37. Literarischer Herbst: Anke Stelling • Schäfchen im Trockenen

Literatur, 18.11.2019, 20.00 Uhr

Sie hatten einen Traum, diese jungen Leute im Gefolge der 68er: den von der Chancengleichheit. Für sich selbst erwarteten sie nicht, dass er in Erfüllung gehen würde, aber für ihre Kinder, die sie voll Zuversicht in die Welt setzten. So sieht es Resi, die Ich-Erzählerin in dem vorliegenden Roman. Auch ihre Mutter hatte alle Zukunftshoffnungen in die Tochter gesetzt, sich selbst so weit zurückgenommen, dass in ihrem Tagebuch ein einziger Satz stand: „Wieder zu viel gegessen.“ Das will Resi nicht. Vor allem will sie nicht glätten und schweigen wie ihre Mutter, sondern ihrer jetzt vierzehnjährigen Tochter Bea die Augen öffnen über die Wirklichkeit des Lebens. Als Schriftstellerin ist sie sowieso legitimiert, ja verpflichtet, denkend und schreibend zum Urgrund des gesellschaftlichen Daseins vorzustoßen, Zusammenhänge freizulegen, irgendwie einen Sinn hineinzubekommen in das Ganze. Das gelingt ihr im zermürbenden Alltag immer weniger, mit vier Kindern und einem Künstler-Ehemann, der die ständige Geldknappheit auch nicht beheben kann. Noch wohnt die Familie in der Innenstadt, im Berliner In-Viertel Prenzlauer Berg. Aber nicht mehr lange. Der Hauptmieter, ein guter Freund aus der Clique, hat die Wohnung gekündigt und wird sie wie lästiges Inventar bald einfach raussetzen. Sie sind gemeinsam aufgebrochen, gleich nach dem Abitur, aus Stuttgart nach Berlin, um zu studieren, das auch. Vor allem aber, um zu leben, in Freiheit und ganz anders als die in Wohlstand konservierten Eltern. Nur Resis Eltern waren nicht wohlhabend. Macht doch nichts. Du gehörst trotzdem zu uns. Das schien zu stimmen. Auch wenn sie nicht zum Skiwochenende in die Berge mitkommen konnte, weil sie als Kind nicht Skifahren gelernt hatte. Kein Geld war da für Ausrüstung und Skikurs. Als sie zu Hause bleiben musste an jenem Wochenende, fing der Wurm ganz sachte an zu nagen. Die Hochzeiten und Familiengründungen, eine nach der anderen, weisen dann allen die gebührenden Plätze zu. Resi war die erste, die schwanger wurde und bald vier Kinder hatte. Die anderen sind trotz finanzieller Polster viel bedachtsamer vorgegangen. Künstler haben kein festes Einkommen, vier Kinder kosten Geld usw. „Das weiß man doch“. Freundin Friederikes binsenweiser Satz, geäußert bei jeder Gelegenheit, begleitet Resi fortan durch die Schwierigkeiten ihres prekären Lebens. Ist es Sozialneid, der die Schreiberin so wütend macht, ihren Ton so angriffslustig? Gut möglich, dass das mitspielt. Viel heftiger aber leidet sie wohl daran, dass materielle Dinge, Statussymbole, so wichtig geworden sind, so trennend sein können. Wo man doch ehrlich und solidarisch miteinander umgehen und sich gegenseitig durch die oft beträchtlichen Mühen hindurch helfen sollte, die sich bei allen ins Familienglück mischen.
Anke Stelling wurde 1971 in Ulm geboren und absolvierte ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie lebt als freie Schriftstellerin mit ihrer Familie in Berlin. Der vorliegende Roman wurde im Frühjahr 2019 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet.

Kartenverkauf: Bücher Pustet
Mitveranstalter: Bücher Pustet

Eintritt: 9,00 Euro