19. Februar 2002: Adam Labus, 22 Jahre alt, tötet an seiner ehemaligen Arbeitsstelle in Eching und an seiner ehemaligen Schule, der Wirtschaftsschule in Freising, drei Menschen, eine weitere Person wird schwer verletzt. 24 Jahre ist die schreckliche Tat nun her. In einer Eigenproduktion – und zwar der ersten in seiner Geschichte – gedenkt das Asam nun dieser tragischen Ereignisse, indem es ein Theaterstück von Juli Zeh auf die Beine stellt und damit auch auf Tour geht: „good morning boys and girls“. Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher hat die Schirmherrschaft übernommen.
Das Theaterstück möchte sich ganz bewusst mit diesem hochaktuellen Thema an die Jugend wenden. „Die Welt wird kälter, unsere Gesellschaft härter und wir als Theater haben das Privileg und die Pflicht, Sachverhalte darzustellen, Geschichten zu erzählen und Gedanken zu provozieren, gerade für unsere junge Generation. Das Theater ist ein Ort der Fragen, der Diskussion und Auseinandersetzung. Uns ist es ein großes Anliegen gerade junge Menschen für das Theater zu interessieren und zu begeistern.“ So steht es im pädagogischen Begleitheft zu dem Projekt nachzulesen, das im Asamtheater vom 25. Februar bis 6. März 2026 sowie vom 9. März bis 13. März 2026 aufgeführt wird. Im Herbst geht man mit der Produktion, für die Martin Böhnlein die Regie übernommen hat, dann auf Gastspiel-Tour – Pullach, Unterschleißheim, Haar, Stadttheater Amberg, „alle haben Vorstellungen gebucht“, berichtet Kulturamtsleiter Markus Bader.
Im Theaterstück von Juli Zeh ist es Jens, aka „Cold“, der sich in seiner Fantasie seine 15 Minuten Ruhm bis ins kleinste Detail ausgemalt hat. Weil es vor ihm schon andere Amokläufer gab, muss seine Tat noch mehr Fassungslosigkeit hervorrufen als alles bisher Dagewesene. Er hört in seinem Kopf schon, wie seine Eltern CNN Interviews geben, wie seine Mitschüler ihn als typischen Außenseiter beschreiben, wie sein Bild durch alle Medien gehen wird.
In der Schule wird er von seinen Mitschülerinnen und Mitschülern kaum beachtet. Er wird gehänselt und gemobbt. Anerkennung findet er in der Online-Welt in seinem Counter Strike Team, wo er sich „Cold“ nennt, aber auch bei seiner Deutschlehrerin Frau Patt. Er schreibt Kurzgeschichten und träumt vom großen Ruhm, den er sich durch einen Amoklauf an seiner Schule erhofft. Jens hinterfragt nicht nur den Zweck der eigenen Existenz, sondern auch das privilegierte Leben seiner Eltern. Doch die Begegnung mit seiner Mitschülerin Susanne ändert alles. Obwohl Susanne nach außen angepasst wirkt, grenzt sie sich immer mehr von ihrer Umwelt ab. In Jens erkennt sie einen Verbündeten und ist für ihn Gesprächspartnerin und Freundin.
Jens‘ Vater ist ein erfolgreicher Galerist. Geschäftsreisen führten ihn schon um die ganze Welt. Vor allem auf seine Karriere und die eigenen Bedürfnisse fixiert, finden die Sorgen und Konflikte seiner Familie nur wenig Gehör. Besonders von seinem Sohn entfremdet er sich immer mehr. Als Jens in die Schule kommt, gibt seine Mutter ihren Job auf, um für die Familie zu sorgen. Doch ihr Sohn entgleitet ihr immer mehr. All ihre Bemühungen die Familie zusammen zu halten, scheinen sich ins Gegenteil zu verkehren. In Jens möchte sie weiter den unschuldigen kleinen Jungen sehen.
Die Deutschlehrerin, Frau Patt, beschäftigt sich eingehend mit Jens‘ Kurzgeschichten. Nur von ihr bekommt er positiven Zuspruch. Doch auch Frau Patt verkennt Jens Intentionen, oder will sie nicht sehen.
