Freisinger im Ausland

Barbara Scholz ist zur Zeit für ein Forschungspraktikum in Kalifornien.

05. März 2013

Es ist der 3. Januar 2013, ich steh in meinem Zimmer, meine Klamotten sind über den Boden verstreut und mein noch leerer Rucksack steht erwartungsvoll vor mir. In diesen Rucksack müssen meine Sachen für die nächsten sieben Monate reinpassen. Sieben Monate, die ich alleine, komplett frei und unabhängig im sonnigen Kalifornien verbringen werde. Wird irgendwie ein bisschen eng im Rucksack, bevor ich dann doch noch rigoros aussortiere.
Meinen Bachelor in der Tasche, brauche ich erst einmal eine Pause bevor ich mit meinem Master anfange. Eine Zeit, in der ich einfach nur das mache, was mich interessiert. Reisen. Ausland. Das ist für mich klar. Und ein Praktikum muss her, das ganze Studium war dann doch irgendwie sehr theoretisch angehaucht. Also habe ich viel im Internet gesurft, viele Emails geschrieben, aber letztendlich entscheide ich mich für ein Forschungspraktikum in Marine Ecology and Evolution an der Unversity of California in Merced, welche in Kooperation mit dem Lehrstuhl meiner Bachelorarbeit steht. So kenne ich bereits meinen dortigen „Chef“, Prof. Mike Dawson, und weiß, dass er ein  zuverlässiger und guter Betreuer mit richtig interessanten Forschungsthemen sein wird.
Einmal entschieden, geht es an die Organisation des ganzen Projekts. Die Tatsache, dass ich nach Amerika gehe (was ich eigentlich nie im Sinn hatte), macht die Sache nicht leichter. Aus Angst, mich nicht mehr loszuwerden, lassen mich die Amerikaner einen monatelangen Visumsantragsprozess durchstehen und erst, nachdem ich ihnen auch versichert habe, dass ich eigentlich keine Terroranschläge plane („If yes, please give details!“ – …seriously??) und dass ich nicht vorhabe, mein Geld dort mit Prostitution zu verdienen, darf ich ins Land. Nachdem dann auch noch die Stipendiumsbewerbung durch ist, der Flug gebucht, und alle Versicherungen abgeschlossen, kann es losgehen – „California here we I cooooome!“
Im Flieger sitz ich neben einer wunderbar klischeeerfüllenden big American Mom und man glaubt es kaum, welche auch noch so belanglosen Aussagen man mit einem hysterisch-kreischenden „Oh my god, this is SO awesome!“ bewerten kann. Welcome to America!
San Francisco empfängt mich – genau wie big Mom – mit all seinen Klischees, die aber in diesem Fall alle wirklich „awesome“ sind. Eine Stadt, in der sich keiner als Fremder fühlt, eine Stadt, zu der die extrem wichtigen Business-Leute genauso zum alltäglichen Bild gehören wie die Skater, die sich ihren Weg auf dem Bürgersteig bahnen, die unzähligen Obdachlosen, die an jeder Straßenecke auf ihrem selbstgebastelten Schlagzeug ihr Können zeigen und gerne einen Dollar hätten, oder die Hippies, die dich in der Upper Haight Street anlächeln und dir ganz schwesternhaft jederzeit gerne ein bisschen weed abgeben würden. In dieser Stadt findest du nicht DEN Kalifornier, du findest Gesichter aus aller Welt, die unterschiedlichsten Lifestyles und – ohne poetisch klingen zu wollen – (fast) jeder hat ein Lächeln für dich übrig, jeder freut sich, dir die Tür aufhalten zu dürfen oder dir den Vortritt an der Kreuzung zu lassen. Und das Komische daran ist: Es scheint, als meinten sie es auch so. Zumindest die meisten.
Diese von Herzen kommende, liebe Leichtigkeit artet nämlich nicht selten zu einer aufgesetzten, ja fast aufdringlichen Hyperfreundlichkeit aus, die einem hier in den Staaten nicht selten begegnet. Bayerische Wirtshausatmosphäre gewohnt, muss ich mich erst an die Bedienung im Amerikanischen Fast Food Restaurant(!) gewöhnen, die in einem Abstand von 30 Sekunden mit erwartungsvollem Blick, die blendend weißen Zähne zeigend, in ihrem perfekten Amerikanischen Englisch und wunderbar angepasster Stimmmelodie wissen möchte, ob sie mir nicht noch einen refill bringen kann, vielleicht aber doch lieber noch ein paar Eiswürfel oder ob sie mir nicht einfach mein Essen vorkauen sollte. Völlig überfordert und mit vollem Mund versuche ich, ihr mit einem gequälten Lächeln zu zeigen, dass „ois basst“, ohne dabei die Mayonnaise und das beef unästhetischerweise wieder aus dem Mund zu verlieren. Spätestens nach dem sechsten, ALLERspätestens aber nach dem siebten Mal, würde ich gerne in ihr lächelndes Werbegesicht schreien, dass sie ihr heißersehntes Trinkgeld nur bekommt, wenn sie mich gefälligst in Ruhe essen lässt. Aber man ist es nicht gewohnt,  die Wahrheit zu sagen oder zu hören. So versuche ich mich brav anzupassen und schmatze ihr weiterhin ein „everything’s fine!“ ins Grinsegesicht.
