Der Furtnerbräu prägt seit Jahrhunderten das Bild in der Oberen Hauptstraße. Jetzt stand das Gebäude vor einem entscheidenden Wendepunkt. Weil der derzeitige Inhaber den Furtner samt dahinterliegenden Brauereigebäuden verkaufen wollte, hätte der Furtnerbräu seine Türen schließen müssen. Aber eine Hoffnung auf Rettung gab es noch: die Pächter haben mit dem Eigentümer ein Angebot ausgearbeitet, das nun Realität wird: die Gebäude in Erbpacht für 99 Jahre zu übernehmen. Damit ergibt sich nun erstmals die echte Chance, dieses Haus nicht nur vorübergehend zu nutzen, sondern es langfristig für Freising zu sichern. Und zwar für mindestens 99 Jahre. Erreicht werden sollte das durch eine Genossenschaft, die dann künftig als Verpächter auftritt, und viele helfende Hände. Man hat Anteile verkauft und für Abos geworben. Vor wenigen Tagen konnte man nun den Erfolg melden: Die Unterschrift ist unter den Vertrag gesetzt. Aus der Aktion „Wir retten den Furtner“ ist „Wir haben den Furtner gerettet“ geworden.
99 Jahre Erbbaurecht, der Kauf des Gebäudes und ein Projekt, das vor wenigen Monaten noch kaum jemand für möglich gehalten hätte: Die entscheidende Hürde bei der Rettung des Furtners ist genommen. Was bedeutet die Unterschrift beim Notar wirklich? Was passiert jetzt auf der Baustelle? Und warum braucht die Genossenschaft trotzdem weiterhin Mitglieder, Anteile und Unterstützer-Abos? FINK hat mit Reinhard Fiedler, einem der Vorstände und Mit-Initiator des Projekts, über den Stand des Projekts und die nächsten Schritte gesprochen.
FINK: Der Erbbaurechtsvertrag ist unterschrieben. Was genau ist damit jetzt erreicht?
Reinhard Fiedler: Wir haben als Genossenschaft den Erbbaurechtsvertrag über 99 Jahre unterschrieben und gleichzeitig das Gebäude gekauft. Damit ist der entscheidende erste Schritt geschafft: Der Furtner ist für die nächsten Generationen gerettet.
Das war von Anfang an der Kern des ganzen Projekts. Wir müssen heute diesen Schritt gehen, damit auch die vielen Menschen nach uns noch die Möglichkeit haben, sich hier zu treffen, miteinander zu reden und Freunde zu finden.
Wir reden über rund 500 Jahre Geschichte. Und wir waren tatsächlich kurz davor, all das zu verlieren. Wenn so ein Ort einmal weg ist, kommt er nicht wieder.
Gab es trotzdem Momente, in denen ihr dachtet: Das schaffen wir vielleicht nicht?
Eigentlich nicht. Wir haben immer damit gerechnet, dass wir es schaffen – sonst hätten wir dieses Projekt gar nicht anfangen dürfen. Es steckt über ein Jahr Arbeit und Planung in diesem Rettungsprojekt.
Aber natürlich blieb es trotzdem spannend bis zum letzten Tag. Bei einem Projekt dieser Größenordnung gibt es unglaublich viele Dinge, die zusammenpassen müssen: Finanzierung, Mitglieder, Abos, Verträge, Planung, Behörden, Bauarbeiten. Und deshalb ist es etwas völlig anderes, wenn am Ende tatsächlich die Unterschrift daruntersteht. Was für ein unglaubliches Gefühl, eigentlich können wir alle es noch gar nicht glauben.
Man hat in den letzten Wochen bereits Bauarbeiten am Furtner gesehen. Was ist dort bereits passiert?
Eine wichtige Vorabmaßnahme ist inzwischen abgeschlossen. Die Stadtwerke haben eine neue Stromleitung ins Gebäude gelegt. Außerdem wurden Abwasserleitungen ersetzt, damit anschließend die erforderliche Dichtigkeitsprüfung durch die Stadt durchgeführt werden kann.
Das klingt vielleicht wenig spektakulär – ist aber enorm wichtig. Es sind Voraussetzungen dafür, dass wir die nächsten Baumaßnahmen überhaupt vernünftig und dauerhaft durchführen können.
Als nächstes wird die Kneipe wieder hergerichtet und geputzt, damit der Furtner wieder aufsperren kann. Die Toiletten werden neu gefliest und die Decke darüber wird abgedichtet.
Wann macht der Furtner wieder auf?
Bereits Anfang Oktober. Allerdings zunächst im Baustellenbetrieb und eingeschränkt. Wir wollen nicht warten, bis irgendwann alles fertig ist. Der Furtner soll so schnell wie möglich wieder das sein, was er immer war: ein lebendiger Treffpunkt. Parallel dazu laufen die Planungen weiter.
Und wann beginnt dann die eigentliche große Sanierung?
Gegen Ende des Jahres wollen wir den großen Bauantrag beziehungsweise die denkmalschutzrechtliche Erlaubnis für das gesamte Gebäude einreichen. Wir wollen dabei nicht nur einzelne kleine Maßnahmen beantragen. Ziel ist, möglichst umfassend abzubilden, was in den kommenden Jahren am gesamten Gebäude gemacht werden muss und welche Nutzungen dort künftig möglich sein sollen.
Wenn die Genehmigungen vorliegen, soll die nächste große Bauphase voraussichtlich im Sommer 2027 beginnen.
Wie sehen diese Bauphasen aus?
