damit nicht froh geworden. Nach mehrmaligem Wechsel ist er beim Profi Gerät aus dem Erzgebirge angelangt. „High end“, betont er, und das taugt ihm. „Ich bin kein Künstler“, erklärt Kirmair, im Berufsleben Inhaber einer Autowerkstatt. „Ich drechsle Gebrauchsgegenstände: Schalen, Flaschenöffner, Pfeffermühlen …“ Eine der Pfeffermühlen aus Ahorn, die er mitgebracht hat, fällt durch eine Maserung auf, die für das Holz ungewöhnlich ist. „Hier war der Pilz am Werk“, verrät Kirmair.

Wenn das Holz selbst keine markante Maserung aufweist, etwa bei Ahorn, Birke und Buche, wenden Kirmair und seine Kollegen einen Trick an. Man stellt ein Stück im Garten auf die blanke Erde und wartet, bis sich Holzpilze ansiedeln. Nur wenn das Holz feucht ist, kann der Pilz wachsen, und es bilden sich ungewöhnliche Strukturen. Es gilt jedoch den richtigen Zeitpunkt abzupassen, den Stamm ins Trockene zu holen und damit die Arbeit der Pilze zu stoppen, ehe das Holz zerbröselt.

Heimische Obstgehölze wie Apfel, Kirsche und Zwetschge haben derartige Trickbetrügereien nicht nötig, denn sie verfügen von Haus aus über schöne Zeichnungen. „Auch die Walnuss enttäuscht einen selten“, befindet Kirmair. Die meisten Laubbäume sind einen Versuch wert, ebenso wie Eibe und Wacholder unter den Nadelgehölzen. Und mit der Zirbelkiefer (Zirbe) arbeitet jeder gerne. Das Holz enthält zudem intensiv duftende ätherische Öle, deren Aroma die Hochgefühle eines jeden Drechslers zusätzlich befeuert.

Woher das Holz stammt

Und woher kommt all das Holz? Nicht selten aus privaten Quellen. „Wenn einer von uns eine Motorsäge hört, dann wird er nervös“, sagt Martin Bauer. „Dann will man wissen, ob da einer ein Holz schneidet, das wir brauchen könnten.“ Inzwischen sind die fünf Männer bekannt, und sie müssen nicht mehr jeder Motorsäge hinterherlaufen. Es kommen auch Anrufe mit Holzangeboten, und untereinander trägt man sich zu, wo es demnächst etwas Besonderes zu holen gibt. Martin Bauer: „Raritäten wie Zirbelkiefer oder Schwarznuss müssen wir natürlich kaufen.“ „Mein Holzlager kann ich in vier Drechsler-Leben nicht aufbrauchen“, wirft Hans Kirmair ein. „Deine Kinder werden es schon verheizen“, witzelt einer aus der Runde.

Joachim Hackel hatte schon während seiner Schulzeit im Hobelwerk gearbeitet, um etwas Geld zu verdienen. Diese Erfahrung führte ihn später zu seinem Hobby, das er zudem mit der Tochter teilt. Er nennt zwei Drechselbänke sein Eigen, erledigt Auftragsarbeiten für Schreiner, die selbst nicht mehr drechseln und arbeitet zusätzlich zum Holz auch mit Corian, einem Verbundmaterial, das äußerlich dem Marmor ähnelt, sich jedoch fräsen und drechseln lässt. Daraus stellt er Dosen und andere schöne Objekte her. „Wir haben alle in der Nähe gewohnt, aber keiner hatte eine Ahnung, was der andere in seinem Keller macht. Erst das Internet hat uns zusammengeführt und viele andere Hobbydrechsler auf den Plan gebracht.“

Das Handwerk boomt

Das Internet hat in den vergangenen 10 Jahren einen Boom in der Drechslerszene ausgelöst. Beim Deutschen Drechslerforum sind inzwischen 6500 Hobbydrechsler organisiert, und allein dem Münchner Drechsler-Stammtisch gehören 150 an. Warum ist das Interesse so groß? „Weil man beim Drechseln schnell den Erfolg sieht und etwas Vorzeigbares zustande bekommt“, befinden die fünf Männer. Frauen sind noch in der Minderzahl, aber ihr Anteil wächst und mit ihm die guten Werkstücke aus ihren Reihen. Das weltweite Netz hat in kürzester Zeit viel Wissen transparent gemacht, das zuvor nur den Drechsel-Profis vorbehalten war. Dazu kommt noch, dass seit 2004 keine Meisterpflicht mehr besteht, will man das Drechslerhandwerk ausüben.

