Die letzte Instanz…

Die letzte Instanz für defekte Elektrogeräte ist das Repaircafe im Gebrauchtwaren-Kaufhaus Rentabel in Lerchenfeld. Rund die Hälfte der mitgebrachten Geräte können dort wieder flott gemacht werden.

von Elisabeth Melzer, 02. Januar 2018

Schlag 12 Uhr Mittag herrscht großer Andrang bei Rentabel. Fast macht es den Eindruck, als gäbe es dort ein Mittagessen umsonst. Ein älterer Herr bugsiert eine Stehlampe durch die Eingangstüre und steuert schnurstracks auf drei Herren zu, die an einem langen Tisch sitzen. Um sie herum liegen mehrere Multimeter zum Messen von Spannung, Strom und Widerstand, dazu Schraubenzieher, Zangen, Mehrfachstecker und ein Lötkolben sowie die Einzelteile eines Handstaubsaugers. Der Besitzer des Gerätes und einer der drei ehrenamtlichen Experten sind damit beschäftigt, die einzelnen Bauteile zu begutachten und auszumessen. Eine Dame hat das Pedal ihrer defekten Nähmaschine mitgebracht und erklärt dem zweiten Elektro-Experten, was die Nähmaschine noch kann und wann sie zu streiken beginnt. „Was ist mit der Oberfaden-Spannung? Was macht der Keilriemen? Stinkt der Motor?“, fragt Thomas Brunner, um sich an eine Ferndiagnose heranzutasten.

Eingereiht in eine Schlange stehen ein halbes Dutzend Besucher mit Elektrogeräten und warten darauf, an die Reihe zu kommen. Ständig kommen noch weitere hinzu. Johannes Zenger, praktischer Arbeitsanleiter bei Rentabel und zuständig für das Repaircafe, bittet die Besucher den Namen und das mitgebrachte Elektrogerät zu notieren und eine Haftungsbeschränkung zu unterschreiben. Das Spektrum reicht von elektrischer Kaffeemühle,  Handrührgerät und Wasserkocher über Friteuse und Backautomaten bis zur Wildbeobachtungskamera und zur Tauchpumpe. Manche Besucher werden mit einem funktionstüchtigen Gerät nach Hause gehen, andere mit einem Ersatzteil ein zweites Mal kommen, wieder anderen wird nichts anderes übrigbleiben, als das Gerät schweren Herzens in die Elektronikschrott-Kiste zu werfen.

 

Willkommene Abwechslung

Ein Herr mit Reiskocher ist heute zum zweiten Mal im Repaircafe. Beim ersten Mal hat Manfred Ramin gemessen, dass kein Strom fließt und in der Zuleitung einen defekten Widerstand entdeckt. Er selbst hat das Ersatzteil besorgt. „Wahrscheinlich ist der Reis ohne Wasser erhitzt worden“, vermutet er. Manfred Ramin ist noch mit dem Staubsauger beschäftigt, deshalb übernimmt Harry Husser, der dritte Mann im Bunde und baut den Widerstand ein. Es handelt sich um ein Teil, weniger als einen Zentimeter lang und gerade mal zwei Millimeter dick. 49 Cent hat es gekostet. Der Besitzer freut sich über den erfolgreichen Ausgang der Operation und steckt einen Schein in die Büchse für freiwillige Spenden. Harry Husser bietet die ehrenamtliche Arbeit im Repaircafe eine willkommene Abwechslung zu seiner Arbeit als Ingenieur im Labor. Und: „Zu  Hause werfe ich schließlich auch nichts weg“, sagt er.

Anfang 2016 wurde das Repaircafe gegründet und seither ist es jeden letzten Mittwoch im Monat drei Stunden lang geöffnet. Rentabel suchte nach Ehrenamtlichen, und so kam das aktuelle Trio zusammen, von dem sich bei den Terminen einer oder zwei der Herren vor Ort einfinden. Heute sind die Elektro-Experten zu dritt und haben alle Hände voll zu tun. 15 Besucher stehen auf der Liste, und Johannes Zenger muss diejenigen wegschicken, die nicht genug Zeit eingeplant haben. Andere sind fest entschlossen zu warten und bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen dem geschäftigen Treiben zuzuschauen.

 

Bastler aus Leidenschaft

Vom Cafe aus betrachtet strahlt das Szenario eine große Faszination aus. Es wird engagiert geschraubt, gemessen, verdrahtet, ausgetauscht, erklärt und diskutiert. Die drei Experten beraten sich untereinander, und bei einigen männlichen Klienten zeigt sich der Spieltrieb. Ob Senior im handgestrickten Pullover oder Herr im Nadelstreifen-Anzug: Jetzt wollen sie unbedingt wissen, wie es funktioniert, und das freut Manfred Ramin besonders. Er ist Rentner und seit Beginn des Repaircafes mit von der Partie. Bis zum Ruhestand hat er bei Texas Instruments gearbeitet. Er bastelt für sein Leben gerne  und möchte andere mit dieser Leidenschaft anstecken. „Es wird zu viel aus nichtigen Gründen weggeworfen“, sagt er. „Etwa die Hälfte der gebrachten Geräte können wir reparieren.“ Dass Elektrogeräte fürs Wegwerfen produziert werden, können er und seine Kollegen nicht bestätigen. Viel häufiger entdecken sie Nachlässigkeiten bei der Montage; Kabelprobleme spielen dabei die größte Rolle. Diesen Punkt versuchen die drei jeweils als erstes abzuklären. „Danach schauen wir uns Schalter und Stecker an. Oft sind diese nicht mehr verdrahtet oder ein Mikroschalter ist defekt“, erklärt Ramin. „Anschließend nehmen wir die anderen Bauteile unter die Lupe, wie die Platine und den Motor. Manchmal geht es auch nur ums Saubermachen. Aber wenn der Motor defekt ist oder die Elektronik streikt, dann können wir im Repaircafe nichts mehr tun.“

