Mit dem Radl durch die Mandelplantage

Barbara Scholz erzählt von ihrem Aufenthalt in Kalifornien

04. Mai 2013

Mittlerweile ist es zwölf Wochen her, seitdem ich zum ersten Mal mit meinem Riesenbackpack etwas verloren am Union Square in San Francisco vom Flughafen angekommen bin und ich von einem sehr hilfsbereiten (oder eher geldbedürftigen) Obdachlosen eine City-Map in die Hand gedrückt bekommen hab. Seit drei Wochen ist es somit die längste Zeit bisher, in der ich von zuhause, von meiner Familie, meinen Freunden und vom schönen Freising weg bin. Aber, um ehrlich zu sein, an Heimweh leide ich hier eigentlich nicht. Mittlerweile hat sich sogar das kleine „unpersönliche“ Merced in ein einigermaßen gemütliches und heimeliges Städtchen verwandelt. Na gut, die in Maßen schöne Umgebung wurde nicht in ein Paradies verzaubert und das kalifornische Klischee von Surferboys, Strand und Meer ist etwa 120 Meilen entfernt, aber ich habe mich inzwischen sehr gut eingelebt, viele nette Leute und neue Freunde kennengelernt, schöne Ecken und viele Kühe gefunden, ein neues Hobby entdeckt (climbing – aufgepasst Kletterfans, um mal ein bisschen Neid zu schüren – der Yosemite National Park, quasi der Geburtsort der Kletterkultur, ist nur eine Stunde von Merced entfernt; Fotos folgen!) und mich von den erfahrenen Grad Students einlernen lassen, wie man hier am Campus erfolgreich auf Jagd nach Free-Food-Events geht.

Auch wenn wie gesagt die meisten Assoziationen, die man mit dem Namen Kalifornien verbindet, nicht auf mein nettes Städtchen zutreffen, hält zumindest das Wetter, was der liebevolle Spitzname des Staates verspricht: Sunshine State. Regen gibt es hier kaum und wenn dann doch ein kleiner Schauer kommt, dann ist für die Locals hier plötzlich gar nichts mehr awesome. Als ich letztens im Nieselregen in die Uni geradelt bin, höre ich plötzlich eine zweite schwer schnaufende Person von hinten und bin schon fast überrascht. Aber nein, die Einwohner Merceds haben nicht auf einmal die bayerische Radlkultur übernommen – mein Kumpane begrüßt mich mit einem netten „Servus“, er ist außer mir der einzige deutsche Student an der Uni, den ich kenne.

Ein weiterer Grund, der zu meiner guten Laune und Wohlfühlstimmung hier beiträgt, ist der Frühling, der mit einer gewaltigen und intensiven Wucht eingebrochen ist. Nachdem das Central Valley Nummer Eins im weltweiten Mandelexport ist, sind in diesen Wochen die Straßen von wunderschön blühenden und duftenden Bäumen umsäumt. Da lohnt es sich dann auch, eine 50-miles-Rad Tour durch die Anbaugebiete zu planen, die dann irgendwie – ganz nach amerikanischen Stil– spontan in eine 40-Meilen-Auto- und nur 10-Meilen-Rad-Tour umgewandelt wird. Das Wetter ist perfekt, die Sonne scheint und wir verbringen einen wunderschönen Tag. Solange wir auf den Pfaden bleiben, ist alles gut. Querfeldein wird es dann eher schwierig: In Schönbichl wird der Bauer grantig, wenn man in seinem Feld rumtrampelt. In Kalifornien wird er auch grantig. Und erschießt dich … munkelt man. Das wirkt. Wir sind ein kleines bisschen eingeschüchtert.

