Der Netzwerker

Andreas Krickel nutzt seine Friseursalons als Bühnen für Kulturveranstaltungen

10. März 2019

Wenn einer anno ´68 im Wonnemonat Mai im umtriebigen München geboren ist, dann muss das den neuen Weltenbürger prägen. Andreas Krickel jedenfalls scheint die damals vorherrschende Stimmung von Aufbruch und Freiheit förmlich in sich hineingesogen zu haben, obwohl er dazu nur ein halbes Jahr Zeit hatte. Dann nämlich zogen seine Eltern mit ihm nach Freising, wo er heute noch lebt. Trotz eines vierjährigen Internat-Besuches in Regensburg entschloss er sich, entgegen der Vorstellungen seines Vaters das Gymnasium zu verlassen, um hinauszugehen ins Leben und nach einer Möglichkeit zu suchen, seine Interessen in einem adäquaten Beruf bündeln zu können. Es sollte etwas sein, das mit Mode und Kunst zu tun hat, aber nicht, um die vorgegebenen Trends weiter zu verbreiten, sondern vielmehr, um selbst eigene Trends zu setzen. Er interessierte sich vor allem dafür, wie Mode entsteht und wollte eine Tätigkeit ausüben, in der er unabhängig kreativ sein kann. Aus dieser Überlegung heraus entschloss er sich für eine Friseur-Lehre in Wolfersdorf, die er als Innungsbester abschloss, was dann prompt noch mit einem Staatspreis honoriert wurde und ihm natürlich ordentlich Auftrieb verlieh.

Dermaßen gestärkt bewarb er sich nach dem Zivildienst, den er bei der Lebenshilfe in Freising absolvierte, bei keinem geringeren als im Promi-Salon „Figaro“ in München. Quasi als Feuerprobe durfte er am ersten Arbeitstag anlässlich der Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft in der Olympiahalle antreten, um dem Moderator namens Udo Jürgens die Haare zu schneiden, was rundherum so gut funktionierte, dass er mit dem Star von Wien locker zu scherzen beliebte. Seinen Chef, einen italienischen Starfriseur, beeindruckte dies so sehr, dass Krickel, der eben wegen dieses Maestros in genau diesen Salon wollte, mit der Zeit zur festen Größe in dessen Team avancierte und gar zu dessen Meisterschüler wurde. Später durfte er sogar seinen Meister erfolgreich vertreten.

Dass er sich mit dieser profunden Basis eines Tages selbstständig machen wollte, ist naheliegend. So eröffnete er 1993 gemeinsam mit einem Freund seinen ersten eigenen Salon namens „Versus Barbershop“ am Haidenauplatz in München. Und es sollte ein ganz besonderer Laden werden, für dessen Einrichtung er sich die Unterstützung von Marc Grimm holte, der seine Sache so gut machte, dass der Salon als einer von dreien in der Stadt im DuMont-Reiseführer von München erwähnt wurde. Ein glücklicher Zufall war auch die Nachbarschaft zum Jazzclub „Unterfahrt“, die den jungen Figaro dazu anregte, ganz in alter Barbershop-Manier Jazzer im Salon auftreten zu lassen. Die Affinität zur Musik hatte er bereits seit seiner Kindheit, in der er Klavierunterricht erhielt, auch wollte er gerne mal selbst auf der Bühne stehen, doch die Dinge entwickelten sich anders und so betrachtet er nun seine Salons als seine Bühne. Kurz nach den ersten Konzerten war in der Zeitschrift „in München“ schon zu lesen, dass Versus der einzige Friseur sei, bei dem man sich seinen Haarschnitt erspielen kann. Bald darauf richtete er mit verschiedensten Bildenden Künstlern die ersten Ausstellungen ein, umso mehr und mehr einen kulturellen Schmelztiegel mit einem regelmäßigen, facettenreichen Programm zu etablieren.

Bei ihm spielen neben internationalen Musikern lokal bekannte Größen wie „Apollon’s Smile“ oder „Belezea“ auf, aber auch immer wieder Newcomer, denen er gerne eine Plattform für erste Bühnenerfahrungen bietet, wie etwa die jüngste Jazzband Bayerns namens „Latcho Due“, ein Quartett aus Regensburg, das sich keinen geringeren als die Gipsy-Legende Django Reinhardt zum Vorbild erkor. Allein aus diesen wenigen Beispielen wird deutlich, dass Krickel in weiten Räumen denkt. Das Repertoire seiner Gäste reicht von Jazz, Folk und Blues über Bluegrass Bossa Nova, Latin, Boogie Woogie, Rock und Rock’n’Roll bis zu Klezmer, Weltmusik, Funk, Fusion und Pop. Ähnlich breit gefächert sind die Positionen der Bildenden Künstler, die die Atmosphäre seiner Räumlichkeiten bereichern. Im Lauf der Jahre waren bei ihm Maler, Bildhauer, Fotografen und Objektkünstler aus nah und fern zu Gast. Zuletzt zeigte in Freising Marian Kretschmer seine pointiert übermalten Fotografien aus Tansania, um mit dem Erlös die Finanzierung eines Internats für Waisenmädchen zu unterstützen. An gleicher Stelle wird demnächst eine Ausstellung mit gegenstandslosen Gemälden des in Eching lebenden Paul Raphael Reindl eröffnet. Darüber hinaus lädt er immer wieder Kabarettisten und Autoren zu Lesungen ein.