Einige der Damen und Herren würden ihr Sorgenkind gerne vor Ort lassen und später wieder abholen, aber das Konzept des Repaircafes ist ein anderes. „Sie müssen schon dabeibleiben“, erklärt Johannes Zenger in aller Ruhe. „Sie sollen zuschauen und etwas von dem Sachverhalt verstehen lernen.“ Natürlich geht es auch um Haftungsfragen, falls  beim Reparaturversuch noch etwas kaputt gehen sollte. Eine Dame mit einem Mixer muss Johannes Zenger wegschicken, denn das Gerät hat noch Garantie. „Sobald wir es öffnen, erlischt die Garantie, egal ob wir es reparieren können oder nicht“, erklärt er die Absage. „Bringen Sie den Mixer zurück zum Händler, dort bekommen Sie ohne Kosten ein neues Gerät, wenn das alte nicht mehr zu reparieren ist.“

 

Den Sachverhalt verstehen

„Das Klientel im Repaircafe ist ein anderes als das im Gebrauchtwaren-Kaufhaus“, hat Johannes Zenger festgestellt. „Stammkunden sind keine dabei.“ Von denen, die das Repaircafe aufsuchen, wissen wiederum viele nicht, dass  jeder im Gebrauchtwaren-Kaufhaus einkaufen kann, nicht nur Menschen mit knappem Budget und einem Sozialschein. Wenige wissen überhaupt, dass Rentabel viel mehr ist als ein Gebrauchtwaren-Kaufhaus, nämlich ein Dienstleistungsbetrieb sowie ein Beschäftigungs- und Qualifizierungs-Unternehmen der Caritas. Neben praktischen Arbeitsanleitern wie Johannes Zenger gibt es unter den Festangestellen auch pädagogische Arbeitsanleiter und Sozialpädagogen. Diese organisieren in Freising die Beschäftigung von etwa 50 sozial benachteiligten Menschen (Langzeitarbeitslose, psychisch Kranke, Flüchtlinge).

Bedürftige Freisinger bekommen bei Rentabel eine kostenlose Grundausstattung an Möbeln einschließlich Transport und Aufbau. Darüber hinaus existiert ein Containerdienst, der in Freising und im Landkreis die Umgebung der Flaschencontainer sauber hält, im Sommer die Müllsäcke an den Badeweihern leert und in der Saison 30 Spielplätze in Schuss hält. Im Flughafenprojekt werden mehrmals wöchentlich Pfandflaschen aus dem am Airport anfallenden Abfall aussortiert. „Bis Ende 2018 ist unsere Finanzierung vorerst gesichert“, sagt Johannes Zenger und weiß doch, dass das Team. zu dem er gehört, für Freising längst unentbehrlich geworden ist.

 

Zurück ins Repaircafe

Vor einigen Monaten hatte ich es mit einem defekten  Dörrgerät aufgesucht. Der Apparat schnurrte unauffällig, doch es kam nur noch kalte Luft heraus. Nach  aufwändigem Auseinanderbauen stand fest: In der Heizspirale ist ein Sicherheitselement durchgebrannt. Das konnte ich leider nicht für 49 Cent erstehen. Das komplette Heizelement kostete 30 Euro, aber ein neues Gerät wäre vier mal so teuer gekommen. Mein heutiges Mitbringsel, ein Smoothie-Mixer, gibt ebenfalls normale Motorgeräusche von sich, wenn ich ihn anschalte, aber das Messer bewegt sich nicht mehr. Ein kurzer Blick von Thomas Brunner genügt, um festzustellen, dass der Mitnehmer für das Messer ausgeschlagen ist. Ich muss kein neues Gerät kaufen, sondern lediglich den Deckel mit dem Messer austauschen. Obwohl Thomas Brunner als Fernsehtechnikmeister in Lohn und Brot steht, nimmt er einmal monatlich  auf  Überstundenbasis frei, um beim Repaircafe mitzumischen. Ihm geht es um Müllvermeidung, und der Kontrast zu seinem Arbeitsalltag macht ihm Spaß. Am meisten Befriedigung bereitet ihm jedoch die Freude der Besucher. „Sie sollten sehen“, sagt er, „wie die Augen leuchten, wenn wir für den Fehler eine Lösung finden und das Gerät wieder funktionstüchtig ist.“

(Text: Elisabeth Melzer, Fotos: Siegfried Martin)