Die Besitzergreifung des Raums

Die Planung nachhaltiger Lebensräume am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und industrielle Landschaft

von Katrin Stockheim, 03. September 2013

Wenn Gebäude sprechen könnten, dann müsste sich kein Mensch mehr an der Definition des Studiengangs Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung an der TUM am Standort Freising-Weihenstephan versuchen: Außen mit einem dichten, grünen Blätterdach umrankt, umgeben von Blumen-, Kräuter- und Gemüsebeeten, Backsteinmauern und Skulpturen treffen wir im Innern auf Theorie und Praxis, moderne Lehre und traditionell erworbenes Wissen. Das gesamte Bauwerk spiegelt so die Inhalte der acht Kernlehrstühle wider, in denen es um das Planen und Entwerfen nachhaltiger Lebensräume im Dialog mit der Natur- und Kulturlandschaft geht. Das interdisziplinäre Studium bietet weniger Frontalunterricht und mehr Praxiserfahrung. In kleineren Jahrgängen von 50 bis 60 Studierenden in den Bachelorsemestern und 25 Studierenden in den Mastersemestern arbeiten Teams an realen Projekten: Die Aufgabe lautet, komplexe Lösungen zu entwicklen und einzelne Themenfelder sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Dabei lernen die Studentinnen und Studenten, mit der Vielfalt im Freiraum umzugehen und die bestehende Natur, vorhandene Umweltfaktoren und die Anforderungen der Gesellschaft bei den Planungen zu berücksichtigen.

Der enge Bezug zur Umwelt ist an allen Lehrstühlen und Fachgebieten spürbar. Die Schwerpunkte verteilen sich auf die Landschaftsarchitektur im öffentlichen Raum und im regionalen Freiraum, auf deren Geschichte und Theorie genauso wie auf Strategie und Management, sie beziehen sich auf Renaturierungs-, Terrestrische- und Landschaftsökologie. Ordinarius des Lehrstuhls für „Landschaftsarchitektur und industrielle Landschaft“ ist Professor Dr. Udo Weilacher. Mit seinem Amtsantritt im April 2009 bekam der Lehrstuhl seinen heutigen Namen. Gegründet wurde er im Sommersemester 1959 mit der Berufung von Professor Carl Ludwig Schreiber unter der Bezeichnung „Garten- und Landschaftsgestaltung“. Dem aufkommenden Zeitgeist entsprechend wurde in den 1960er Jahren die Landschaftsökologie als Kernfach integriert. Mit der Zunahme der naturwissenschaftlich-ökologischen Bedeutung traten in den 1970er Jahren die gestalterischen Fragestellungen in Studium und Beruf in den Hintergrund. Den Kern bildeten eingehende Reflexionen über die Gesellschaft und deren Entwicklung. Grün sollte noch Grüner gemacht werden. Mit den Jahren entstand daraus der Wunsch, neue Entwicklungsstrategien für spezielle Lebensräume zu finden, Landschaft zu optimieren und der Gesellschaft zugänglich zu machen. Aus der „Garten- und Landschaftsgestaltung“ wurde unter Professor Günther Grzimek, dem Schöpfer des Münchner Olympiaparks, die „Landschaftsarchitektur“ und später der Lehrstuhl für „Landschaftsarchitektur und Planung“ unter Professor Peter Latz, der mit dem nachhaltigen Umbau von ehemaligen Industrielandschaften weltweite Anerkennung erwarb.

Zugunsten eines künstlerischen Reifegrades dauert das Bachelorstudium „Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung“ acht Semester. Das erste bis vierte gilt als Orientierungsphase. Die „Besitzergreifung des Raumes“, also die Nutzbarkeit der vorgegebenen Strukturen wird anhand von lokalen Aufgabenstellungen thematisiert. Dazu werden die Studierenden raus aus dem Lehrgebäude in die Umgebung geschickt, um die Stadt Freising und deren individuelle Landschaften kennenzulernen. Das „Leben in der Stadt“ und die Analyse der dazugehörigen Zukunftstrends werden verinnerlicht. Nach einem verpflichtenden Auslandsaufenthalt im fünften Semester wird erst im sechsten Semester zwischen den Schwerpunkten „Landschaftsplanung“ und „Landschaftsarchitektur“ gewählt. Während für den Bachelor die Studentinnen und Studenten eher aus dem süddeutschen Raum nach Freising an die TUM kommen, ist das Masterstudium Landschaftsarchitektur deutlich internationaler besetzt. Jetzt bewegen sich die jungen Studierenden auf internationalem Boden und sind in der Lage, Wettbewerbe wie den “Parco Rubattino” zu gewinnen, bei dem die Umgestaltung des Geländes der ehemaligen Maserati-Werke am Ostrand der boomenden Metropole Mailand gefordert war.

Wie es gelingt, ästhetische Qualitäten zugunsten des Schutzes einer einmaligen Landschaft zu erhalten, kann Freising im kommenden Wintersemester erleben. Mit dem Studentenwettbewerb „Meditativer Isarweg: Verorte deinen Geist“ fordert der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und industrielle Landschaft seine Studenten dazu auf, zehn Stationen für einen vier Kilometer langen Rundweg zwischen Korbinianbrücke und geplantem Isarsteg auf Höhe der Savoyer Au zu entwickeln. Meditative Montagen beispielsweise zu den Themen Hoffnung und Friede, Einkehr und Kreislauf, Versuchung und Erhabenheit sollen die dauerhaften und temporären Qualitäten der Isarauen-Landschaft erlebbar machen. Das Wettbewerbsergebnis soll im April 2014 feststehen. Das Projekt „Meditativer Isarweg“ ist eine ökumenische Idee der örtlich ansässigen Kirchen, Religionsgemeinschaften und Glaubensgemeinschaften. Im Juli 2013 hat die Stadt Freising als neutrale Institution die Trägerschaft übernommen.