Bühne frei für den Hanf

Wo Cannabis legal ist

von Elisabeth Melzer, 26. Oktober 2018

Der Hanf ist ebenso anspruchslos wie nützlich. Michael Kutzob und Christian Schmid wollen die alte Kulturpflanze von ihrem zwielichtigen Image befreien und durch gesunde Produkte wieder ins richtige Licht rücken.

Nach dem heißen Sommer ist das vier Hektar große Cannabis- Feld nördlich von Zolling nicht mehr grün, sondern gelblich-braun. Die teils mehr als zwei Meter hohen Pflanzen mit den fünffingrigen Blättern und den scharf gezackten Blatträndern sind extrem trocken und warten darauf, geerntet zu werden. In diesem Jahr ist das fast drei Wochen früher als sonst der Fall. Michael Kutzob greift nach den Samen im oberen Teil der Hanfpflanze. Er reibt die Körner aus den welken Blütenständen und schwärmt: „Aus den Hanfsamen lässt sich ein besonders gesundes Öl pressen. Es enthält lebenswichtige Fettsäuren in einem idealen Verhältnis für die menschliche Ernährung. Stolz fügt der Agraringenieur noch hinzu: „Nach drei Jahren Ökolandbau dürfen unsere Produkte aus der Ernte 2018 das EU-Bio-Siegel tragen.“ Das eröffnet den Geschäftspartnern Michael Kutzob und Christian Schmid neue Verkaufskanäle.

Vielseitige Nutzpflanze

Nicht als Droge, sondern als verblüffend vielseitige Nutzpflanze hat Michael Kutzob den Hanf (botanisch: Cannabis sativa) auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Südafrika kennengelernt. Der junge Agraringenieur war fasziniert: „Die Pflanze wurzelt tief, sie lockert und verbessert auf diese Weise den Boden und unterdrückt das Unkraut. Ihre Stengel enthalten eine Faser, aus der man Seile und Textilien herstellen kann, das Stroh dient als Einstreu und Baustoff, die Samen liefern hochwertiges Speiseöl, die Inhaltsstoffe der Blüten sind medizinisch wirksam.“ In Südafrika gibt es viele landwirtschaftliche und medizinische Projekte, die sich um den Hanf drehen, hat Michael Kutzob erfahren. „Da habe ich mich gefragt, ob das bei uns in Deutschland nicht auch funktionieren kann.“ Studienkollege Christian Schmid hatte das Studium der Umweltsicherung abgeschlossen und war auf Jobsuche, als Michael Kutzob ihn anwarb. „Er musste mich nicht lange überreden“, erinnert sich Schmid und grinst. „Eine Pflanze, die sich leicht anbauen lässt, weder mineralischen Dünger noch Pestizide braucht, das ist für mich angewandter Umweltschutz. Und ich war begeistert, was man damit alles anstellen kann.“

Der Hanf ist seit jeher ein Tausendsassa. Schon im Mittelalter verwendete man die ebenso robusten wie elastischen Fasern als Sehnen für Bögen. Guttenberg druckte im 15 Jahrhundert seine erste Bibel auf Hanfpapier und Leinwände aus Hanf waren jenen aus Flachs weit überlegen. Der erste Ford fuhr mit Hanföl, und noch vor dem Krieg galt der Hanf in Deutschland als unentbehrlich; man brauchte ihn für Dichtungen, Säcke, Schiffstaue und Segel. Danach wurde sein Anbau verboten und erst seit 1996 ist er wieder erlaubt. „Eine der ältesten und vielfältigsten Kulturpflanzen der Welt ist binnen weniger Jahre völlig von der Bildfläche verschwunden“, sagt Christian Schmid kopfschüttelnd. Den Niedergang des Hanfs sehen Kutzob und Schmid als Spätfolge der Prohibition, dem anfänglichen Alkohol- und späteren Drogenverbot Amerikas. „Man hat den Hanf nur noch über dessen Inhaltsstoff Tetrahydrocannabinol (THC) definiert und unter dem neuen Namen Marihuana als Droge verdammt. Hanfsorten mit geringem THC-Gehalt ohne berauschende Wirkung wurden nicht mehr unterschieden, und der Nutzen der Pflanze nicht mehr beachtet.“ Stattdessen eroberten Baumwolle und Kunstfasern den europäischen Markt, und Kunstfarben ersetzten die ehemaligen Farben mit Hanf- oder Leinöl. Als 1996 der Anbau von Cannabis sativa wieder erlaubt wurde, war dieser nur noch von geringem wirtschaftlichen Interesse. „Die Ernte- und Verarbeitungstechnologie hatte sich jahrzehntelang nicht mehr weiterentwickelt“, erklärt Christian Schmid. „Das macht es heute schwierig, in den Hanfanbau zu investieren.

