Schichten eines Augenblicks

Nach allen Regeln der Kunst zeigt die gebürtige Amerikanerin in ihren Bildern die unsichtbaren Details hinter der menschlichen Existenz.

von Anna Hentsch, 24. März 2020

Mit neutralen Farben und einem außergewöhnlichen Gespür für Teilstücke, fängt Sallie McIlheran Wunner den Alltag ein und hält ihn auf ihren Leinwänden fest. Sie zeigt Momente, kleine Augenblicke der menschlichen Realität, die der Betrachter kennt und einzuordnen weiß. Oftmals sind ihre Motive in Bewegung, auch deshalb bleibt man als Betrachter sofort im Bild hängen. Vielleicht, weil man einen langen Blick auf einen sonst kurzen Moment richten kann? Denn wie oft wünscht man sich, man könnte den Augenblick festhalten! Und hier hängt er an der Wand – ein Wimpernschlag, eingefroren in Farbe.

Schicht für Schicht

Sallie McIlheran Wunner schafft dieses Festhalten mit präzisem Strich, transparentem Aquarellieren und fantastischem Farbauftrag. Gekonnt setzt sie Techniken des Tafelbildes und Grafikfacetten ein. Mit Ölfarben, Aquarell und Bleistift hat sie ihren eigenen Stil gefunden, der leicht und gleichzeitig souverän wirkt, modern ist, aber sich nicht von Trends vereinnahmen lässt. Ihre bevorzugten Motive sind Personen, Landschaften und Ideen. „Ich halte immer die Augen offen. Interessante Gesprächsthemen, Literatur und das tägliche Geschehen sind meine Inspiration“, erzählt die gebürtige Texanerin mit heutigem Wohnsitz in Freising bei München. In der Umsetzung ihrer Motive und Bildideen sind ihr „neutrale Farben sehr wichtig, vor allem beim Bildaufbau. Oft beginne ich ein Bild mit einer Tönung.“

Detailliertes Dahinter

Während Sallie McIlheran Wunner Schicht für Schicht des Kunstwerks aufträgt, legt sie gleichzeitig in ihren verdichteten  Bildern viel über das Denken und Fühlen der Menschen frei. Nimmt man zum Beispiel die Bilder ihrer Serie „Autobahn Nocturne“. Sie zeigen nicht nur einfach eine Straße und Autos. Wie so oft zeigt die Kunst viel mehr als die sichtbare Realität. Im Fall von Sallie McIlheran Wunner liegt der faszinierende Reiz ihrer qualitativen Kunstwerke in dem dargestellten Verborgenen. Heinz P. Adamek, Universitätsdirektor der Universität für angewandte Kunst Wien, an der Sallie McIlheran Wunner Ende der 1980er Jahre Studentin war und mit einem Master of Fine Arts abschloss, beschreibt bei ihrer letzten Ausstellungen in Wien die Werke dieser Serie mit treffenden Worten: „Da sind die Bilder der Serie Autobahn Nocturne in raffinierten Abschattierungen, Kolonnen bei Nacht – eingefangene Momente des Fortschritts? Des Dahinrasens oder des Schleichens auf ausgefahrenen Spuren von Millionen Menschen unserer Zeit! Arterien der Zivilisation, die zur Sklerose neigen… Diese dichten Darstellungen bergen aber auch gleichzeitig Poesie, sind subtile Balladen der Bewegung, vom Woher und Wohin, vom Wo und Warum. Sie suggerieren uns Erwartungen des Abschieds oder des Wiedersehens, von Beziehungen oder Einsamkeiten, des Einander-Trennens oder des Zueinanderkommens.“ Und auch in ihren Porträts findet Adamek dieses „Innehalten zwischen Vergangenheit und Zukunft, in dem gleichsam der Zeitenlauf einen Lidschlag lang still steht, gleich einem Anhalten des Atems, hinter das Sichtbare, auf das Wesen, die Essenz menschlicher Existenz. Und so überrascht Sallie McIlheran Wunner den Betrachter mit Details, auf die sie den Fokus lenkt – und sei es nur auf einen roten Tenninisschuh, eine Espressotasse oder auf ein T-Shirt – immer aufs Neue…“

