Tante Emma voll im Trend!

von Carolin Fraunhofer , 22. Mai 2015

14.600 Kilometer. Ungefähr eine Strecke von Kiel nach Kap Horn. So viele Kilometer hat ein selbstgemachter Salat, bestehend aus einer Gurke (Deutschland), Tomaten (Senegal), Bohnen (Kenia), einem kleinen Eisbergsalat (Spanien), sowie Balsamico Essig (Italien) und Olivenöl (Griechenland) schon zurückgelegt, bevor er bei uns ankommt. Definitiv eine weite Strecke für einen Salat, der oft nur als Beilage gereicht wird und ohne exotische Früchte auskommt. Die Globalisierung verschaffte den Discountern und Billi-Anbietern ganz neue Möglichkeiten, doch vor allem die Gegenbewegung hin zur Regionalität kommt in letzter Zeit wieder in den Trend!
Dass das nicht nur im Großen funktioniert, sondern auch innerhalb einer Dorfgemeinde oder eines Landkreises, beweist der Haager Dorfladen. Seit gut einem Jahr ist der schmucke Laden nun unterhalb der Kinderkrippe zu finden. Oberirdisch zu sehen ist lediglich der modern gestaltete Eingangsbereich in Form eines Glaskubus, denn der Laden selbst liegt im Untergeschoss. Hier befand sich früher eine Kegelbahn. Zu erkennen ist das heute aber nur noch an der Form des langen und eher schmalen Geschäftes. Beim Umbau halfen die Haager alle zusammen. In mühevoller Arbeit fliesten die fleißigen Gemeindemitglieder den Boden, fertigten die schönen Holzregale an oder halfen beim Dekorieren der gemütlichen Kaffeeecke und des Eingangsbereiches. Wenn man die Treppe herunter gestiegen ist, oder sich mit dem neuen Aufzug hinab senken hat lassen, wird man zuerst von einem dunkelbraunen, schlichten, aber älteren Holzregal empfangen, dem eine Art Spitzdach aufgesetzt ist. Es scheint wie gemacht für das Vogelfutter, das es zum Verkauf anbietet. Die Dekoration in Form von den regalhohen, dünnen Ästen mit den weißen Holzsternen daran rundet das Bild vollkommen ab. Die Ware bezieht der Dorfladen von einer Tochter des Edeka Konzerns, aber ein besonderes Augenmerk wird hier auf regionale Produkte gelegt.
Im Landkreis Freising, zu dem auch Haag gehört, liegt dies voll im Trend. Seit dem 13.12.2014 gibt es die Regionalwährung den ‚Bärling‘. Er ist eine Nachahmung des ‚Chiemgauer‘, die erfolgreichste Regionalwährung Deutschlands, mit welchem im Landkreis Rosenheim und Traunstein gezahlt wird. Ziel einer Regionalwährung ist es, die Bürger anzuregen, bei lokalen Händlern einzukaufen, so die Wertschöpfung in der eigenen Region zu lassen und eine stärkere Vernetzung in dieser zu schaffen. An dem Projekt ‚Chiemgauer‘ beteiligen sich rund 600 Unternehmen. In Freising träumt man noch von derartigen Zahlen, aber nach einer Anlaufzeit von circa zwei Jahren soll auch der Bärling rollen und die kleineren Geschäfte, sowie Lebensmittel-Erzeuger des Landkreises stärken.
Die Geschäftsführer des Dorfladens Udo Marin und Michaela Dehner kennen die Lebensmittel Erzeuger der Umgebung. „Wir sind viel herumgefahren in der Gegend. Haben Betriebe und Produktionen besichtigt. Schließlich müssen wir auswählen, was zu uns passt!“, erzählen die Beiden. Wie selbstverständlich räumen hier die Geschäftsführer Regale ein und helfen, wo Hilfe benötigt ist. In Fleece- Pulli und Jeans werkelt Frau Dehner an dem Gemüseregal. Ein Anzug oder Kostüm würde sich mit der Idee des Dorfladens nicht vertragen. Es geht hier um das Miteinander in der Gemeinde. „Früher hatten die Bauern vielleicht einen kleinen Hofladen. Das nutzen meist nur ein paar Nachbarn. Jetzt aber gibt es die Erzeugnisse kompakt an einer Stelle; bei uns hier im Dorfladen.“ Für jeden leicht zugänglich und ein zusätzlicher Absatz für die Bauern, die hier auch wesentlich fairer bezahlt werden, als es bei Lebensmittelketten mit Billigpreisen möglich ist. „ Oftmals sind die regionalen Produkte hier aber überhaupt nicht teurer! Die Produkte werden von den Bauern direkt beim Dorfladen vorbei gebracht. Wir sparen uns enorme Fahrtkosten und optimalerweise stehen wir so in sehr regelmäßigem Kontakt mit unseren Produzenten. Ein weiterer Einsparungspunkt ist sowohl die Werbung als auch die Verpackung“, legt Herr Marin dar. „Sicher ein Anreiz für viele Käufer ist auch dieses Familiäre“, wirft Frau Dehner ein, „Es gefällt den Leuten, wenn sie den Betrieb oder Bauernhof besuchen können, vielleicht sogar auf dem Weg in die Stadt daran vorbei fahren. Die Kunden haben mehr Vertrauen in die Qualität der regionalen Produkte als in die Produkte der Discounter.“
Doch mit ihrem Bestreben sind die beiden Dorfladen-Leiter nicht allein. Die Organisation ‚Slow Food‘, die den Begriff auch prägte, steht für eine Gegenbewegung zum globalen ‚Fast Food‘. Für die „Erhaltung der regionalen Küche mit heimischen pflanzlichen und tierischen Produkten aus lokaler Produktion“ setzt sich die Organisation ein, wie sie auch auf der eigenen Webseite verkünden. Regional bedeute ein saisonales Angebot und steht damit für die Authentizität der Lebensmittel und Gerichte, so die Äußerung im Internet. Durch die Global Player besonders in der ‚Fast Food‘ Branche kann man in Hongkong das gleiche Essen kaufen wie in München oder Rio. Für die Bewahrung der regionalen kulinarischen Spezialitäten, die einen Teil der individuellen Kulturen darstellen, tritt die Organisation besonders ein. Regionales kaufen heißt also nicht nur Treibhausgase durch die langen Transportwege einzusparen, sondern auch die eigene Kultur zu leben.
