Freisingerin mit Leib und Seele

Die Fotografen-Meisterin Anne Werkmeister führt das Familienunternehmen in vierter Generation

von von Elisabeth Hoffmann, 09. Juli 2020

Anne Werkmeisters Wirken ist ein Paradebeispiel dafür, wie sehr der Beruf Berufung sein kann, und das gleich in mehrerlei Hinsicht. Und so überzeugend sich dieses Phänomen entwickelt hat, so wenig war dieser Weg geplant. Als „brave Tochter“, wie sie sagt, ist sie in die Rolle der Fotografin und Fotostudio-Inhaberin „hineingerutscht“. Anno 1889 gründete ihr Urgroßvater in der Freisinger Amtsgerichtsgasse ein photographisches Atelier, 30 Jahre später erwarb er ein Anwesen in der Unteren Hauptstraße, in dem sich das Traditionsunternehmen noch heute befindet. Trotz dieser Familiengeschichte hatte sie zunächst keinerlei Ambitionen, das Fotostudio eines Tages zu übernehmen. Vielmehr interessierte sie sich dafür, via Zeichnen, Malen und Handarbeiten mit den eigenen Händen etwas zu kreieren, ergo besuchte sie in München die Fachoberschule für Gestaltung. Um sich nach dem Fachabitur einen Freiraum für die weitere Berufsplanung zu verschaffen, half sie erst mal im elterlichen Betrieb mit, was aber dann doch recht schnell in eine Fotografenlehre mündete. Um weitere Impulse zu erhalten, setzte sie die Ausbildung in Gauting und in Dachau fort, wo sie zusätzliche Erkenntnisse in den Bereichen Verkauf und Portraitaufnahmen erhielt. Als älteste Tochter war sie somit prädestiniert für die Fortsetzung der Tradition, nur, als Leiterin brauchte sie noch den Meistertitel. Mit ihren Sachaufnahmen, Portraits und Werbefotos konnte sie die Jury dermaßen überzeugen, dass sie mit dem Meisterpreis der Bayerischen Staatsregierung als eine der drei Jahrgangsbesten in Bayern ausgezeichnet wurde. Bevor sie als Achtundzwanzigjährige den Betrieb in 1999 nach dem Tod ihres Vaters übernahm, führte sie bereits seit sechs Jahren das zugehörige Studio in Lerchenfeld, das sie aber zu Gunsten ihrer Kinder aufgab. Was aber nicht heißt, dass sie nur an der Unteren Hauptstraße tätig ist, je nach Bedarf besucht sie Familienfeste und Firmenfeiern in und um Freising. Hier wie dort aber ist ihre oberste Prämisse, die Menschen so einzufangen, dass diese nicht nur durch ihren ganz persönlichen Ausdruck beeindrucken, sondern auch Präsenz aufzeigen. Um dies zu erreichen, geht sie mit viel Empathie zu Werke, versucht das Besondere in ihren Gegenübern zu entdecken und animiert diese schließlich auf sehr geschickte Art so lange zu unterschiedlicher Mimik und Haltung, bis selbige sich öffnen und ganz bei der Sache sind. Doch ihr Herz schlägt nicht nur für das Familienerbe, ihre Kunden und ihre Kinder, sondern auch für den Standort Freising mit all seinen Traditionen und seiner Zukunft. Und eben deshalb ist sie selbst ganz und gar präsent in der Stadt. Als gebürtige Innenstadtbewohnerin liegt ihr das Leben in der Stadt besonders am Herzen. Sie bedauert, dass sich in der Altstadt immer weniger Häuser finden, in denen die Inhaber wohnen und arbeiten. Immer häufiger werden die Läden anderweitig vermietet, was langfristig zu einheitlichen Ladenzeilen ohne jeglichen spezifischen Charakter führt. Doch vor allem alte, traditionelle Geschäfte schaffen Identität und eben deshalb kämpft sie für den Erhalt der „Urbevölkerung“ der Stadt und des typisch Freisinger Lebens. Um in dieser Hinsicht mehr erreichen zu können, trat sie in 2011 der Freisinger Mitte bei. Damals nahm der OB-Wahlkampf richtig Fahrt auf und in der Luft lag der Geruch von Veränderung, die ja schließlich auch eintrat. Von entscheidender Bedeutung war für sie, dass die Freisinger Mitte ein Verein auf lokaler Ebene ist und nicht eine Partei im üblichen Sinne, die in erster Linie an politischem Kalkül interessiert ist. Um sich in die Materie zu vertiefen, nahm sie an einem Tagesseminar zu Verwaltungs- und Stadtratsregularien