Spuren im Werk

Diese besondere Fähigkeit, das Kleine hinter dem Großen, den richtigen Moment wahrzunehmen und künstlerisch festzuhalten, entwickelte Sallie McIlheran Wunner nicht nur während ihrer Ausbildung; sie liegt auch in ihrer eigenen Lebensgeschichte begründet. Aufgewachsen in Texas, Amerika liebte sie die Malerei schon als Kind. „Durch meine Kunstlehrerin in Ft. Worth, Helen Silvestri, eine wunderbare und sehr originelle Persönlichkeit, die mich die Grundlagen der Technik gnadenlos gelehrt hat, bekam ich einen Platz in Ft. Worth am ‚Museum of Science and History‘ für die Nachmittagskunstkurse, die ich während meiner ganzen Zeit an der TVS High School  besuchte.“ Fasziniert von europäischer Kunstgeschichte und Malerei, bereiste Sallie McIlheran Wunner nach ihrem College-Abschluss Wien in Österreich. Ihre Bewerbung an der Universität für angewandte Kunst in Wien wurde angenommen, und so blieb sie fünf Jahre, um in der Meisterklasse von Prof. Wolfgang Hutter, einem prominenten Vertreter des „Phantastischen Realismus“ ihren Abschluss zu erlangen. Während dieser Wiener Zeit erlernte sie viele Grafik- und Maltechniken. „Ich habe viele künstlerische Vorbilder, quasi jeder Zeitabschnitt der Kunstgeschichte hat für mich besondere, inspirierende Vertreter. Die wichtigste Technik für mich war und ist die Alte-Meister-Technik“, erinnert sich die Künstlerin. Bei dieser Lasurmalerei wird in Schichten gearbeitet. Dünne, durchscheinende Farblagen werden während eines langsamen Prozesses übereinander gelegt. Dadurch entsteht eine besondere Leuchtkraft der Bilder, die lange erhalten bleibt. „Der allmähliche Aufbau von weißen Ei-Tempera, die Untermalung und Ölschichten – das hat meinen Stil der Malerei beeinflusst. Dazu die Präzision von Linie und Detail, sowie die Berücksichtigung der Farbe sind für mich von grundlegender Bedeutung.“ Bis heute ist davon viel in ihren Werken zu erkennen. Sie arbeitet in Schichten, die Zeichnungen sind präzise, die Farben lasierend aquarellig. „Meinen Malstil bezeichne ich heute als unabhängig und offen. Er ist nicht fixiert auf eine bestimmte Richtung. Im Laufe der Zeit tendiere ich mehr zu einem experimentelleren Stil“, erklärt die sympathische Künstlerin. Dabei kann es Jahre dauern, bis ein Bild fertig ist, alle Schichten aufgetragen sind: „Ich arbeite immer wieder an früheren Bildern, um veränderte Blickwinkel darzustellen. Deshalb ist es wichtig, niemals Arbeiten wegzuwerfen, man wächst mit der Zeit“, lächelt sie.

Blick auf die Welt

Wie sich Sallie McIlheran Wunners Blickwinkel im Laufe der Zeit verändert hat, beschreibt Heinz P. Adamek treffend: „Was sie einst aus der Neuen Welt, aus Texas, ins alte Europa an Eindrücken mitbrachte, was sie in Europa, zunächst vor allem in Wien, an ‚Bildern‘ seismografisch registrierte und bewusst-unbewusst auf ihren späteren zahlreichen Flügen in die verschiedenen Himmels richtungen aufnahm, stellt wohl eine Fülle an Momentaufnahmen dar, die schon in ihrer Studienzeit in ihrem Werk Spuren hinterließen, welche sich im weitgespannten Bogen an Themen und Interpretationen abzeichnen, wobei es ihr stets um die menschliche Essenz geht.“ Genau das transportieren ihre farbintensiven oder pastelligen Bilder, ihre filigranen Gestalten auf Fahrrädern, die Motive, die den Betrachter den Sommerwind spüren lassen, ihre Porträts voller Emotionen, zwischen Vergangenheit und Zukunft, festgehalten dank des scharfsinnigen Blicks und Könnens der Künstlerin. Worum es geht, bestätigt Sallie McIlheran Wunner nochmal: „Ich möchte mit meinen Bildern eine Auseinandersetzung mit den Themen der Welt, in der wir leben, vermitteln.“

Gegenwart und Zukunft

Als Gastprofessorin für „Anatomisches Zeichnen“ und „Zeichnen“ an der West Texas A&M University und der TCU Uniniversity unterrichtet sie heute Studenten in Malerei. In der Freisinger VHS gibt sie Kurse, wie zum Beispiel im März „Zeichnen im Botanischen Garten“ in München und „Freude am Zeichnen“ (www.vhs-freising.org). Nach zahlreichen Ausstellungen in Deutschland, Österreich und den USA, wird es auch vom 2. Juni bis 28. Juni 2020 eine große Einzelausstellung in der Schlossgalerie Steyr in Österreich geben (schlossgalerie.at). „Ich freue mich wahnsinnig auf diese Ausstellung“, verrät sie und lacht, „ich werde ganz neue Werke zeigen. Ihre Leser können sich dann selbst davon überzeugen.“