Neue Wege aus der Verpackungsflut

Die fabelhafte Biowelt der Kathi Zanker

von Elisabeth Melzer, 01. Mai 2017

Die gepflasterte Fläche zwischen der Freisinger St. Georgskirche, dem Standesamt und dem Bioladen gegenüber wirkt an diesem Freitag Mittag wie aus der Zeit gefallen. Vögel zwitschern in den Bäumen und jede Viertel Stunde schlägt die Turmuhr, ansonsten herrscht Stille mitten in der Stadt. Am Eingang zum Naturkostladen Lebenskunst steht ein Holzgestell mit Obststeigen, das von einem knallroten Sonnenschirm beschattet wird. Auf der Bank daneben sitzen Ladeninhaberin Kathi Zanker und ihre Mitarbeiterin Astrid Bauer und besprechen die Ereignisse vom Vormittag und die Übergabe für die Nachmittagsschicht.

 

(Spender für) Verpackungsfreie Ware

Etliche Passanten laufen vorbei und grüßen die Frauen mit ihren Vornamen, alle scheinen sich hier zu kennen. Dann kommt Kundschaft und Kathi und Astrid gehen zurück ins Geschäft. In dem 100 qm großen, schlauchartig langen Ladengeschäft präsentiert Kathi Zanker stolz ihr System aus Spendern, mit dem sie 30 verschiedene Trockenprodukte unverpackt anbieten kann: Nudeln, Reis, Flocken, Getreide, Hirse, Bulgur, Hülsenfrüchte sowie verschiedene Saaten und Nüsse, um nur einige zu nennen. An der Wand hängen kleine Baumwollsäckchen in verschiedenen Größen, die die Kunden kaufen können, wenn sie die Gefäße für den Transport zuhause vergessen haben. „Es hat mich lange immer wieder geärgert“, erinnert sich Kathi, „dass alles gleich zehnfach verpackt war und die Portionen immer kleiner wurden.“ Die Ladeninhaberin machte sich schlau und schaffte im Oktober 2015 das System mit den Spendern an. Damit gehört sie zu den Vorreiterinnen. „Inzwischen verkaufen wir im Durchschnitt täglich 6 kg an offener Ware“, freut sich die lebhafte Frau. „Das ist eine ganze Menge. Und die ist im Durchschnitt auch 10 % preisgünstiger als die verpackte.“

„Soweit wie möglich, bevorzugen wir regionale Ware“, erklärt die Chefin. „Die losen Haselnüsse stammen aus der Holledau, Buchweizen und die Beluga-Linsen kommen ebenfalls aus der Region. Die Eier kommen vom Ziegler Hof und Sebastian Grünwald liefert den Honig von seinen Bienen am Freisinger Domberg und im Herbst seine Äpfel.“ Getreide und andere Mühlenprodukte bezieht Kathi Zanker von der Andersdorfer Mühle aus dem Raum Mühldorf oder von den regionalen Größhändlern Chiemgauer, TAGWERK und Ökoring.

Das Thema regionale und verpackungsfreie Produkte zieht sich wie ein roter Faden durch Kathis Laden-Philosophie. An 13 Kanistern kann man Handseifen sowie Spül-, Wasch- und andere Reinigungsmittel zapfen und in mitgebrachte Behälter füllen. Von der Kosmetikfirma Nelumbo finden sich Körper- und Haarseife sowie Körperbutter im Sortiment. „Alles unverpackt“, sagt Kathi, holt ein Stück Shampoobar aus dem Regal und fügt hinzu, „die schäumt, und das möchten viele Kunden so.“ Die kleine Firma Lenz, die nur im Bio-Fachhandel erhältlich ist, schätzt die Bio-Expertin ebenfalls sehr. Deren Babyserie, Duschgel und Creme sind mit den Inhaltsstoffen heimischer Kräuter hergestellt: Birke, Brennnessel, Kamille, Schachtelhalm oder Ringelblume. „An der Obst- und Gemüsetheke habe wir die Plastiktüten abgeschafft“, erzählt die Ladnerin, „stattdessen gibt es Papiertüten oder die Kunden können praktische, wiederverwendbare  Säckchen aus recycelbarem Kunststoff kaufen.“

Gleich neben dem Eingang und der Kasse hängen auf Kinderhöhe zahlreiche Stofftaschen an der Wand. „Das ist unsere Taschen-Gaderobe“, begeistert sich Kathi lachend und gestikulierend. „Wer Einkaufstaschen oder -körbe übrig hat, der kann sie uns überlassen.“ Wer seine Tasche zuhause vergessen hat, nimmt sich einfach eine davon mit. „Papiertragetaschen kosten bei uns 20 Cent, aber davon haben wir im vergangenen halben Jahr gerade mal vier Stück verkauft. Unsere Kunden schätzen den Gedanken Verpackungmüll einzusparen sehr.“

 

Kathi ergreift ihre Chance

Kathi Zanker ist gelernte Hotelfachfrau und arbeitete in der Computer-Branche, bevor sie vor gut 10 Jahren den Bioladen Lebenskunst übernahm. Wenige Wochen erst hatte sie bei ihrer Vorgängerin mitgearbeitet, als diese aufhörte und Kathi ihre Chance ergriff. „Ich wollte etwas Sinnvolles machen, etwas, das mir ein gutes Gefühl gibt. Durch meine zwei Kinder hatte ich mich schon lange davor intensiv mit Ernährung und Naturstoffen beschäftigt“, erklärt sie. Die beiden Kinder hatten Neurodermitis und Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten.