teil, während dessen eine potenzielle Mitgliederliste erstellt wurde, die möglichst breit gefächert sein sollte. Und eben darüber ist sie auch hier rasch hineingerutscht und sitzt seither im Ausschuss für Kultur, Freizeit und Sport. Seit März ist sie zudem als Beisitzerin der Vorstandschaft der Freisinger Mitte aktiv. Da sie aber nicht nur ihre Stadt, sondern auch den Kreis darum herum liebt, findet sich ihr Name auch schon seit 2011 auf der Kreistagsliste. Dieses Engagement erklärt sich nicht zuletzt aus der Tatsache heraus, da sie als wachsamer und kritischer Zeitgenosse weder Nachrichten, Politik oder Institutionen vertraut, vielmehr baut sie auf die Kraft und das Engagement von unten. Wie etwa der Arbeit des Bürgerverein Freising, in dem sie ebenfalls Mitglied ist. Mit ihm kämpft sie gegen den Bau der 3. Startbahn, gegen die Subvention von weiteren Billigfluggesellschaften, gegen Ultrafeinstaub- und Lärmbelastungen und legt entsprechende Unterschriftenlisten in ihrem Laden aus. Momentan freut sie sich, dass der Lärmpegel über der Stadt seit der Corona-Krise deutlich gesunken ist und die Luft viel besser riecht. Und immer wieder samstags riecht sie besonders gut, nämlich dann, wenn der Ofen im Backhaus an der Kammergasse angeschürt wird. Da sie von der Idee begeistert war, trat sei dem Freisinger Backhaus e.V. gleich bei dessen Gründung in 2014 bei, übernahm das Amt der Schatzmeisterin und half sogleich tatkräftig beim Bau des Hauses mit. Ebenfalls 2014 wirkte sie an einem weiteren gemeinnützigen Projekt im öffentlichen Raum mit, dem Meditativen Isarweg. Als stimmberechtigtes Mitglied des Preisgerichtes war sie entscheidend an der Auswahl der Künstler beteiligt. Wenn sie nur mehr Zeit hätte, würde sie sich gerne obendrein noch sozial engagieren, aktiv etwas bewirken, wie etwa bei der Tafel. Doch leider sind die Tage zu kurz, um ihrem Tatendrang freien Lauf zu lassen. Schließlich muss sie ja auch ihr Haus in Schuss halten, wohlgemerkt sie. Mit Handwerkern hat sie leider nicht nur gute Erfahrungen gemacht und so beschloss sie kurzerhand, patent wie sie ist, das Aufbringen des Verputzes und das Verlegen der Böden selbst zu bewerkstelligen, was dank ihrer Experimentierfreude, ihrem Einfühlungsvermögen und ihrer Geduld wunderbar gelang. Nicht zuletzt wurde sie darüber, nomen est omen, selbst zum Werkmeister. Generell liebt sie das handwerkliche Arbeiten mit verschiedensten Materialien und wenn möglich, gönnt sie sich eine Auszeit in Form von Teilnahmen an Kursen und Workshops für Malerei und Bildhauerei. Wie bei allem, was sie anpackt, zählt auch hierbei nicht die Geschwindigkeit, sondern das Ergebnis. Es dauert halt alles solange, wie es dauert, erst recht, wenn eine zum Perfektionismus neigt, so wie sie ihn von ihrer Großmutter geerbt hat. Übrigens hat sie ebenso die Neigung für das gesellschaftliche Engagement geerbt, sowohl ihr Urgroßvater wie ihr Großvater waren einst im Stadtrat und bei der Feuerwehr aktiv. Mit all diesen Facetten und Hintergründen entwickelte sich Anne Werkmeister zu einer Freisingerin mit Leib und Seele, die ihre Heimatstadt als „die beste Stadt“ bezeichnet und das Areal zwischen ihrem Laden, der Sperrer-Bank, und dem Edeka als ihr „Bermuda-Dreieck“ bezeichnet, in dem sie alles erhält, was sie zum täglichen Leben braucht. Und sogar der Sportverein für das regelmäßige Fitnesstraining ist gleich um die Ecke. Glücklicherweise liegt die Halle des altehrwürdigen TSV Jahn mitten in der Stadt und sie hofft, dass das weiterhin so bleibt, denn nicht nur sie, sondern alle Innenstadtbewohner können sich so weite Anfahrtswege ersparen. Auch dies ist ein weiteres Argument dafür, wie sehr es sich lohnt, an den gewachsenen Stadtstrukturen festzuhalten. Gut, dass es Persönlichkeiten wie solch ein „Freisinger Kindl“ gibt, die sich dafür mit Herz und Verstand einsetzen.