Das musikalische Chamäleon

Ein Interview mit Martin Keeser

von Elisabeth Hoffmann, 01. September 2012

Als Martin Keeser 1955 in München geboren wurde, wurde ihm die Musik gleich mit in die Wiege gelegt. Seine Eltern machten beide selbst Musik. Bereits als Kind erhielt er zunächst Klavierunterricht, später kam die Posaune dazu. Seine wahre Liebe zur Musik entdeckte er aber erst mit 13. Von da an ging sein Weg geradewegs zum universellen Musiker. Am Camerloher-Gymnasium belegte er selbstverständlich den Leistungskurs Musik. Schon während der Schulzeit trat er öffentlich auf. Sein Studium am Richard-Strauss-Konservatorium schloss er mit Auszeichnung ab. Obendrauf machte er noch seinen Magister der Musikwissenschaft. Als Nebenfächer belegte er Geschichte und Theaterwissenschaft. Mit dieser umfangreichen Ausbildung war er wie geschaffen als hauptamtliche Lehr- kraft für die Sing- und Musikschule der Stadt Freising, wo er seit 1986 Klavier, Harmonielehre, Ensemble, Musical und Musik und Computer unterrichtet. Parallel dazu machte er sich als Musiker, Komponist, Texter und Autor einen Namen. Sein großes Vorbild als Musiker heißt Bob Dylan. Nicht nur in seinen Musicals legt er besonderen Wert darauf, sinnvolle Inhalte zu transportieren. Und in seiner Freizeit gibt er sich als wagemutiger Extrembergsteiger zu erkennen. Unsere Mitarbeiterin Elisabeth Hoffmann unterhielt sich mit der vitalen Mischung aus Kultur- und Naturmensch, die leidenschaftlich von einem Extrem zum nächsten jagt.

Seit Sie vor vier Jahren die Leitung der Sing- und Musikschule der Stadt Freising übernommen haben, dringt von dort ein neuer Sound nach außen. Neben der traditionellen Ausbildung scheint der Stil moderner, rockiger geworden zu sein. Hat sich in Ihrer Ära der Unterricht vom klassischen Erbe hin in die Jetztzeit entwickelt?
Natürlich pflegen wir die klassische, traditionelle Instrumental-Musik im gleichen Maße weiter, da sie nach wie vor die beste Voraussetzung für die moderne Rock- und Jazz-Musik ist. Zugleich ist freilich die Musik unserer Zeit ein großer Lebensinhalt, gerade der Jugend – schließlich wächst kein Jugendlicher ohne Musik auf. Deshalb gehört es selbstverständlich zu unseren Pflichten, die zeitgenössische Musik zu unterrichten und zu lehren – auch weil es so einen ungeheuren Spaß macht, sie selbst zu machen. Zum anderen war es in den letzten Jahren eine meiner größten Aufgaben, das große „Freisinger Symphonie-Orchester“ mit über 70 Mitwirkenden auf die Füße zu stellen.

Zudem wollen Sie das Haus für weitere Sparten der Kunst öffnen. Worauf darf sich das Publikum in Zukunft freuen?
Wir haben bereits jetzt verschiedene Sparten im Haus. Traditionell sind hier das Musiktheater und das Ballett zu Hause. Bis jetzt haben wir zwei Kunstausstellungen gezeigt; dies soll nun regelmäßig fortgesetzt werden. Auch Lesungen sind anvisiert. Als Institution der Stadt Freising fühlen wir uns verpflichtet, eine möglichst große kulturelle Vielfalt anzubieten. Dabei wünschen wir uns, dass diese Veranstaltungen einen thematischen Bezug zur Musikschule haben.

Das Vermitteln liegt Ihnen wohl im Blut. Sie haben bereits drei Lehrbücher herausgebracht, die allesamt hoch gelobt wurden. Am Anfang steht „Klavier in concert“, dem folgte „Boogie – Blues – Swing“ und dann die „Klavierschule – klassisch modern“. Am Markt gibt es allerhand an musikalischen Lehrbüchern. Was ist das Besondere an Ihren Veröffentlichungen?
Ich konzentriere mich darin gezielt auf die Kopplung von klassischer und moderner Musik; zudem liegt je eine CD bei, die das Üben erleichtert. Besonders wichtig er- scheint mir eine universelle Ausbildung. Immerhin ist meine „Klavierschule“ derzeit das meistverkaufte Lehrbuch.

Neben der Tätigkeit als Pädagoge sind Sie selbst als vielseitiger Musiker aktiv. Sie schreiben Musicals ebenso wie Theater- Kompositionen und Sonaten und arrangieren opulente Shows, wie im vorigen Jahr die Beatles-Show. Dabei wechseln Sie im Flug die Rollen zwischen Arrangeur und Musiker. Welchem Bereich gehört Ihre größte Leidenschaft?
Jedem. Mir ist die Abwechslung wichtig. Schließlich ist die Musik ein sehr reichhaltiges Gebiet und kann auf äußerst vielfältige Weise Freude bringen.

Als Musiker wandeln Sie gleich einem Chamäleon zwischen klargegliederter Klassik, rhythmusbestimmtem Boogie und Blues und fetzigem Rock und Pop. Weshalb machen sie solch einen großen Spagat und in welchem Bereich fühlen Sie sich am mei- sten zu Hause?
Wenn ich mich für einen entscheiden müsste, dann für die Musik unserer Zeit – Gott sei Dank aber muss ich mich nicht entscheiden.

Als nächstes großes Projekt steht die „Rock- show“ im Oktober in der Luitpoldhalle auf dem Programm. Dort werden anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Freisinger Musikschule Songs aus 40 Jahren Rockgeschichte zu hören sein. Als Leiter der Show mit 70 Mitwirkenden sind Sie mittlerweile in der heißen Phase. Wie laufen die Proben und anderweitigen Vorbereitungen und was dürfen die Besucher erwarten?
Ich schreibe bereits seit einem Jahr an den Arrangements. Momentan sind wir mitten in den Vorbereitungen. Die Proben laufen supergut. Es wird eine fette Bläsersektion, ein großes Streichorchester und ein umfangreicher Chor zu hören sein. Mit dieser Besetzung können wir die Stücke von Frank Zappa, Toto oder Queen, um nur einige zu nennen, quasi originalgetreu interpretieren. Zudem wird die Show von eine aufwändigen Licht- und Multimediashow begleitet. Gleichzeitig bin ich mit der Neuinszenierung des Musicals „Zeitkind“ in Garching beschäftigt. Darin geht es um die apokalyptische Vision eines Zeitsprunges von der Zukunft zurück in die Jetztzeit, in der das Leben noch möglich ist. Zurück aus der Ferne trifft ein junges Paar auf die Verantwortlichen der Katastrophe und stellen diese zur Rede. Dieses rockige Umweltdrama wird zwischen dem 11. und 25. September im Garchinger Bürgerhaus aufgeführt.

Darüber hinaus sind Sie ein passionierter Bergsteiger und Kletterer. Vor Ihrer Zeit als Musikschulleiter engagierten Sie sich fast zehn Jahre als Jugendreferent und Jungmannschaftsleiter im Deutschen Alpenverein, Sektion Freising. Was finden Sie in der luftigen Höhe, was Sie in der Musik nicht finden?
Ich finde dort meine Erdung. Die Musik ist eine geistige Arbeit, in den Bergen habe ich Kontakt zur Mutter Erde. Da geht es nur noch um das Sein an sich, um ganz atavistische Dinge. Erst vor kurzem kletterte ich die 600 Meter hohe Nordwand der „Drei Zinnen“ hinauf – das ist das Höchste, was ich jemals geklettert bin.