Ganz vereinfacht kann man es in vier große Schritte teilen. Die erste Phase betrifft die technische und betriebliche Sicherung der Kneipe. Danach geht es an die große Gebäudehülle: Dach, Fassade und Fenster. Ein weiterer Schwerpunkt sind die beiden Obergeschosse. Dort wollen wir Räume schaffen, die sinnvoll und dauerhaft genutzt werden können. Und schließlich gibt es noch die historische ehemalige Brauerei. Sie ist vielleicht einer der spannendsten Teile des ganzen Projekts.
Was soll in den Obergeschossen entstehen?
Das ist bewusst noch nicht endgültig festgelegt. Denkbar sind Kultur- und Ausstellungsräume, Ateliers für Künstler oder auch Coworking-Flächen. Was am Ende tatsächlich umgesetzt wird, sollen nicht ein paar wenige Menschen hinter verschlossenen Türen entscheiden. Das ist genau eine der Fragen, bei denen auch die Mitglieder der Genossenschaft mitreden sollen.
Und die alte Brauerei?
Da darf man tatsächlich ein bisschen größer denken. Wir haben mitten in der Freisinger Innenstadt eine weitgehend erhaltene historische Brauerei. Die wollen wir zugänglich machen. Denkbar ist ein echtes Brauerei- und Furtner-Museum mit Führungen. Auch private Veranstaltungen in geeigneten historischen Räumen des Sudhauses sind vorstellbar.
Und natürlich gibt es diesen Traum: Vielleicht wird dort irgendwann wieder Furtner-Bier gebraut. Das wäre eigentlich die schönste Verbindung zwischen Geschichte und Zukunft. Schließlich wurde an diesem Ort über Jahrhunderte Bier gebraut.
Wenn der Furtner jetzt gerettet ist – braucht ihr überhaupt noch neue Mitglieder und weitere Genossenschaftsanteile?
Unbedingt. Der Vertrag ist unterschrieben – aber es hilft uns wenig, wenn wir anschließend zwar das Gebäude haben, aber kein Geld mehr für die Sanierung.
Jeder zusätzliche Genossenschaftsanteil bedeutet eigenes Kapital. Und jeder Euro Eigenkapital bedeutet im Gegenzug: weniger Geld, das wir bei einer Bank aufnehmen müssen. Deshalb ist es weiterhin sinnvoll und wichtig, Mitglied zu werden oder zusätzliche Anteile zu zeichnen. Aktuell stehen wir bei 1.695 Mitgliedern und 2.510 Anteilen. Dass überhaupt so viele Menschen innerhalb so kurzer Zeit bereit waren, dieses Projekt gemeinsam zu tragen, ist wahrscheinlich eine der außergewöhnlichsten Geschichten an der ganzen Rettungsaktion und in der Freisinger Geschichte ziemlich einzigartig.
Und wie wichtig sind die Unterstützer-Abos jetzt noch?
Mindestens genauso wichtig. Die Genossenschaft muss künftig dauerhaft Kosten tragen: Kredite, Erbbauzins, Gebäudeunterhalt und viele weitere laufende Ausgaben. Dafür brauchen wir regelmäßige Einnahmen. Genau deshalb sind die Unterstützer-Abos so wichtig. Sie sind nicht nur ein Beitrag zur einmaligen Rettungsaktion, sondern ein Baustein für den langfristigen Betrieb und Erhalt. Aktuell haben wir 2.330 Unterstützer-Abos. Da fehlen uns weiterhin einige. Deshalb bleibt das Abo auch nach der Vertragsunterzeichnung einer der wichtigsten Punkte.
Was soll sich im Furtner verändern?
Technisch sehr viel. Wir brauchen ein Gebäude mit funktionierender Technik, sicheren Leitungen und hygienisch einwandfreien Räumen. Aber bei einer Sache wollen wir ganz ausdrücklich keine Veränderung: Der Furtner soll der Furtner bleiben. Optisch – aber vor allem vom Gefühl her. Der Furtner ist für viele Menschen eine Art Heimat. Ein Wohnzimmer. Manchmal vielleicht sogar ein Zufluchtsort. Ein Platz, an den man gehen kann und fast sicher jemanden findet, mit dem man reden kann. Das ist wichtig! Diese Qualität kann man nicht planen oder neu erfinden. Man kann nur versuchen, sie nicht kaputtzumachen.
Ihr sprecht immer wieder davon, dass die Rettung auch eine Aufgabe für kommende Generationen ist. Warum ist dir das so wichtig?
Weil wir hier nicht nur für uns selbst entscheiden. Wenn ein Gebäude und ein Ort seit über 500 Jahren Teil einer Stadt sind, dann haben wir heute die Möglichkeit – vielleicht sogar eine gewisse Verantwortung –, dafür zu sorgen, dass diese Geschichte nicht ausgerechnet bei uns endet.
Wir retten den Furtner nicht nur für diejenigen, die heute dort ihr Bier trinken.
Wir erhalten die Möglichkeit, dass Menschen auch in 20, 50 oder vielleicht 90 Jahren hier zusammenkommen können.
Stell dir vor, wir treffen uns in fünf Jahren wieder im Furtner. Wann würdest du sagen: Der ganze Aufwand hat sich gelohnt?
Wenn dort Menschen zusammensitzen wie immer. Wenn sie reden, lachen, feiern, diskutieren, jemanden kennenlernen oder einfach nur froh sind, dort zu sein.
Wahrscheinlich wissen die Menschen dann überhaupt nicht mehr, wie knapp der Ort vor seinem endgültigen Aus war und wie viel Arbeit notwendig war, damit dieser Ort erhalten bleibt. Und das ist völlig egal. Im besten Fall merkt später niemand mehr etwas von all dem Aufwand.
Dann ist der Furtner einfach wieder das, was er immer sein sollte: Heimat für alle. Einer dieser letzten Orte, an denen sich ganz unterschiedliche Menschen begegnen und wohlfühlen können.

