75 Jahre „Club Ausländischer Weihenstephaner“

von Katrin Stockheim, 08. Januar 2014

Per Ludwig Issel ist in seinem Leben schon viel rumgekommen. In seiner Kindheit zog er mit seinen Eltern von Baden-Württemberg nach Franken, von dort nach Nord-rhein-Westfalen und später nach München. Nicht nur, dass er aufgrund dessen Deutschland auf eine vielfältige Weise kennengelernt hat, durch seine Mutter besitzt Per neben der deutschen auch die norwegische Staatsbürgerschaft. Zu Weihnachten führt ihn sein Weg mittlerweile nach London unter den Christbaum. 2005 begann der junge Weltenbummler mit dem Studium des Brauereiwesens an der Hochschule Weihenstephan. Vor zwei Jahren trat er in den CAW ein, den Club Ausländischer Weihenstephaner, dessen Mitglieder ihn im April 2013 zu ihrem neuen Präsidenten gewählt haben. Damit hat er die ehrenvolle Aufgabe erhalten, die 450 weltweit verstreuten Mitglieder zum 75-jährigen CAW-Jubiläum einzuladen, das im Sommer 2014 groß gefeiert werden soll. Mit einem außerordentlichen Stammtisch wird bereits im Januar der Gründung gedacht.

Die Angst vor Verfolgung und Fremdenhass sowie die unsichere politische Situation während des Nationalsozialismus drängten 18 Weihenstephaner Studierende aus der Schweiz, Skandinavien, Osteuropa und Südamerika dazu, sich am 12. Januar 1939 offiziell in einem Club zusammenzuschließen. Tägliche Treffen in wechselnden Kneipen dienten dem persönlichen Schutz und dem stetigen Austausch. Während klassische Verbindungen nach und nach ihre Tätigkeit einstellen mussten, gelang es dem CAW, wenn auch stark dezimiert, durch bedachtes Handeln einem Verbot zu entgehen. Und so kam es, dass bis heute dieser kleine Club eine wichtige Anlaufstelle für Studierende aus der ganzen Welt ist, um in Freising den Anschluss zu bekommen, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, die hiesige Kultur kennenzulernen und fern von der Heimat ein Stück Zuhause zu finden.

Dem Standort Weihenstephan geschuldet waren es zu Beginn ausschließlich Studenten des Brauwesens mit ausländischer Staatsbürgerschaft, die laut Satzung ordentliches Mitglied werden durften. Mittlerweile finden sich Studierende aller Fakultäten, Männer und Frauen, an den Stammtischen ein, die jeden Mittwoch ab 20 Uhr im „Schneiders“ abgehalten werden. In Anlehnung an die Verhaltensregeln der Verbindungen existieren auch beim CAW Vorgaben über den Ablauf, die Umgangsformen und das pflichtmäßige Liedgut. Da man jedoch eben ein Club und keine Verbindung ist, sind die Regeln lockerer und der Umgang untereinander gelöster. In der für Neumitglieder verpflichtenden Aufnahmeprüfung geht es dann aber doch erst einmal zur Sache, wenn es heißt, ein Lied aus der Heimat vorzutragen, in einer Bierblindverkostung oder einer Schnitzeljagd durch Freising sein Wissen unter Beweis zu stellen und abschließend die Kunst des Trinkens mittels eines „Yard of Ale“ zu demonstrieren. Zu den Aktiven zählen derzeit acht Studierende, fünf Ehemalige, die ihr Studium vor Kurzem beendet haben und aktuell noch in Freising leben, sowie weitere Gäste, die den Austausch und das ausländische Netzwerk im CAW genießen. Von Europa über Nord- und Südamerika bis nach Asien, im Club sind alle Nationen vertreten. Wie wichtig dieses Netzwerk seit jeher ist, beweisen die zahlreichen „Alten Herren“, die mit ihren Mitgliedsbeiträgen die Arbeit des Clubs finanzieren. Und das, obwohl es insbesondere durch die Entfernung schwer ist, den Kontakt auch nach dem Ende der Zeit auf dem Weihenstephaner Campus zu halten.

Eine gute Gelegenheit, Erinnerungen auszutauschen und die Bindung zueinander zu vertiefen, bieten die jährlich stattfindenden Jahresausflüge zu Brauereien in der Region oder die Altherren-Treffen im Herbst. Dass nun zum Stiftungsfest im Sommer wieder einmal alle Mitglieder zusammenkommen, das ist aktuell die Aufgabe von Per Issel und seinen Vorstandskollegen. Für die Aktualisierung der Mitgliederlisten und auf der Suche nach vergessenen Geschichten haben er und Schriftführer Stefan Steinhauser zahlreiche Kisten durchstöbert. Dabei sind nicht nur längst vergessene Bilder legendärer Faschingspartys aufgetaucht, sondern auch eine Fahne Nordkoreas, die belegt, dass der Ruf Weihenstephans Undenkbares möglich macht und unter all den im CAW vertretenen Nationen auch ein nordkoreanischer Student das Leben, Lernen und Feiern in Freising kennenlernen durfte.