Die Besetzung:
Jens/Cold: Philipp Jouaux (Athanor Akademie)
Susanne: Lena-Maria Köhler (Athanor Akademie)
Vater/Danton: Johannes Lukas
Mutter: Jessica Latein
Frau Patt / Zicke: Stephanie von Borcke
Zum Hintergrund:
Am Valentinstag 2018 erschießt der 19-jährige Nikolas Cruz an seiner ehemaligen Schule in Parkland 14 Schülerinnen und Schüler und drei Erwachsene. Am 11. März 2009 sterben bei einem Amoklauf an einer Realschule in Winnenden 16 Menschen, darunter der Amokläufer. 2002 tötet ein ehemaliger Schüler am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 13 Lehrer, zwei Schüler, einen Polizisten und sich selbst. Am 20. April 1999 töten zwei Jugendliche 13 Menschen in der Highschool von Columbine. Der 19. Februar 2002 wird zu einem weiteren schwarzen Tag: Ein Attentat an der Wirtschaftsschule schockiert den Landkreis Freising. Ein 22-Jähriger tötet zunächst zwei Mitarbeiter einer Echinger Firma, aus der er zuvor entlassen worden war, fährt dann mit dem Taxi an die Freisinger Wirtschaftsschule, wo er kaltblütig Schulleiter Klaus Cislak erschießt und dann sich selbst.
Es war ein Tag, der Freising in eine Art Schockzustand und vor allem in tiefe Trauer versetzte. Genau 24 Jahre ist das nun her. Es ist ein surreales Bild, das sich an jenem 19. Februar 2002 rund um die Wippenhauser Straße bietet: Sondereinsatzkommandos der Polizei sind anwesend, Hubschrauber kreisen über dem Gelände, gepanzerte Fahrzeuge des Bundesgrenzschutzes sind vor Ort, rund 300 Beamte sind rund um die Schule postiert. In der Wirtschaftsschule spielen sich schreckliche Szenen ab. Nach Befragungen von Augenzeugen später ergibt sich folgendes Bild: Ein junger Mann namens Adam Labus, zwei Monate zuvor aus der Echinger Firma entlassen und davor von der Wirtschaftsschule geflogen, macht sich in der Früh zu einem Rachefeldzug auf. Erst fährt er nach Eching, wo er einen 38- und einen 40-jährigen Mitarbeiter der Firma erschießt, dann fährt er mit dem Taxi nach Freising. Er betritt das Gebäude, will sich eigentlich an einem Lehrer rächen, der in seinen Augen für seinen Rausschmiss aus der Schule verantwortlich war. Doch der ist krank. Er betritt das Sekretariat, trifft dort auf Schulleiter Klaus Cislak, redet ihn mit Namen an und gibt vor den Augen von zwei Sekretärinnen die tödlichen Schüsse auf den Schulleiter ab. Einem anderen Lehrer fügt er einen Wangendurchschuss zu. Danach zündet er zwei selbst gebaute Rohrbomben. Nachdem die beiden Rohrbomben gezündet worden sind, löst der Täter offenbar selbst den Feueralarm aus. Danach tötet er sich selbst. Der Feueralarm ermöglicht es dem Großteil der jungen Menschen, das Gebäude zu verlassen. Sie kommen in der gegenüberliegenden Berufsschule unter. Der Plan, die Schüler mit Bussen in die Luitpoldanlage zu bringen, muss wegen der katastrophalen Verkehrssituation in Freising aufgegeben werden. Denn weil die Polizei lange Zeit nicht sicher sein kann, ob der Täter noch in der Schule ist und vielleicht sogar Geiseln genommen hat, wird das Gelände um die Schule weitläufig abgesperrt. 28 Schüler und eine Lehrkraft können erst später das Gebäude verlassen, Polizeikräfte geleiten sie hinaus und bringen sie mit einem Panzerfahrzeug die kurze Strecke in die Berufsschule. Manche Schüler können – Mobiltelefone sind in jener Zeit noch nicht Standard – ihre Eltern zwar per Handy informieren. Für die Eltern, die sich am Ort des schrecklichen Geschehens einfinden, wird aber eine Informationszentrale in der Turnhalle des Camerloher-Gymnasiums eingerichtet.
Über Juli Zeh:
Die Schriftstellerin studierte zunächst Jura und später Europa- und Völkerrecht. Schon ihr Debütroman „Adler und Engel” wurde zu einem Welterfolg und in 35 Sprachen übersetzt. Es folgten 2004 „Spieltrieb“, dessen Bühnenfassung 2006 Uraufführung hatte und „Corpus Deliciti“ mit der Uraufführung 2007 bei der Ruhrtriennale in Essen. Außerdem veröffentlichte Zeh Kinderbücher, Erzählungen, Essays und Zeitungsartikel. Juli Zeh wurde für ihre Werke vielfach ausgezeichnet.
Dieser Artikel erschien im FINK-Magazin vom Februar 2026.
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