Für die Gewerbebetriebe ist das ein Problem. Manche Profis haben von dem Interesse der Hobbyszene aber sogar profitiert: Durch das Unterrichten einerseits, aber auch durch die Möglichkeit, das Drechseln zu perfektionieren und zur Kunstform weiterzuentwickeln. Die Mehrzahl der Koryphäen auf diesem Gebiet stammt aus England, aber auch in Deutschland gibt es einige große Talente. Sie heißen Hans und Jakob Weißflog und Ernst Gamperl. „Von dem, was die draufhaben sind wir meilenweit entfernt“, geben die Freisinger Amateure neidlos zu.

Eine Idee wird geboren

Ein paar Jahre kannte man sich in Freising schon, als die Idee aufkam, im Alten Gefängnis auszustellen. Bernhard Lange: „Meine Frau hatte das Gefängnis bei einem Seminar als schönen Ausstellungsort kennengelernt und uns den Vorschlag gemacht. Der ersten Ausstellung 2010 folgte eine zweite und vom 7.–9. Dezember 2018 geht die 9. Ausstellung der Freisinger Hobby-Drechsler über die Bühne. „Manche Besucher kommen immer wieder, andere reisen von weither an.“, erzählt Bernhard Lange, im Hauptberuf Elektroingenieur. „Viele Menschen haben keine Ahnung, was man mit Holz alles machen kann, und sind begeistert, von dem, was sie sehen. Andere haben mit dem Drechseln angefangen und holen sich bei uns Tipps.“ „Aber das ist in Ordnung“, fügt Martin Bauer hinzu. „Das entspricht dem Prinzip beim Drechsler-Stammtisch, es wird immer geholfen. Schließlich muss nicht jeder die gleichen Fehler machen.“ Futterneid gibt es nicht, und bei den Ausstellungen im Gefängnis kommt man sich ohnehin nicht ins Gehege. „Der Hans macht seine Pfeffermühlen“, frotzelt Manfred Kellerhals, „der Bernhard seine Kugelschreiber, und der Martin hat seine Würmer, die für ihn arbeiten …“ „Und er wird nie einen Kugelschreiber machen“, ergänzt Martin Bauer belustigt. Als Einziger aus der Gruppe arbeitet er mit einer Technik, bei der das Holz durchbrochen wird und filigrane Löcher die besondere Ausstrahlung des Objektes ausmachen. Wird er von Laien gefragt, wie dies möglich sei, tischt er ihnen schon mal die Geschichte von seinen dressierten Würmern auf.

Zurück an die Drechselbank: Mehrmals hat Martin Bauer die Drechselmesser gewechselt, um die Form eines Kreisels herauszuarbeiten. Wichtig ist der Winkel, mit dem er das Werkzeug ansetzt. Je nach Holzart und Verlauf der Maserung (Lang oder Querholz), braucht es einen speziellen Winkel, eine veränderte Führung, ein neues Dreheisen oder eine andere Technik. „Ahorn nehme ich für Kreisel am liebsten, weil das Holz feine Poren hat“, erklärt Martin Bauer, während er den Stil ausdünnt und dem kleinen Werkstück einen letzten Schliff verpasst. Einmal rutscht ihm die Röhre kurz weg. Das Holz stottert auf der Drehbank, und unter den witzelnden Kommentaren der Drechslerkollegen fällt auch der Begriff ‚Nürnberger‘. Bernhard Lange erklärt: „Ein Nürnberger ist ein Ausrutscher, der zu Kerben und unschönen Stellen im Holz führt. Jeder Drechsler kennt den Begriff, aber warum es so heißt, weiß keiner.“ Martin Bauer befreit den Kreisel aus seiner Zwangslage. „Ein bisschen krumm“, befindet er, „kein Meisterstück. Das ist der Vorführeffekt!“ Morgen hat er wieder alle Ruhe der Welt. „Andere sitzen stundenlang vor dem Fernseher, wir gehen in den Keller.“ (Foto: Maria Martin)

Ausstellung: Drechsler im Gefängnis drehen das nächste krumme Ding 7. bis 9. Dezember 2018. Freitag: 16 bis 20 Uhr, Samstag: 10 bis 19 Uhr, Sonntag: 11 bis 18 Uhr.