Eben diese Dualität zwischen Handwerkskunst und Kulturprogramm kennzeichnet sämtliche Läden von Andreas Krickel, der im Jahr 2000 seinen ersten Salon in Freising im Werk 45 an der Erdinger Straße eröffnete, von wo er 2014 an die Fischergasse umgezogen ist, um dort eine heimelige Wohlfühlatmosphäre zu kreieren. Bereits 2011 verlegte er seine Münchner Wirkungsstätte nur wenige Meter weiter in die Kirchenstraße, wo er wieder etwas Neues wagte. Gemeinsam mit einer Kollegin richtete er dort das „Herzwerk Café & Friseur“ ein und damit eine ideale Kombination für all die übergreifenden Ambitionen.

Trotz der Freude am Programmgestalten hat der Kunde natürlich Priorität, und zwar samt seiner ganz persönlichen Individualität, die Krickel und sein Team entgegen, daher der Name „Versus“, jedes Mainstreams unterstreichen wollen. Und dies auf möglichst behutsame Art. Als einer der ersten Friseure verwendet er bevorzugt Pflanzenfarben zum Färben, die das Haar obendrein pflegen, statt es wie chemische Farbe zu schädigen. Mittlerweile hat er damit so viel Erfahrung, dass er zu den versiertesten Pflanzenfärbern Deutschlands zählt. Zugleich setzt er mit dieser Verwendung von nachwachsenden Rohstoffen ein Zeichen hinsichtlich Ökologie und Nachhaltigkeit, was gerade ihm als leidenschaftlichem Querdenker sehr wichtig ist.

Als solcher ist er gleichfalls ein agiler Netzwerker, der voller Elan an seiner Omnipräsenz arbeitet. Mit seinem komplett eingerichteten mobilen Friseurladen tourt er jahrein jahraus für gute Zwecke durch die Lande. So ist er regelmäßig in der Traumfabrik-Akademie in Regensburg zu Gast, um dort die Dozenten wie die Kursteilnehmer zu „bearbeiten“. Noch einen ganzen Schritt weiter reichen seine caritativen Benefizveranstaltungen wie etwa das „Open(H)air“, das er seit 2011 alljährlich zur Sommersonnenwende im Naturgarten Schönegge in Meilendorf bei Nandlstadt inszeniert. Dort treten nicht nur die Bands kostenlos auf, sondern auch der Erlös der Haareschneider fließt  in die „Sri Lanka Hilfe“, die vor 30 Jahren von Ursula Beier gegründet wurde, um sich um Schulen und Patenkinder zu kümmern, von denen eines Andreas Krickel seinen Patenonkel nennen darf. Auch beim „Uferlos-Festival“ ist der rührige Freigeist von Anfang an jedes Jahr mit von der Partie, um den Erlös an Bedürftige zu spenden, heuer für den Hausbau einer Familie auf Sri Lanka. Nicht nur damit zählt er zu den Konstanten des Festivals, er war es auch, der im zweiten Jahr des Festivals in der Luitpoldanlage jenseits von Plastikbechern und Einweggeschirr die Einrichtung eines Nachhaltigkeitsprogrammes anregte. Ebenso innovativ war sein Einsatz für die Regionalwährung „Bärling“, die er mit Erhard Schönegge, Sabine Schweighöfer und einigen anderen vor fünf Jahren ins Leben rief. Und seit einem Jahr fungiert er auch noch als Mitherausgeber einen kleinen aber feinen „Kultur“-Zeitschrift, die wie all seine Publikationen von der stilvollen Handschrift seiner Lebenspartnerin Inga Krämer getragen wird.

Dass sich bei all dem vielseitigen Engagement das Berufs- und Privatleben zu einer Einheit vermengen, lässt sich kaum vermeiden, falls sich aber doch mal eine Auszeit auftut, springt das ausgeglichene Gemüt geschwind ins Kajak oder in den Motoradsattel, wo es genauso flott zur Sache geht wie in seinem rasanten Alltag. Zeit, um zu sich selbst zu finden, bleibt da kaum, deshalb nimmt er sich die, einmal im Jahr, wenn er wieder den Jakobsweg ein Stück weitergeht und an verschiedenen Kraftorten neue Energie tankt. In diesem Jahr steht die letzte und zehnte Etappe an, dann wird er von Freising bis nach La Compostella gewandert sein.

Vorher aber gilt es noch so manche Veranstaltung zu managen. Weitere Infos unter www.versus-barbershop.de