Freisinger im Ausland

Eva-Maria Stockheim ist für die Initiative „MissionarInnen auf Zeit“ ein Jahr in Südamerika.

von Katrin Stockheim, 06. April 2013

Als Gemeindereferentin der Erzdiözese München und Freising habe ich nach dem Ende meines Studiums drei Jahre in Waldkraiburg gearbeitet. 2011 kam mir erstmals der Gedanke, ins Ausland zu gehen. Ich wollte die Chance nutzen, in einem anderen Land nicht nur eine fremde Kultur, sondern auch Kirche und Glaube kennenzulernen. Das Interesse daran führte dazu, dass ich mich bei der Initiative „MissionarInnen auf Zeit“ beworben habe. Anders als das veraltete Missionsverständnis der Kirche geht es in diesem Programm um die drei Grundpfeiler „Mitbeten“, „Mitarbeiten“ und „Mitleben“. Als Ziel für meinen Auslandsaufenthalt habe ich Südamerika gewählt, da das christliche Leben hier eine wirklich spannende Vergangenheit und aber auch Gegenwart hat. Nach einer intensiven Zeit der Vorbereitung, Präsenzseminaren, Sprachkursen und Landeskunde bin ich für meinen Einsatz in Südamerika von der Erzdiözese im Juli 2012 beurlaubt worden. Am 26. August 2012 ging mein Flieger nach Bolivien.
Die ersten zwei Wochen verbrachte ich in Sucre, der Hauptstadt Boliviens, um dort einen weiteren Sprachkurs zu besuchen und den Konvent der Pallottiner-Schwes-tern näher kennenzulernen. Danach brach ich in das Tiefland Boliviens auf, um an meine Stelle in Santa Ana del Yacuma zu gelangen. Ich wurde dort von drei Schwestern empfangen, mit denen ich in den kommenden Monaten zusammenlebte und arbeitete. Vormittags kochte ich in der Küche eines Altenheims, nachmittags betreute ich Kinder im Alter von 4 bis 12 Jahren, deren Mütter eine Art berufliche Weiterbildung machten. Leider gab es nur wenige Momente, in denen ich Einblicke in die pastorale Arbeit mit den Menschen bekam, dem eigentlichen Ziel dieser Reise. Daher bot mir die Organisationsleitung Anfang Dezember eine Stelle in Buenos Aires an. Vor Weihnachten packte ich also meinen Reiserucksack und verabschiedete mich von den Schwestern.
Ich kehrte zurück nach Sucre, von wo aus ich bis Anfang Februar verschiedene Trips unternahm, auf denen ich neben Bolivien auch Chile und Peru kennengelernt habe. Mich hat in diesen Wochen sehr beeindruckt, wie unterschiedlich die Länder auf diesem Kontinent sind. Natürlich wusste ich bereits vorher, dass Bolivien zu den ärmsten Länder Südamerikas zählt, doch dass der Unterschied so sichtbar ist, hätte ich mir nicht gedacht. In Santa Ana habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Sterben hier in Südamerika viel mehr im Leben verankert ist. Bei uns in Europa kommt es mir manchmal so vor, als wäre der Tod im hohen Alter etwas völlig Tragisches und Außergewöhnliches. Selbstverständlich sind der Verlust und die Trauer um einen geliebten Menschen auch hier deutlich zu spüren, dennoch gehen die Menschen viel gelassener damit um.
Seit sieben Wochen lebe ich nun in Buenos Aires bei italienischen Schwestern, die seit zwei Jahren in dieser Stadt sind. Gemeinsam versuchen wir das Haus, in dem wir wohnen, für Jugendliche und Erwachsene aus ärmeren Verhältnissen zu renovieren. Das Ziel ist, dass Jugendliche und Erwachsene hier eine Art Ausbildung machen können. Zudem würden die Schwestern argentinischen Jugendlichen gerne die Möglichkeit eines Freiwilligendienstes in Europa anbieten. Neben den Renovierungsarbeiten besuche ich gemeinsam mit den Schwestern ein Armenviertel der Pfarrei, um dort eine Kirchengemeinde aufzubauen. Zudem bekomme ich Einblicke, wie sich hier die Vorbereitungen auf die verschiedenen Sakramente gestalten. Die Unterschiede sind schon auf den ersten Blick zu erkennen: So dauert hier die Erstkommunionvorbereitung zwei Jahre, in Deutschland ist dies meist nur auf wenige Monate beschränkt. Neben all diesen Aufgaben bereitet es mir zudem viel Freude, ehrenamtlich für Obdachlose zu kochen und Krankengottesdienste in einem der Altenheime zu feiern.
Ein ganz besonderer Tag in Buenos Aires war natürlich der 13. März, der Tag, an dem der hiesige Kardinal Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt wurde. Zum Zeitpunkt, als der weiße Rauch aufstieg, war ich in der Pfarrei. Sämtliche Menschen, die mir dort begegneten, kamen mir Freude strahlend und mit Tränen in den Augen entgegen. Die Leute erzählten sich sofort, wie jeder Einzelne den Erzbischof von Buenos Aires kennengelernt und welche Erfahrungen sie mit ihm gemacht haben. Natürlich gab es in der Innenstadt einige Autokorsos, doch meiner Meinung nach beschreibt folgender Satz, den ich immer wieder höre, die Stimmung am besten: „Yo no puedo creer…“ –
Ich kann es nicht glauben! Die Menschen können es einfach noch nicht so richtig begreifen, dass einer von ihnen plötzlich zum Oberhaupt der Kirche gewählt wurde.
Bis Ende Juli werde ich noch in Argentinien bleiben, um Menschen und ihre Geschichten, ihre Lebenseinstellungen und ihre Erfahrungen mit der Kirche und dem Glauben kennenzulernen. Dann setze ich mich wieder in den Flieger nach Hause, wo hoffentlich mein Freund auf mich wartet, ohne dessen Unterstützung ich wegen meines Heimwehs schon lang wieder daheim wäre.