Freising verglichen. Perspektiven einst und jetzt

von Florian Notter, 02. Oktober 2011

Die Fotografien wurden von der Prinz-Ludwig-Straße aus in südliche Blickrichtung aufgenommen. Beide zeigen die Stadteingangssituation am Ende der Ziegelgasse. Auf dem historischen Foto, das um 1895 entstanden sein dürfte, ist das wehrhafte Gepräge des alten Freising noch nachvollziehbar. Noch steht das Ziegeltor. Wenig später, im Jahr 1898, ließ es die Stadt als letztes der sechs Freisinger Stadttore abbrechen. Wie bei der Zerstörung des Münchner Tores 1878 gab es auch hier viele nachdenkliche Stimmen, die vor dem Verlust des Denkmals warnten. Letztlich wurden diese nicht gehört, das Tor musste fallen. Infolge des Abbruchs ging man – zumindest im Ansatz – an eine städtebauliche Neuordnung des ehemaligen Torbereichs: Das Haus östlich des Tores (im Bild links) wurde von Grund auf neu erbaut, nach Westen ausgerichtet und mit einer reichen Fassadengliederung versehen. Im Fall des Hauses westlich des Tores (im Bild rechts, verdeckt) hatte man durch den Einbau einer Ladenzone zumindest versucht, sich der neuen Situation anzupassen. Was jedoch unwiederbringlich verloren war, war eine prägnante Stadteingangssituation, die deutlich macht, was „innen“ und was „außen“ ist, eine Situation, wie sie eben nur ein Torturm wie das Ziegeltor bieten konnte: Abgrenzung und Öffnung in einem. Genau dieses Problem hat viele Jahrzehnte später der Architekt und verdiente Stadtheimatpfleger Adolf Deppisch (1907-1968) erkannt, als er das westliche Eckhaus Kammergasse/ Ziegelgasse (das heutige „Schmeckhaus“) plante. Mit diesem auffallenden Bau ist es gelungen, auf eine damals zeitgemäße Art und Weise die dortige Eingangsfunktion – zumindest auf einer Seite – neu zu interpretieren, ohne sich dabei nur irgendeines historisierendes Elementes zu bedienen. Indem hier auf die „unpraktische“ Ecke verzichtet und stattdessen ein prägnanter, sich über zwei Ebenen erstreckender Viertelbogen aufgeführt wurde, scheint man einerseits versucht zu haben, den Ansprüchen der (damals) modernen „autogerechten“ Stadt Rechnung zu tragen; andererseits ist es gerade dieses offene, fast gänzlich durchfensterte Element, das das Haus von seiner traditionell bebauten Umgebung so eklatant abhebt und dadurch der historischen Eingangssituation etwas von der Aufmerksamkeit und Bedeutung zurückgibt, die ihr mit dem Abbruch des Ziegeltores einst genommen worden war. (Fotos: Freisinger Digitale Fotosammlung)