Timi geht essen: Poletto

von Tim Kugler, 02. März 2013

Letzte Woche war ich in Hamburg. Bei den sogenannten Fischköpfen. Die sind aber dort ganz nett, das kann ich euch versichern. Die sind sogar ähnlich knurrig und trinkstark wie wir Bayern. Eigentlich wollten wir nur ein paar Verwandte der Freundin besuchen und Sonntag früh kurz über den Fischmarkt schlendern. Doch dann ist mir die schier unfassbare Starkoch-Dichte der Hansestadt aufgefallen. Tim Mälzer mit seiner Bullerei in der Lagerstraße. Christian Rach mit seinem (leider) nicht mehr existenten Tafelhaus und dem famosen Grillhaus Rach & Ritchy. Das Le Canard von Ali Güngörmüs, meinem Lieblingstürken, der jetzt auch endlich einen Michelin Stern bekommen hat, oder auch das italienisch angehauchte Restaurant Poletto der nicht-mehr-Sterneköchin Cornelia Poletto. Zu letzterer Dame haben wir es dann trotz Termindruck auch geschafft, abends essen zu gehen. Vor allem hat mich natürlich interessiert, warum die bekannte Fernsehköchin ihren Stern verloren hat.
Der Laden liegt relativ zentral und wenn wir gewusst hätten, dass wir quasi nebenan wohnen, hätten wir uns die Taxifahrt für 2,50€ gespart und wären die 200 Meter zur Fuß gegangen. Aus dem Auto ausgestiegen und erst mal daran vorbeigelaufen. Der Starbucks Kaffee-Shop auf der anderen Straßenseite strahl ein so giftiges Grün auf die Straßenkreuzung, dass man das schlichte Poletto nur allzu schnell übersieht. Bis auf einen kleinen Schriftzug an der Fassade wirkt das Ganze eher wie ein beschaulicher Zigarrenladen. Wir betreten das Restaurant und werden recht fachmännisch und freundlich begrüßt. Die Mäntel werden abgenommen, alles scheint in Ordnung. Wir haben ja auch schon vor einem knappen Monat reserviert. Vielleicht bekommen wir ja einen der schönen Plätze am Fenster. Da hat man einen der schönsten Ausblicke auf den grünen Starbucks. Ja – genau DEN Platz bekommen wir. Und neben uns ein altes Pärchen. Die haben uns zwei an einen Vierertisch mit zwei Unbekannten gesetzt! Geht´s noch?! Sind wir denn her im Bierstüberl? Ich werde so ziemlich das gesamte Essen über den Ellenbogen des alten Herrn berühren – man mag es nicht glauben, aber ich hatte bereits erotischere Erlebnisse. Der Freundin ergeht es kaum besser. Sie darf zwar auf der Bank mit dem Rücken zum grellen Starbucks Platz nehmen, aber dafür hat sie das Interesse der älteren Tischnachbarin geweckt. Diese schaut sie stets mit einem allwissenden Blick an und versucht Kontakt aufzunehmen, um ihr mit kulinarischem Angeberwissen ein Ohr abzukauen. Arme Freundin. Unser Problem: Auch wenn das Essen jetzt dann fantastisch schmeckt, hat das Poletto eigentlich schon verloren. Da kann man sich nicht wirklich wohl fühlen, wenn man den Atem vom unbekannten Tischnachbarn spürt.

Unseren zwei Freunden scheint es aber zu schmecken – nur deshalb bleiben wir. Wir müssen lachen, weil wir wissen, dass wir uns unseren romantischen Abend abschminken können. Omi und Opi nebenan sind sehr interessiert an unseren Gesprächen. Wir begrenzen daher die Kommunikation auf ein Minimum. Ist ja auch mal ganz nett.
Wir sparen uns ein aufwändiges Menü und essen á la carte, das geht schneller. Zur Vorspeise gibt es die „Antipasti alla Poletto“, eine gemischte Vorspeisenplatte. Wir teilen sie uns, um zumindest etwas Romantik aufkommen zu lassen. Die kleinen Häppchen sind ziemlich gut. Ein kleiner Nudelsalat, gegrillter Fisch, Schinken, diverse Gemüse. Alles schwer in Ordnung. Aber nix besonderes – das kann mein Lieblingsitaliener auch.

Weiter geht’s mit unseren Hauptspeisen. Ich bekomme ein „Tatar vom Holsteiner Ochsenfilet mit lardo di colonnata, Wachtelei und Kresse“. Das Fleisch ist exzellent, der Rest allerdings ziemlich überflüssig. Wachtel Ei, eine einzelne Kaper, eine weiße Mayonnaise, eingelegte Schwammerl. Ich bin nicht gerade begeistert, was allerdings auch an der allgemeinen Stimmung liegen mag. Die Kellner wirken fast ein wenig verschreckt von der strengen Frau Poletto – da möchte ich nicht der Azubi sein, der den Pfannkuchenteig versaut hat. Das Ganze ist zudem so professionell aufgezogen, dass man etwas ganz Wichtiges – gerade in einem italienischen Restaurant – vermisst. Die Liebe. Ja, die kommt hier zu kurz. Ich will wilde Kellner, mediterrane Leidenschaft und rot-weiß-gemusterte Stofftischdecken. Stattdessen blickt mich auf dem tiefschwarzen Holztisch ein nüchternes, weißes Stück Papier im DinA2 Format an: „338 km2 Italien passen tatsächlich auf 100 m2 Eppendorf“ steht da geschrieben. Welch großkotzige Worte! Das hier hat, außer den Produkten, nix, aber gleich garnix mit Italien zu tun.

Weiter geht es für die Freundin mit einem italienischen Brotsalat mit Büffelmozzarella, geschmorten Tomaten und Pancetta (der exakte Titel des Gerichts wurde leider nicht notiert.). Was soll ich sagen? Seht euch die Bilder an. Das kennt man halt einfach. Hat wohl ganz gut geschmeckt. Dafür, dass wir jeweils nur ein Glas Wein hatten, werden wir gleich 120 Euro für das Bisschen zuammengeschusterte Firlefanz bezahlen. Nicht gut, teuer!

Beim Zahlen wird noch ein wenig gewitzelt und fachmännischer Smalltalk gebrabbelt. So lernt man das wohl in der „Poletto Servicekraft Schulung“. Ob wir jetzt noch im Anschluss ins Theater gehen, möchte die eingeschüchterte Service-Maus wissen. Ach du arme Service-Maus, denk ich mir, du hast keinen schönen Arbeitsplatz! Unbefriedigt verabschieden wir uns von unseren Tischnachbarn, die sich dann doch als ganz nett herausgestellt haben. Denen hat´s auch nicht so gut gefallen. Sind extra aus Köln hergekommen, war ein Geburtstagsgeschenk. Scheiß Geschenk.

Ein angenehmes Umfeld beim Essen ist von unschätzbarem Wert,
Timi