30 genehmigte Sorten

Michael Kutzob und Christian Schmid haben es dennoch gewagt. 2015 begannen die beiden jungen Männer auf vier Hektar mit dem Anbau von THC-armen Hanfsorten. Rund 30 Nutz- bzw. Industrie- Hanfsorten mit einem THC-Anteil von unter 0,2 % sind von der Europäischen Union zugelassen. Nur landwirtschaftliche Betriebe dürfen den Hanf anbauen, müssen aber jedes Jahr erneut zertifiziertes Saatgut kaufen. Wenn die Hanfpflanze im Juni, Juli blüht, sind Michael Kutzob und Christian Schmid verpflichtet, dies bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung zu melden, und von dort kommt die Ernteerlaubnis. Per Stichproben wird sichergestellt, dass der erlaubte Gehalt am Wirkstoff THC in der Blüte nicht über schritten ist. Theoretisch könnten sich die Gehalte während des Wachstums verändern, weshalb schon Sorten aus der Saatgutliste gestrichen wurden.

Alle Sorten, die mehr als 0,2 % THC enthalten, fallen unter das Betäubungsmittelgesetz. Die Kontrolle unterliegt der Bundesopiumstelle. Die wissenschaftliche Forschung zum Hanf hat im medizinischen Sektor aktuell Hochkonjunktur. Von rund 140 Substanzen (Cannabinoiden) in den Blüten, Blättern und den harzhaltigen Häarchen der Blätter sind im Wesentlichen zwei erforscht. THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol). Beide werden sie unter anderem schon in der Schmerzmedizin eingesetzt, als Ersatz für die problematischen Opiate.

Zurück aufs Feld

Einen kleinen Anteil der Hanfblätter ernten Kutzob und Schmid im Juli. Sie trocknen diese und stellen daraus einen entschlackenden und beruhigenden Tee sowie Blattpulver her. Es gilt als mineralstoffreiches, natürliches Nahrungs- Ergänzungsmittel. Mitte September sind die ölhaltigen Samen erntereif. Reinhard Högl ist mit seinem Mähdrescher zum Dreschen von Gammelsdorf nach Zolling gekommen. Extra für die Ernte des Hanfs hat er sein Fahrzeug umgerüstet und alle beweglichen Maschinenteile abgedeckt. Die Hanffasern sind so stabil, dass sie diese umwickeln und die Maschine zum Stillstand bringen würden“, sagt Kutzob. In den Niederlanden, wo der Hanfanbau eine größere Rolle spielt als in Deutschland, gibt es Spezialmaschinen für die Ernte, weiß Schmid. Hierzulande sei es schon schwierig, einen Lohnunternehmer zum Dreschen ausfindig zu machen. Reinhard Högl interessiert das Hanf-Projekt als solches, er hat sich darauf eingestellt. „Das sind ganz andere Anforderungen als beim Weizendrusch“, resümiert er.

Nach dem Dreschen werden die Körner wie beim Getreide gereinigt und getrocknet, später in einer Ölmühle bei Wasserburg am Inn kaltgepresst und in dunkle Flaschen gefüllt. Kaltgepresst bedeutet, dass keine Hitze zugeführt wird, um die Ausbeute an Öl zu erhöhen. Etwas Wärme entsteht durch die Maschinen jedoch immer. „Mit der Prozesswärme bleiben wir unter 40 °C, was den Anforderungen für Rohkost entspricht“, erklärt Michael Kutzob. „Wir garantieren neun Monate Haltbarkeit; wenn aber eine Flasche geöffnet ist, muss man den Inhalt bald aufbrauchen.“ Kutzob und Schmid lassen immer wieder kleine Chargen zu Öl pressen. Ein Teil der Samen kann ohne Qualitätsverlust in der Mühle gelagert werden. Der Ölkuchen wird fein vermahlen und ist eine eiweißreiche Nahrungsergänzung für Sportler, bei Diäten oder in der Tierernährung. „Alle acht essentiellen Aminosäuren sind darin enthalten“, begeistert sich Michael Kutzob.

Die beiden Jungunternehmer vermarkten ihre Produkte unter dem Namen mondhanf, denn auch der Mond spielt beim Aussaattermin eine Rolle. Speiseöl, Tee, Proteinmix und mineralische Nahrungsergänzung können Interessenten im Internet bestellen oder in Freising bei Fashion&more kaufen. An weiteren Produktideen mangelt es den beiden nicht. „Wir haben viele im Kopf“, sagt Schmid und lacht, „aber wir müssen achtgeben, dass wir uns nicht verzetteln.“ Gedient wäre den beiden schon, wenn sie die Stengel nicht auf dem Feld lassen müssten, sondern für die Produktion von Fasern nutzen könnten. „Das würde unseren Deckungsbeitrag erheblich verbessern.“ Existieren können Michael Kutzob und Christian Schmid von ihrem Hanfbusiness noch längst nicht. In 2019 geht es um die Entscheidung, das Hanffeld im Sinne eines Fruchtwechsels brach liegen zu lassen. Aber vielleicht findet sich ja ein Biobauer, der auf der gelockerten und mit Stickstoff versorgten Fläche anbauen und im Tausch ein anderes Feld für den Hanf zur Verfügung stellen möchte. (Fotos: Maria Martin)