Im Dorfladen gibt es ein eigens für die regionalen Produkte angefertigtes, großes Holzregal, informiert der grauhaarige Geschäftsführer und lugt durch seine Brillengläser zum hellbraunen Regal gegenüber der Kühltheke, wo es Wurst und Käse vom Dorfmetzger und einer Käserei aus dem Nachbardorf Zolling gibt. Bunt sieht das Regionalregal aus. Auf Augenhöhe tummeln sich ein paar Glasflaschen mit Likören und Destillaten neben den Teespezialitäten, angefertigt von Apotheker Hörwick, dessen Apotheke nur einen Katzensprung vom Dorfladen entfernt ist. Auf dem untersten Holzbrett sind, kaum zu übersehen, die grünen fünf-Liter-Pappkartons mit selbst gepressten Säften und die Honiggläser der Familie Stockmeier zu finden. Auch die Bio-Eier von den 400 freilaufenden Legehennen der Bio-Bäuerin Lydia Lochinger kauft man in Haag gerne. Das Yeti-Bier der ‚Brauwerkstatt‘, die nur circa 400 Meter entfernt von zwei Freunden in einem Reihenhaus gebraut wurde, ist der Renner, erzählen die herzlichen Geschäftsführer. Sehr oft seien die Bügelverschluss-Flaschen ausverkauft. Ganz oben lassen sich sogar verschiedene Kaffeesorten finden. Im Oberbayrischen Haag die südländische Bohne zu erblicken, scheint verwunderlich, aber erneut klärt Herr Marin auf, dass diese aus einer regional gelegenen Kaffeemühle stammt, die bereits mehrfach für ihre überdurchschnittliche Qualität in Deutschland ausgezeichnet wurde.
‚Lippequalität‘ ist ein Musterbeispiel für die „Entwicklung, Förderung und Unterstützung des Absatzes regionaler Erzeugnisse. Dazu verpflichtet sich der Verein auch selbst in seiner Satzung. Der Vorsitzende des Regionalvermarkters, mit Sitz im nordrhein-westfälischen Lippe, Günther Putzberg, berichtete gegenüber der dpa, dass die bisher rund 140 Mitgliedsbetriebe nicht mehr ausreichen würden. „Wir brauchen neue Betriebe. Da wächst ein neuer Zweig heran, der totgeglaubt war!“
Auch als ausgestorben geglaubt war Tante Emma, der kleine, schmucke Laden ums Eck, in dem man von allem ein bisschen etwas finden konnte. Doch er lebt! Lebendiger als je zuvor überrascht er mit neuem Charme, der oft, wie im Haager Dorfladen, in Zusammenarbeit der Dorfgemeinde entsteht. „Der Charme, den unser Dorfladen versprüht, lebt durch seine Kunden und die Dorfbewohner. Wir hatten keinen Innenarchitekten. Die Bürger haben sich hier selbst, unentgeltlich eingebracht“, verrät Frau Dehner stolz, während sie durch den langen, aber schmalen Laden zum neuen Gemüseregal geht, das erst vor kurzem in Eigenarbeit entstand. Hier steckt viel Herzblut der Haager drin und das spürt man auch beim Einkaufen.
Es kamen bereits schon andere Gemeinden, um sich über den Dorfladen zu erkundigen, da ein eigenes Tante Emma Projekt geplant ist.
Tante Emma und die Dorfläden sind voll im Trend! Auch Brigitte Hilscher vom Bundesverband für Regionalbewegung berichtet der deutschen Presseagentur: „Wir beobachten einen Trend zur Regionalität! Der Apfel von der Streuwiese ist eben frischer, als der aus Neuseeland, die Transportwege kürzer und das Geld bleibt in der Region.“ Die Region ist durch ihre Überschaubarkeit aber auch eine Art Gegenpol zur Globalisierung, wie auch die Organisation ‚Slow Food‘ erkannte. Regionale Vermarktung, kurze Wege für frische Produkte, Transparenz – das schaffe Vertrauen, so Hilscher.
Gute Aussichten also für den Dorfladen! Denn Qualität und Nähe der Produkte überzeugen die Kundschaft immer mehr.