Mein letzter Wochenendtrip hat mich nach Los Angeles geführt. Leider ein Wochenende zu spät für den Oscar, also habe ich kein freundliches „Hey, what’s up, dude“ der netten Jennifer Aniston zurufen können und auch nicht den doch immer noch sehr attraktiven Johnny Depp um ein Bussi auf die Backe bitten können.
LA unterscheidet sich von San Francisco in vielerlei Hinsicht. Bevor ich nach LA gefahren bin, wurde mir hauptsächlich Negatives über die Stadt erzählt, sie sei „nicht schön”. Und im Großen und Ganzen stimme ich da zu. LA ist keine fußgängerfreundliche Stadt, ohne Auto kommt man da nicht weit. Die Distanzen sind so groß, dass man zu Fuß oder mit dem Rad nicht mal von einem Scientology Zentrum – und die sind doch sehr stark vertreten – zum anderen kommen würde, außer man plant einen Tagesausflug. Trotzdem findet man in jeder Stadt schöne Plätze und in LA sind das ganz einfach die bekanntesten Ecken unserer Filmwelt. Die berühmten Hills mit dem Hollywood-Sign live zu sehen, ist dann doch ein anderes Gefühl, als den Fernsehbildschirm noch dazwischen zu haben. Den Walk of Fame entlang walken, mit den eigenen Füßen in die Abdrücke der Stars stapfen und all die vielen verkleideten Hollywoodfiguren – das alles ist schön, mal gesehen zu haben, aber, um ehrlich zu sein, einmal reicht im Grunde auch. Den Sonntagvormittag verbringen wir am Strand von Santa Monica und beobachten drei Delphine, wie sie friedlich an uns vorbeiziehen. Ist halt irgendwie doch ein Paradies.

Am 17. März ist St. Patrick’s Day und dafür geht es mal wieder nach San Fran. Der Tag der Iren wird mit voller Aufrüstung gefeiert, überall funkelt es grün, aufgeregte Leute warten auf die Parade und, um die Wartezeit zu verkürzen, wird das ein oder andere Guiness geöffnet. Allerdings wird das alles mal eben auf den 16. März vorverschoben. Warum, weiß keiner so genau. Vermutlich, um den armen Berufstätigen einen intensiven Hangover-Sonntag zu gönnen. Die Parade ist riesig, sämtliche Vereine San Francisco’s (egal, ob auch nur die geringste Verbindung zu Irland besteht oder nicht) wurden rekrutiert, es gibt Musik, Süßigkeiten, Tanz, viel Gewinke und Gelächel und extra viel Grün. Australien, Kanada und Deutschland sind dank meiner Hostelfreunde und mir mittendrin vertreten. Das Ganze wird dann auch noch abends in den zahlreichen Irish Pubs ein wenig abgerundet mit – natürlich – noch mehr Guiness. Der beste Part des Abends ist allerdings ein recht crazy guy, der uns tanzend eine bühnenreife Unterhaltungsshow liefert, mit Gemälden redet, der Live-Band aus zehn Zentimetern Abstand auf die Finger schaut und wie eine Aufziehpuppe durch die Gegend bounced. In SF findet man ja wirklich alle Drogen, die man sich vorstellen kann. Welche von denen er jetzt genau genommen hat, ist und bleibt sein Geheimnis. Sicher ist aber, er hatte recht viel Spaß an dem Abend. Und wir auch! Um 2 Uhr ist dann allerdings Zapfenstreich, wie jeden Tag. Die Kalifornier haben anscheinend noch einen gesünderen Tagesrhythmus als wir.

Um mal noch kurz auf meinen eigentlichen Aufenthaltsgrund, das Forschungspraktikum an der University of California, Merced, zu sprechen zu kommen: Bislang wurde ich hauptsächlich in verschiedene Messmethoden eingelernt. Jetzt habe ich noch etwa drei Monate Zeit, um an meinem eigenen Projekt mit meinen lieben marine snails zu arbeiten. Ein optimistischer Zeitrahmen – es könnte ein bisschen knapp werden. Aber wie heißt es so schön: Schau ma moi, dann seng ma’s scho.