Immer mehr Menschen kommen mit  Lactose- sowie Fructoseintoleranz oder Gluten-Unverträglichkeit in den Laden am Rindermarkt. Manche sind zum ersten mal dort, mit einer Verordnung vom Arzt und einer Liste voller Lebensmittel, die sie ab sofort meiden sollen. „Für einige ist da gerade eine Welt zusammengebrochen“, weiß Kathi aus eigener Erfahrung, „sie fühlen sich alleingelassen. Uns macht es Freude, wenn wir diese Kunden kompetent beraten und ihnen zeigen können, dass sie noch viele Alternativen haben, um ihre Ernährung schmackhaft und vielfältig zu gestalten.“

 

Geschichten hinter dem Produkt

Auch wenn die Ladenfläche auf den ersten Blick klein wirken mag, das Sortiment lässt nichts vermissen. Es reicht von der Kühltheke mit frischem Obst und Gemüse bis zur Tiefkühlkost, von den Backwaren und Süßigkeiten über Milchprodukte, Getränke sowie Spirituosen bis zu Kosmetika und Reinigungsmitteln. Besonders gut sortiert ist Lebenskunst bei den Gewürzen und Tees der Firma Sonnentor aus dem österreichischen Waldviertel. „Wir sind ein Partnerladen von Sonnentor. Wir führen eine größere Anzahl von Produkten und profitieren von der Werbung der Firma, den Gratisproben und im Winter schenken wir den Tee aus.“ Kathi findet die Geschichte des Gründers faszinierend. Mitten im Nirgendwo hat er ein modernes mittelständisches Unternehmen aufgebaut und viele kleine Kräuterbauern vor Ort eingebunden.

„Unsere Kunden stellen viele Fragen“, sagt die Ladnerin, „und wie wir auch, finden sie nicht nur die Qualität der Produkte, sondern auch die Geschichten im Hintergrund interessant.“ Es geht um die Menschen, die hinter dem Bio-Produkt stehen. „Unser Bäcker Sebastian Neuhoff aus Regensburg zum Beispiel: Der backt mit dreistufigem Sauerteig, fährt jeden Tag selbst aus und ist mit Herzblut bei der Sache.“ Durch den persönlichen Kontakt mit den kleinen Herstellern und Lieferanten lerne sie täglich dazu, freut sich Kathi. Von diesem Wissen und von den Verkostungsaktionen mit Gemüsechips, veganen Aufstrichen und italienischer Feinkost, die demnächst stattfinden, profitierten auch die Kunden.

Wir sitzen wieder draußen in der Sonne, während Astrid Bauer die Kundschaft bedient und berät – immer einen Scherz auf den Lippen. Die Ladenbesucher kommen zu Fuß, per Rad oder mit Trolley, denn in der Nähe des Ladens mit dem Auto zu parken ist schwierig. Eine junge Frau mit Fahrrad und -anhänger zieht zwei leere Spül- und Putzmittelflaschen aus den Anhängertaschen, ehe sie ihr Kleinkind aus dem Gefährt hebt und den Laden betritt. Kathi grinst vielsagend: „Das Angebot wird angenommen, wie man sehen kann.“

 

Viel Zulauf für Bio

Ob die Ladenchefin glaubt, dass in Freising Platz für drei Bioläden und den neuen Bio-Discounter sein wird, möchte ich wissen. „Ich denke schon. Wir Freisinger Naturkostläden unterstützen uns gegenseitig, und die Kunden im Discounter überschneiden sich mit unserem Kundenkreis nur wenig“, sagt Kathi zuversichtlich. „Die Hemmschwelle, Bioprodukte zu kaufen, ist in den vergangenen 10 Jahren stark gesunken, immer mehr Menschen kaufen Bio, und das wollen wir schließlich auch.“ Und dann fügt sie stolz hinzu: „Der Discounter hat nichts im Sortiment, was wir im Bio-Fachhandel nicht auch besorgen könnten. Aber wir sind es,  die die kleinen, regionalen Bio-Betriebe und Pioniere wie die TAGWERK-Genossenschaft unterstützen, die  Bio vorangebracht haben.“

Gibt es Zukunftspläne? Keine bestimmten, antwortet Kathi. „Ich werde öfters gefragt, ob ich nicht erweitern will, aber ich wüsste nicht, warum ich das tun sollte. Astrid und ich verstehen uns super, wir ticken beide ähnlich. Wir haben wunderbare Kunden und zusammen haben wir viel Freude.“ Schließlich heißt Kathis Laden wohl nicht umsonst ‚Lebenskunst‘. Wie der sprichwörtliche Tante-Emma-Laden bedient er ein wichtiges Bedürfnis – das nach Individualität, persönlicher Nähe und Austausch in einer anonymer werdenden Welt.

(Text: Elisabeth Melzer, Fotos: Siegfried Martin)