In Merced – meine neue Heimat für die nächsten Monate, bevor ich dann wild im Amiland herumreise – angekommen, merke ich schnell, dass das eine ganz andere Kategorie als SF ist. Merced ist eine relativ kleine Stadt (etwa doppelt so viele Einwohner wie Freising) im Central Valley, etwa zwei Stunden von San Fran weg, mit einer recht impressiven Kriminalitätsrate und aktivem Gang-Leben, vielen Fast Food Restaurants, einer kleinen Shopping Mall, und ein paar wenigen Parks. Und: es ist ziemlich hässlich. Es liegt nicht unbedingt daran, dass es (außer alle Restaurants durchzuprobieren) eigentlich nichts zu unternehmen gibt, wenn man in einem Dorf mit 100 Einwohnern mit dem „Schlittenberg“ als einziges Highlight aufwächst, ist man das gewohnt. Aber Merced kann man sehr gut mit einem Wort beschreiben: unpersönlich. Als kleine Impression: Ich kaufe mir gleich in der ersten Woche ein Rad, um ein bisschen mobil zu werden, und bin doch sehr alleine auf den bike lanes. Von den Leuten in den Riesenmonster-Autos bekomme ich den ein oder anderen weird look, sie denken, ich bin ein bisschen crazy – die kann nicht von hier sein – Sport macht man nämlich nur im Fitnessstudio. Aha. Ich bin erstmal beschäftigt in meiner Straße mein Haus wiederzufinden – die schauen nämlich alle exakt gleich aus. Dafür ist das Haus aber riesig. Wir sind eine WG mit sechs Leuten aus fünf verschiedenen Ländern, haben eine große Küche, ein Wohnzimmer, eine Tischtennisplatte und einen Garten. Bevor ich geflogen bin, haben mich ein paar Leute „gewarnt“, wie langweilig  Merced ist. Sie haben zwar Recht gehabt, aber ich bin schließlich nicht allein mit dem Schicksal. Man kann immer und überall was erleben. Die Leute, die hier zur Uni gehen, haben einen gewissen Sarkasmus entwickelt und machen sich einfach so ein schönes Leben mit ihren Freunden und mit vielen Wochenendtrips. Also mach ich einfach mit.
Der Campus ist relativ neu und deswegen noch am Wachsen. Neben den essentiellen Dingen wie Cafeteria, Dining Hall alias Mensa, Bibliothek usw., gibt es ein Fitnessstudio für die Studenten und einen See in der Nähe. Die nächste Zeit werde ich an meinem Forschungsprojekt (dabei geht es um adaptive Radiation in marinen Schnecken und Zooplankton auf Palau, Mikronesien) im Labor arbeiten, ein paar Vorlesungen besuchen und ganz einfach, wie man so schön sagt, Erfahrung sammeln. Wenn ich (sehr viel) Glück habe, komme ich auch noch zu einem field trip nach Palau, mal sehen (→ would be awesome!).
Wie auch immer, ob Snowboarden am wunderschön ruhigen Lake Tahoe, Tauchen in Monterey, mit dem Motorrad über die Golden Gate Bridge düsen, die vielen verschiedenen Burger vergleichen, Super Bowl als kompletter Laie zwischen den eingefleischten Fans anschauen und versuchen, seine komplette Unkenntnis der Footballregeln zu verheimlichen, die kalifornische Januarsonne sich ins Gesicht scheinen lassen (nein, soo warm ist es hier trotzdem noch nicht), und zwischendurch dann doch auch ein bisschen arbeiten – ich kann mich definitiv nicht beklagen über die Zeit, die ich hier bisher hatte und die, die noch vor mir liegt.
Wenn man sich entscheidet, daheim eine Zeit lang alles stehen und liegen zu lassen und einfach wegzugehen, kann es gar nicht anders kommen: Man wird eine unvergessliche Zeit haben. Es läuft nie alles so, wie man sich es vorstellt, das wäre irgendwo auch recht langweilig. Unvermeidbar stolpert man über Hindernisse, erlebt unangenehme Situationen und, obwohl du natürlich nicht allein bist – im Endeffekt musst doch du selbst einen Weg finden, um deine Probleme zu lösen. Auf der anderen Seite stehen unzählige wunderbare, unbeschreibliche Momente, neue Leute, die du triffst (teils unglaublich seltsame, teils unbeschreiblich erfahrene und interessante Menschen, von denen du viel lernen kannst), neue Freundschaften, die du schließt, Landschaften und versteckte Orte, die du findest, Kulturen, die du kennenlernst. Und eigentlich ist gerade dieses Auf-sich-gestellt-Sein genau das, was diese Erfahrung komplett und so awesome macht.